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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-12 · Heft 24 (12.6.1914) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 24 (12.6.1914)
Date
1914-06-12
Page
Seite 284 (sequence 8)
Language
German
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284 Seine Verwandten setzten alle Hebel in Bewegung, um für den Verurteilten, der aus romantischer Verblendung sich für andere geopfert, Begnadigung herbeizuführen. Alexander v. Humboldt machte seinen großen Einfluß beim König Friedrich Wilhelm IV. geltend, und schließlich ward die Strafe, deren Schwere selbst die härtesten Beurteiler des Falles in Erstaunen setzte, in eine einjährige Gefängnisstrafe mildernd umgewandelt, an die aber die harte Bedingung der Verbannung ins Ausland geknüpft war. So ging denn Arnold Mendelssohn, nachdem er seine Strafe verbüßt hotte, nach Konstantinopel und Syrien. Im Jahre Js:>4 nahm er auf türkischer Seite als Arzt am Krimkriege teil, dabei starb er auf einem Parforcemarsche nach Bajazid. Man berichtet, daß er die letzten Jahre seines Lebens schon schwer unter Seeleukämpfen gelitten, daß er es heftig bereut hatte, den phantastischen Überredungskünsten eines einundzwanzigjährigen Jünglings nachgegeben 51t haben, um in edler, schwärmerischer Aufwallung seinen Forschungen untren zu werden. So starb in der Blüte der Jahre ein siebenuuddreißigjähriger Gelehrter, der zweifellos, ohne diese Phantastische Wendling seines Lebens, in der Glanzzeit der Berliner Heilkunde, an deren Entwicklung er mitgearbeitet, eine Zierde derselben geloorden lväre. Wir die Antilrmiten die Studenten einkangen wollen. Von stud. jur. Ernst M a r t i n Linz, Mannheim-Heidelberg. or mir liegt ein der studierenden Jugend gewidmetes antisemitisches Flugblatt mit der Uebersehrift „Hie Tent! hie Juda" und den: Hinweis auf die Zeit vor hundert Jahren. Wenn man die hochtrabenden, fast poetischer: Phrasen, an denen sich allenfalls noch eine Wernerseele begeistern kann, ausscheidet, so erkennt man die ganze Jämmerlichkeit des reaktionären Elaborats, das mit ebenso kühnen wie innerlich unwahren Behauptungen vollgespickt ist. Was die Reminiszenz von 1818 betrifft, so hätten wohl unsere Antisemiten allen Anlaß, sich über jene Zeit ansznschweigen. Nicht die „Teutsch-Bölkischen", sondern das deutsche Volk in der Einigkeit aller Stämnre haben Napoleon geschlagen m:d das Vaterland gerettet. Taß damals als höchstes Ziel die deutsche Einheit nicht erreicht wurde, das verschuldete die unmittelbar folgende, dem heutigen Antisemitis-! mus geistesverwandte Reaktion und nicht der „verjudete Lilie-! ralismus". Genau wie die neulich au dem Reichsgedanken : rüttelnden Preußenbündler, unsere patentierten Patrioten, sicherlich in keiner Beziehung mit dem „umstürzlerischen Indent:::::" stehen. Oder glauben die Antisemiten, daß sich das Jahr 1818 und die geistigen Strömungen jener Zeit sonst irgendwie für ihre Zwecke zum Vergleich eignen? Wollen die Werner und Lattmam: einen Freiherrn vom Stein, Fichte oder Gneisenau als ihre Männer in Anspruch nehmen? 'Es ist unzweifelhaft, daß sich der Schöpfer der allgemeinen Wehrpflicht für die preußische Armee und andere Reformer die Zukunft ihrer Werke ganz anders dachten, als sie durch die geloorden sind, die diese Männer mit tendenziöser Geschichtsklitterung verherrlichen. Nachdem das geschmackvolle F— lngblatt — jeder Antisemit ist bekanntlich Aesthet von Geburt — sich ir: der als Einleitung gedachten ersten Spalte also verhauen Yak, verfällt es in fast Mitleid erregende:: Pessimismus, dieweil „selig sind, die Verfolgung leiden", und schulmeistert unsere ihm abgeneigte schwächliche