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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-12 · Heft 24 (12.6.1914) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 24 (12.6.1914)
Date
1914-06-12
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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WWWMMW f Alle Einwendungen des unglückseligen Kaufmanns gegen die monströse „Auslegung" waren vergeblich. Er bot der Behörde auch an, an Ort und Stelle eine Kopie herzustellen und sie nach' dem Original beglaubigen zu lassen. Nichts hals. Eine Kopie muß es sein, sonst Ausweisung. Tie Beamten lachten höhnisch, und der arme Kaufmann erster Gilde mußte unverrichteter Dinge abreisen und nach Kursk zurückkehren. Ter Pfiffige Beamte wird aber wahrscheinlich eine Belohnung erhalten. Solche Gesetzesansleger sind nur in Rußland zu finden . . . Die angekündigte „Nationalisierung" des russischen Handels hat übrigens bereits ihre Früchte getragen. Allen Protesten der russischen Industriellen und Handelshäuser zum Trotz, hält die Regierung an ihrem Projekt fest. In Bachmut mußten 15 Bergwerke, deren Aktionäre überwiegend Juden sind, geschlossen werden, da die Negierung die Beteiligung von Juden an Unternehmungen, die nüt Grundbesitz verbunden sind, verbietet. Man kann sich leicht dcnken, wie schon dadurch die russische Industrie geschädigt wird. Aber was kümmert das die russische Regierung? Sie ließ sich neulich von ihrem Agenten in Berlin (einem getauften Juden) telegraphieren, die maßgebenden Kreise in Deutschland seien keineswegs durch das neue Regierungsprojekt beunruhigt und sahen darin keine Schädigung der Industrie. Diese „maßgebenden Kreise" sind wahrscheinlich die Kreise um die russische Botschaft in Berlin. So läßt die russische Regierung für sich im Auslande „Stimmung" machen und gibt sich bcnnit zufrieden. Die Hauptsache ist, daß Purischkewitsch und der Student Golubew in Kiew, die Führer der „Schwarzen Hundert", befriedigt sind. Alles übrige — Volkswohlstand, Recht und Gerechtigkeit, politisches Ansehen nach außen — ist den Maklatows und Barks ganz gleichgültig. * Von Nah und fern. Herr I u lins I a c o b y hat aus Gesundheitsrücksichten sein Ehrenamt als B v r s i tz e n d e r des Borstandes der Berliner jüdischen Gemeinde, das er seit 1901 innehatte, niedergelegt. Herr Iacoby, der jetzt im 91. Lebensjahre steht, war seit 1809 Mitglied der Repräsentantenversammlung und seit 1879 Mitglied des Borstandes. Die Einweihung des neue n Kranke n h a u s e s der j ü d i s eh e n G e m e i n d e, Exerzierstraße Ecke Schulstraße, findet am Montag, den 2 2. Juni, mittags 12 Uhr, statt. Der Geheime Sauitätsrat Dr. Wilhelm B l n m e n f e l d, Preußischer Stabsarzt d. R., ist am 9. d. Nt. im Alter von 75 Jahren gestorben. Der bekannte Berliner Rechtsanwalt Geheimer Justizrat Marimili-an K e m p e r beging am 8. d. M. seinen s e ch z i g st e n Geburtstag. Der frühere Mitinhaber der Seideufirma E. u. S. Bing, Simon B i u g, und der ehemalige Inhaber -der Baumlooilivareufirma Singer u. Wnhrenberg, Fritz Singer, sind, wie die „Tertil - Woche" meldet, zu Handelsrichtern ernannt worden. Herr "Jl v r bert L e v y , Inhaber der hiefig<n bekänriten Nketallfi.rma R. Leoy u. Ev., wurde in Allbetracht seiner Berdieuste um die Schöpfung der Berli-ner Knpferbörse zum preußischen Kounuerzienrat ernannt. Wir haben in der vorigen Nummer an dieser Stelle über eine Stiftung von 40 0i_>0 Mark berichtet, die Professor Magnus Nt eher der Berliner Armendirektivn überwiesen hat. Wie im§ nun von befreundeter Seite mitgeteilt wird, ist der Name des Stifters falsch wiedergegeben. Es handelt sich hier nur das Bermächtnis von 40 000 Mark des am 18. v. Nt. verstorbenen Geheimen Regierungsrats Professor Paul M a g n u s zu Ehren seines Baters, des bekannten Stadt- und Geheimen Kommerzienrats Meyer- Nt a g n u s , der am 11. Februar 1888 verschieden ist. — Aus Züllichau wird uns geschrieben: Unser Vorstandsmitglied, der Stadtverordnete Isidor F r i e d l a e n d e r , ist am 24. v. M. in Altheide gestorben. Seine unermüdliche Arbeitsfreudigkeit, sein schlichtes, herzgewinnendes Wesen sichern ihm für alle Feit «ein treues Gedenken, auch bei der Provinzialkasse Brandenburg-Bromberg für jüdische Wauderarmeufürsorge und dem Braud.mburgi selben Provinzialgcmeil^deverband, denen er ein wackerer Mitarbeiter war. Ein Hauptverbreiter der unsinnigen Gerüchte von einem angeblichen i.u Zempelburg von Juden verübten Ritualmord an dem durch Gasvergiftung verstorbenen Dienst in ädchen Jda Schmidt, worüber wir seinerzeit berichteten, war der Kaufmannssohn Bernhard S t.r i tz k e von dort, der sich dieser Tage wegen öffentlicher Beleidigung vor der Strafkammer in Könitz zu verantworten hatte. Er wurde nach mehrstündige r Verhandlung zu drei Mona t e n- Gefängnis verurteilt. — In Birnbaum wurde eine Bolksbadeaustalt eingeweiht und eröffnet, die mit einem Kostenaufwand von 65 000 Mark errichtet und von Herrn Osc ar Ti etz in Berlin, dem Ehrenbürger der -Stadt Birnbarm, anläßlich seiner silbernen Hochzeit gestiftet worden ist. — Die seit 1899 bestehende und etwa 700 Seelen umfassende Synagogengerneinde Köln-Ehrenfeld ist mit Genehmigung des Regierungspräsidenten der Gemeinde Köln einverleibt worden.