Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 285 Es hat keinen Wert, sich weiter mit dem Flugblatt auseinanderzusetzen. Es spricht für sich. Erfreulicherweise hat die antisemitische Agitation bei der Arbeiterschaft und dem Bürgertum wohlverdientes Fiasko erlitten. Darum in letzter Zeit so intensiv die Bearbeitung der studierenden Jugend. Leider hat sich diese von den unsauberen antisemitischen Praktiken nicht ganz fernzuhalten vermocht. Gleichwohl ist auch hier trotz der größten Anstrengungen des Antisemitismus eine starke Gegnerschaft gegen diesen bereits deutlich erkennbar. So bleibt denn zu hoffen, daß der gesunde Sinn unserer Studenten den Antisemitismus aus Reinlichkeitsgründen ablehnt und als das erkennt, was er in Wirklichkeit ist: als eine charakterlose Spekulation auf die niedrigsten menschlichen Instinkte. haben luden die Ghntten im Jahre 64 in Kam der Lrandltittung brlchuMigt? P. Corssen hat kürzlich die Vermutung ausgesprochen, der jüdische Historiker Josephus stehe als Anreger hinter der Reronischen Christenversolgnng. Der kurze Bericht, den die „Vossische Zeitung" über Cvrssens Vortrag brachte, enthält, wie mir ein Zuhörer bestätigte, alles, was zur Begründung der kühnen These dienen sollte. Danach liegt der Fall also: Jur Jahre (>4 brennt ein großer Teil Roms nieder. Das erregte Volk beschuldigt den Kaiser Nerv, um eines Schauspiels willen den Brand angestistet zu Haben. Um die Beschuldigung von sich abzulenken, klagt der Kaiser die junge Gemeinde der Christen der Brandstiftung an und verfolgt sie: Corssen fragt: Wie kam er auf die Christen? Werden die dem Kaiser überhaupt bekannt gewesen sein? Sollte hinter der Anklage nicht ein näherer Feind des Christentums stecken? Während des Brandes (?) war Josephus im Interesse einiger gefangen gehaltener Priester in Rom. Er erreichte ihre Befreiung mittels der Kaiserin Poppaea Sabina, die dein jüdischen Glauben anhing. Mehr als das, er erhielt von der Kaiserin Geschenke. Zweite Frage: Wofür? Josephus spricht in seinen Werken nicht vom Brande Roms. Dritte Frage: Weshalb nicht? Und viertens: Josephus mußte naturgemäß Feind des jungen Christentums sein. So Corssen. Im wissenschaftlichen Sinne läßt sich das nicht widerlegen, denn cs ist nichts bewiesen, sondern nur Unbeweisbares behauptet worden. Die Thesen stützen einander, wie der Lahme den Blinden. Weshalb hätte Josephus denn den Brand erwähnen sollen? Seinen Aufenthalt in Rom streift er (Vita 3) ganz kurz in zwei Sätzen, und es ist ganz ungewiß, ob er überhaupt während des Brandes anwesend war. — Man traut seinen Angen kaum, daß ein ernsthafter Forscher auch die Geschenke in diesen Zusammenhang zieht. Immerhin: eine gründliche „Forschung", die nicht einmal vor Bondoirgeheimnissen Halt macht. Josephus ein Feind des Christentums — ein Gegner sicherlich. Aber es ist etwas ganz anderes, ihm deshalb eine verbrecherische Beschuldigung der Christen zuzumuten. Es genügt, daraus hinzuweisen, wie fern der Schluß der Voraussetzung steht. Es ist etwas Schönes um -den Mut, seine wissenschaftliche Persönlichkeit für eine Vermutung einzusetzen, die nicht hinreichend bewiesen, aber der Wahrscheinlichkeit nahegerückt werden kann. Aber unter allen Umständen ist es verwerflich, dieses schöne Recht zu mißbrauchen »nd mit mangelndem Respekt vor dem, was nicht bewiesen werden kann, an die Stelle der Forschung das Ausspüren mittels der Wünschelrute treten zu lassen. Corssen steht nicht allein. Neu ist bei ihm nur, das; er auf Josephus bezieht, was andere im allgemeinen auf die römischen Juden beziehen. Man tat dies seit alters ans der Empfindung heraus, daß der Unterschied zwischen Juden und Christen damals in Rom kaum anderen als diesen selbst bewußt gewesen sein kann. Diese Ansicht glaubte Harnack vor einigen Jahren durch ein literarisches Zeugnis stützen zu können, durch eine Stelle ans dem Apologetischen Gedicht des christlichen Dichters Commodian, der in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts, nach Harnack sogar erst im vierten Jahrhundert, schrieb, h. O. Hirschfeld, MommseuS Nachfolger auf dem Lehrstuhl der römischen Geschichte, widerlegte dies in der schlüssigsten Weise.2) Der Beweis ist so durchsichtig, daß auch der Laie ihin folgen kann. Commodian wird durch einen Zeitgenossen des Brandes und Historiker von höchster Glaubwürdigkeit widerlegt, durch Tacitus: wie Hirschfeld gegen Harnack nach- ■ wies, verstand Tacitus (Annalen XV 44) sehr gut, zwischen Christen und Inden zu unterscheiden, schweigt bei dem Brande und der Christenverfolguug aber völlig von den Juden. Tacitus gegenüber verliert Commodians Zeugnis jeden Wert. „Das Bestreben, die Schuld des Verrats von den Christen abzuwälzen und den Inden in die Schuhe zu schieben, kann bei einem christlichen Schriftsteller, der zwei oder gar drei Jahrhunderte nach der Neronischen Verfolgung schrieb, wahrlich nicht befremden." Nach Hirschfelds Ausführungen sollte man die Akten über dieseir Fall für geschlossen halten. Trotzdenr muß man erwarten, daß von Zeit zu Zeit immer wieder einmal ein geheimnisvoll raunender Wind die Blätter hebt. Aber man möge das dann für ein windiges Spiel halten und nicht für die Stinune der Vergangenheit. E. T ä n b l e r. ysggy,; 1SSLf. Iflattj -wilichg Jahren! Schauspiel in einem Aufzug von Ermanno Loevinson. (Schluß.) d g a r d o : Es war auch noch ein Umstand, der mir die Handlungsweise deines Vaters in besonders schwarzem Lichte erscheinen ließ. Unlautere Handlungen von Juden im geschäftlichen Verkehr und in dem mit Behörden sind meines Erachtens nach einigermaßen, wenn auch nicht zu eutschuldigen, so doch erklärlich in denjenigen Ländern, in welchen es unseren Stammesgenossen durch Gesetzgebung oder Gewohnheitsrecht so schwer gemacht wird, sich anständig durchs Leben zu schlagen, nicht aber in einem Lande wie Italien, wo uns alle Berufe ofsenstehen. Unehrliche Handlungen unsererseits verdienen hier eigentlich eine doppelt strenge Sühne. Und wehe deinem Vater, wenn ich, ohne dich zu kennen, in diesem Prozesse auf der Geschworenenbank gesessen hätte! Es gab auch einen Anlaß, bei welchem mich mein Gerechtigkeitsgefühl beinahe veranlaßt hätte, ihn öffentlich zu denunzieren. Giuditta: Wann wirre denn das gewesen? Edgardo: Als du deine schwarze Pelzgarnitur trugst. Harnack, Analecta zur ältesten Geschichte des Christentums in Nom (Texte und Unters, z. Geschichte der altchristlichen Literatur), N. F. XIII 2, 1905, S. 7 ff, 2) Kleine Schriften, S. 409 ff., vorher vorgetragen in der Akademie der Wissenschaften am 22. Februar 1910.