Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229148--70489-3282837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Giud itta (sieht ihn fragend an): Bei meinem nicht gerade seltenen Karderobenwechsel ist mir wirklich im Augenblick nicht gegenwärtig, bei welcher Gelegenheit ich das genannte Kostüm, das mir als ziemlich einfach in der Erinnerung vorschwebt, getragen habe. Edgardo: Nun, bei der Zeugenvernehmung im Bankprozeß! Du erschienst damals, so gekleidet, für wenige Minuten im Zuschauerraum. Es war schon geraume Zeit seit meiner Lossagung von dir verstrichen. Dein Vater wurde an jenem Tage als Zeuge vernommen, und ich mußte leider im Saale anwesend sein als Sachverständiger wegen der Briefe in deutscher Sprache. Noch einmal hatte ich die schrecklichsten Seelenkämpfe durchzukämpfen. Denn als dein Vater als glaubwürdiger Zeuge vernommen wurde, brannte cs mir auf den Lippen. Am liebsten hätte ich in den Saal gerufen: „Verhaftet den Zeugen, er ist mitschuldig." Aber da fiel mein Blick auf dich, lind ich war ein zweites Mal machtlos, dem Rechte zum Siege zu verhelfen. Daß du dich auf die kostbare Pelzgarnitur, welche dir so gilt stand, heute kaum noch besinnen kannst, ist bezeichnend genug für dich kleinen Flattergeist. Gleich nach den ersten Stunden, die ich dir gab, merkte ich wohl, ich war dir nicht gleichgültig. Aber um deine Hand anzuhalten, wäre mir damals noch nicht in den Sinn gekommen wegen deines Aufwandes mit Kleidern und Schmuck. Selten habe ich dich ein und dasselbe Kleid oder ein und denselben Hut tragen sehen; und die wenigen Male, wo es geschah, hatte ich den begründeten Verdacht, du tatest eS, um in meinen Augen einfacher zu erscheinen, als du tatsächlich warst. G i u d i t t a (indem sie sich ihren kostbaren Perlenschmuck vom Halse und eine prachtvolle Straußenfeder vom Hute reißt und beides mit Füßen tritt): Meinst du wirklich, ich hätte mir aus diesem Ptlinder je etwas gemacht! Von jeher fand ich Gefallen daran, mich sein und elegant zu kleiden. Warum sollte ich es auch nicht tu», solange ich es konnte! Alle sagten mir und sagen mir noch heute, ich hätte eine imposante Figur. Warum sollte ich sie nicht ins rechte Licht stellen! Aber selbstverständlich hätte ich auf allen äußeren Schmuck verzichtet, hättest du auch nur durchblicken lassen, du fürchtetest dich vor meinem Aufwand. Ich hätte jedwede Bedingung angenommen, um die Deine zu werden, und finde nichts dabei, dies in Gegenwart von Frau Valeria öffentlich zu erklären. 6. Auftritt. Giuditta, Edgardo, Valeria, Nachele. Rachele (hereingerannt): Aber, Tante, dir sind ja deine Feder und die Perlenkette an die Erde gefallen. Soll ich sie nicht allsheben! (Sucht alles sorgfältig zusammen und gibt es ihr) Hier, Tante! - Giuditta: Ich weiß, deine Eltern, besonders Papa, würden nie erlauben, daß du ein Geschenk von mir annimmst. Aber da du doch nun einmal die Perlen so sorgfältig von der Erde aufgelesen, bitte ich ihn, dieselben für dich so lange aufzuheben, bis du einmal einen recht guten Mann bekommen wirst. Dann soll dich jede Perle an eine Träne erinnern, die die Tante um deinen lieben Papa geweint hat, als er einst vor einer langen, langen Reise Abschied von ihr nahm. Valeria: Mein Rachelchen, hier ist kein Ort für dich! Sage der Tante, wenn du sie doch einmal so nennen willst, schönen Dank für das Geschenk. Papa wird es dir schon aufheben; ich selbst, die Mama, bitte darum. Rachele: Ich danke dir, liebe Tante. (Gibt Giuditta dabei einen Kuß, den diese durch Wiedergabe vieler, mit großer Leidenschaft erwidert.) Valeria (zu Nachele): Ich muß dich selbst hinausbringen, sonst läßt du die Tante und uns nicht in Ruhe. Gestatten Sie einige Minuten, gnädige Frau (geht mit dem Kinde hinaus). 