— Am 24. v. M. fand in Münster unter reger Beteiligung die ordentliche Generalversammlung des Vereins zur W a h r u n g der r e l i gi ö se n In t ere s s en de s Iu de n tum s i n W estfa l en statt. Dr. Rubens (Gelsenkirchen) gab den Borstandsbericht, der eine Erweiterung der bisherigen Arbeit auf religiösem und kulturellem Gebiet nachwies. Nach Erledigung verschiedener innerer Bel einsangelegenheiteu hielt Rechtsanwalt Dr. I. Kahn (Köln) elneu Bortrag über die Ausgaben und die Zukunft der Landgenwinden Westfalens, in dem er insbesondere vor der Landflucht und dem Zuge nach der Großstadt warnte. — Dem Geheimen Sauitätsrat Dr. 1 affe und dem Sauitätsrat Dr. G ü n z b e r g in Frankfurt a. M. ist der Ro-te Adlerordeu vierter Klasse verliehen worden. — In W i e n ist vor kurzem Herr Dt a r k u s W e i ß m a n n E h a j e s, ein hervorragender jüdischer Gelehrter, in hohem Greiseualter verschieden. Bon seinen Schriften erwähnen wir besonders seine Glossen zum Jeruschalmi (Krotoschin 1866) und Dibre Ehachaunm (Wien 1892). - Im Jahre 1912 zählte man in Ungarn 561 Muttergemeinden. und 1789 Filialen, und zwar: orthodoxe 819 Haupt- und 1815 Filialgemeindelr, Kollgreß 182 Haupt- und 888 Filialgemeinden, Statusquo 60 Haupt- und 186 Filialgemeinden. Gegen 1911 hat die Orthodoxie 2 Hauptgemeindeu mehr und 9 Filialgemeindeli welliger, die Kougreßorganisativn 4 Filialgemeinden weniger, die Statusquo 4 Hauptlind 6 Filialgemeinden weniger. Diese Statistik läßt feinen Schluß auf die Seeleuzahl zu. So zahlt die Poster Kougreßgemeiude alleinan 180 000 jüdische Seelen, also nahezu dell fünfteir Teil aller Juden Ungarns. In Kroatien gibt es 27 Gemeinden. — Aus Paris wird gemeldet: Madame Emile Deutsch de la Meurthe, eine wegen ihres Wohltätigkeitssinnes hochangesehene Dame, hat dem Präsidium der jüdischeil Gemeinde 100 000 Francs für die Wohltätigkeitseinrichtuugeu derselben gespendet. Als ein interessanter Beweis für die leichte Assimilatioussähigkeit der Juden mag die Meldung aus London dienen, lvonach unter den im Jahre 1918 in England naturalisierten 1700 Ausländern sich 600 russische Jllden befallden. Aber auch unter den als Oesterreicher, Ungarn, Deutsche lmd Türken verzeichneten neuen englischen Staatsbürgern gibt es sehr viele Inden, so daß Eingeweihte behaupten, daß im Jahre 1918 zumindest zwei Drittel der Naturalisierten Juden waren. Das ist um so bedeutsamer, als ja bcfannt ist, daß gerade in England die Bedingungen, an welche die Naturalisation geknüpft ist, sehr streng sind, unb daß die Aufnahme eines Ausländers in den englischen Staatsverband von der Ablegung einer schweren Prüfung in englischer Sprache abhängig ist. — Durch, große Feuersbrüuste sind mehr als tausend jüdische Familien im Gouverueluent Kown-o brol- und obdachlos geworden. Fast in einen Trümmerhaufen verwandelt ist die Kreisstadt Keidavh, die eine jüdische Bevölkerung von etwa 10 000 Seelen zählt. Das gleiche Schicksal teilten die Städte Boboria, Skala, Dißna, Kvpust und viele andere kleine Städtchen. Die Not ist dort unbeschreiblich. Schleunige Hilfe tut not. - Anläßlich der jüngsten Graduierung der Absolventen der jüdischen landwirtschaftlichen Hochschule -in Woodbyne im Staato^New-Aork sind der Justitutsleitung so viele Gesuche von Gutsherren um Zuweisung von Absolventen der Anstalt zugekommen, daß viele dieser Ansuchen unberücksichtigt bleiben mußten. Die betreffenden Farmbesitzer erklärten in ihrer Zuschrift, daß die jüdischen Farmer imb Agronomen allen anderen bevorzugt werden, und ganz besonders sind es die Absolventen der Baron Hirschschen landwirtschaftlichen Hochschule voll Woodbyne, welche gesllcht werden. Das Kuratorium der Allstatt hat mm eine Erweiterung derselben beschlossen, lind mit dem beginnenden Schuljahre wird die Zahl der aufzunehwenden Schüler verdoppelt werden. Woodbyne ist bekanntlich die einzige ausschließlich jüdische Stadt in Amerika, in welcher sämtliche öffentlichen Stellen, vom Bürgermeister bis zum letzten Straßenkehrer, von Juden besetzt sind. _ _ Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin - Pankow, Florastratze 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin-

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