Zeit, indem es um sich wirft mit kriegslüsterner Poesie: „Kampf ist der Vater der Begeisterung, fauler Friede ist Tod." Das Papier erbringt damit den Beweis dafür, wenn es weiter nnten schreibt, daß Vaterlandsliebe heute vielfach Chauvinismus genannt werde. Mau höre aber, was es weiter verbricht: „Jeder noch nicht Entnervte fühlt, wie ein feiger Friede, innen u-nd außen, alles Heldische in lmserem Volk aufweicht; es sind nicht die Schlechtesten, die beten: Herrgott, gib uns Kamps! . . . Trotzdem geht es wie schleichende Ermattung durch unser Volk; wer mit ihm fühlt, leidet auch mit ihm, spürt eine kraftverzehrende Not, in der anscheinend aller Wille zur Erhebung und Empörung erstickt, um so verderblicher, weil ihre innere Ursache den meisten unkennbar bleibt." Ja, ja, die Zeiten, in denen man kraftstrotzend in Tierfellen spazierte, sind vorüber. Es wird im weiteren von Staat und Volk geredet, von „unsrohen, häßlichen, an Leib und Seele kraftlosen Menschen", vor: der „erschütterten Familie", von der „in Aeußerlichkeit entarteten Religion", der noch einige andere hübsche Attribute beigegeben sind, ::nd von den: Schwinden von Treue, Pflicht, Opsersinn und Vaterlandsliebe. Jetzt kommt, lver natürlich an all dem schuld ist. Es ist das Judentum, das sich heute nicht nur vollster Gleichberechtigung erfreut, sondern das von oben geliebt und verhätschelt wird. „Die Judenfrage ist demnach die Frage, ob wir dulden wollen, daß das Judentum die Oberleitung auf allen Lebensgebieten übernirumt, um die Söhne und den Geist unseres Volkes aus alle:: maßgebenden Schichten zu verdrängen." Tableau! So ist's zu lesen in fettgedruckte:: Lettern. Dieweil Statistik eine feile Dirne, glaubt man, sich auch ihrer, um Eindruck zu schinden, bedienen zu könne::. De::::: „Bereits sind 17 Prozent aller Lehrstühle mit Hebräern besetzt, während sie nur 1 Prozent der Bevölkerung ausmachen." Warum schreibt das Papier nicht: bereits sind fast Uill Prozent aller Stellen in der Diplomatie in: Besitz des Adels, während er nur einen ganz geringen Bruchteil der Bevölkerung ausmacht? Aber die hohe Zahl jüdischer Professoren beweist zun: antisemitischen Zweck ebensowenig gegen die Inder:, wie beispielsweise die niedrige „Zahl" deutscher Raubmörder jüdischen Glaubens in diesem Sinne etwas für die Juden beweist. Die Tatsache, daß der Durchschnittsjude in Deutschland wirtschaftlich besser gestellt ist als der Durchschnittsangehörige anderer Konfessionen (was ihn, abgesehen von anderen Momenten, der Begehungswahrscheinlichkeit eines Raubmords stark entrückt), läßt es begreiflich erscheinen - und die Tozentenlaufbah:: erfordert leider bekanntermaßen gesicherte finanzielle Verhältnisse — daß wir eine größere Anzahl Inden zumal bei nicht geringerer Qualifikation ans unseren Lehrstuhle:: antrefsen. Naiv - tollpätschig, aber anerkennenswert ehrlich wendet sich das Blatt an die Studenten also: „Mit euch trifft er (der Jude) in seinem unstillbaren Streben nach der Führerschaft zusammen, und ihr müßt znrückw.eichen, damit er vorwärtskommt." Hier haben wir's also. Der Verfasser sah anscheinend selber ein, daß seine „philosophisch-theoretischen" Ausführungen nicht recht Ziehen, und kommt daher auf das Materiell- Praktische, um „mammonistische" Instinkte zu erregen, die er oben selber bekämpft: er macht darin weiter. Seine Ehrlichkeit ist ihn: jedenfalls zu danken. Wir wissen jetzt, was Motive und Zweck des Antisemitismus sind: Furcht und Neid und daher Kampf gegen die Konkurrenz, die heute schon überall nicht nur durchaus gleichberechtigt ist, sondern natürlich besonders geliebt und von oben allemal vorgezogen wird.

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