7. Auftritt. Edgardo, Giuditta. Giuditta (indem sie ihm den Perlenfchmuck in die Hand gibt): Edgardo, ich sehe aus allem, du bist auch ohne mich glücklich geworden. Wie froh bin ich darüber. Entsetzlich wäre mir der Gedanke, das unendliche Opfer, was du für meine Familie gebracht, hätte dich zu einem Verzicht auf die Freuden des Familienlebens veranlaßt. Edgardo: Es ist ja richtig. Erst nachdem ich dich verheiratet wußte, habe ich daran gedacht, mir ein Heim zu gründen. Und bei allen weiblichen Wesen, die mir in den Weg kamen, habe ich mich in erster Linie gefragt, inwieweit sie dir ähnlich wären. Und endlich bin ich einer begegnet, die dir äußerlich so ähnlich sah wie eine Schwester der anderen und innerlich viel von deinem Wesen chatte, ja vielleicht noch reiner, veredelter, abgeklärter war wie meine Schülerin von damals. Giuditta: Du mußt aber auch bedenken, ich war damals erst siebzehn Jahre, als unser Roman sich abspielte! Nach deinen Erklärungen von heute fühle ich mich viel beruhigter und sicherer. Ich fürchtete immer noch, wie mir jungem Ding von den Meinigen gesagt worden war, ich hätte dich irgendwie beleidigt und dadurch die Trennung veranlaßt. Aber nun fühle ich mich endlich frei von jeder Schuld. Den Fehler meines guten Vaters habe ich reichlich gebüßt, indem ich mein Lebensglück dafür hingab. Edgardo: Bist du denn aber mit deinem Mann und deinen Kindern nicht sehr glücklich? Giuditta: Wie man es so eben sein kann, wenn man ein Jahrzehnt auf den eigentlichen Herzensgeliebten vergeblich gewartet hat und schließlich einen Witwer mit Kind heiratet. Ich habe meinem Manne nichts vorzuwerfen. Er tut alles für mich. Er ist jedenfalls besser zu mir als ich 311 ihm. Was er, der Geschäftsmann, mir aber nicht zu bieten vermag, und was ich seinerzeit durch dich genoß, das ist die höhere geistige Atmosphäre. Wenn ich noch Neides fähig wäre, würde ich Frau Valeria darum beneiden. Der letzte furchtbare Schlag, den ich deinethalben empfing, war, als mir eine „gute Freundin" wie zufällig erzählte, du hättest dich verheiratet. So wenig Sinn es auch hatte, ich empfand das wie eine Beleidigung. Wenn er überhaupt heiraten wollte, warum hat er mich nicht genommen! fragte ich mich. Die Unterhaltung von heute hat mich aber seelisch beruhigt, geläutert. 8. Austritt. Giuditta, Edgardo, Valeria. (Valeria tritt herein.) Giuditta: Doch nun, meine Lieben, ist's wirklich genug Allzu reichlich habe ich eure Zeit in Anspruch genommen. Valeria: O nein, meine Gute, Sie haben doch selbst gesehen, für Sie hatten wir sie gern übrig. Giuditta: Was mir den Abschied von Ihnen beiden so schwer macht, ist der Gedanke, er könnte wieder auf so unendlich lange Zeit sein. Ich wage es gar nicht, Edgardo aufzufordern, zu uns zu kommen. Ich weiß genau, bei seinem Charakter würde er nie einen Schritt über unsere Schwelle setzen, schon um meinem Vater nicht zu begegnen. Und Sie, liebe Frau Valeria, würden mich wohl einmal besuchen und ich Sie dann auch noch einmal. Damit hätte aber auch unser Verkehr ein Ende. Wissen Sie gar keinen Ausweg, wie wir uns, besonders geistig, wieder nähertreten könnten! Edgardo: Ich muß dir offen bekennen, warum soll ich die schweren Kämpfe der Vergangenheit stets von neuem in mir aufleben lassen! Du hast ganz recht: von einem engen Verkehr unserer beiden Familien möchte ich nichts loissen, so hoch ich dich auch schätze.