Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
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283 Bedeutung in der medizinischen Wissenschaft; im Jahre 1839 hatte der berühmte Mediziner Johann Lukas Schoenlein die wichtige Entdeckung gemacht, daß der Erbgrind, eine Hautkrankheit, durch einen Schimmelpilz hervorgerusen werde. Auf R. Remaks Vorschlag wurde dieser Pilz dann Arliorcon Sclioenleinii genannt, zum Andenken an seinen Entdecker. Bedeutsam und wichtig an dieser Entdeckung war, daß zum erstenmal ein Kleinlebewesen als Erreger einer menschlichen Krankheit erkannt worden war, nachdem dies vordem nur von Tierkrankheiten erwiesen war. Aus dieser Entdeckung Schoenleins nun beruhten die Forschungen des jungen Dr. Mendelssohn, der in seiner Doktorschrift zum erstenmal mikroskopische und klinische Untersuchen über den Erbgrind veröffentlichte und nachwies, daß der Erbgrind übertragbar sei. Dabei kommt er freilich auch zu Schlüssen, die später als falsch sich erwiesen. Nach seiner Promotion schloß sich Mendelssohn an Ludwig Traube, diesen berühmten Mediziner jüdischer Herkunft, an, der mit seinen experimentellen Studien an Tieren der medizinischen Wissenschaft ganz neue Wege wies und der Begründer der experimentellen Pathologie wurde. Ludwig Traube hatte damals Perkussionskurse an den Patienten eines befreundeten Armenarztes eingeführt und Mendelssohn beteiligte sich an diesen Kursen, bis die Armendirektion sie verbot. Dann unternahm er mit Traube gemeinsam jene Tierversuche. Das Ziel dieser Versuche war, krankhafte Erscheinungen an Tieren absichtlich hervorzurufen, um an ihnen die Stadien der Krankheit genau beobachten, und diese Beobachtungen zum Besten der erkrankten Menschheit verwerten zu können. Diese Versuche sind später wieder und wieder bis in unsere Tage hinein von den sogenannten Vivisektionsgegnern bekämpft worden, doch haben gerade die bedeutungsvollen Forschungen Traubes bewiesen, daß wir ohne diese Experimente zahlreichen Krankheiten gegenüber noch völlig im Dunkeln tappen würden. Traube ist freilich nicht der erste, der solche Tierversuche anstelltc, vielmehr kam diese Methode aus Frankreich, und Traube gebührt nur das Verdienst, sie in die deutsche Heilwissenschaft eingeführt zu haben, freilich ohne hier große Erfolge mit ihnen zu erreichen. Mendelssohn aber war ein ausgezeichneter Gehilfe Traubes an diesen Versuchen, die zuerst in Traubes Wohnung, daun in der Tierarzneischule ausgesührt wurden. Der Dritte im Bunde war der spätere Professor Rühle in Bonn. Aber Mendelssohn zeichnete sich vor den Freunden bei diesen Versuchen durch eine gewisse manuelle Geschicklichkeit aus. Offenbar hatte er von seinem Vater das mechanische Geschick ererbt, und seine Aufgabe war es, die Versuche so geschickt und einfach anzuordnen wie möglich. Virchow berichtet, daß ihm in dieser Hinsicht keiner der Arbeitsgenosfen gleichkam. Besonders galten diese Versuche zunächst einer Forschung, die Schoenlein, dessen Assistent Traube geworden war, angeregt hatte, einer Untersuchung des Kervus vagus und dessen Einfluß auf die Respiration und den Blutumlauf. Die Versuche gingen von "der Beobachtung aus, daß Tiere, denen man den lVsrvus vagus durchschneidet, an Entzündung der Lunge erkranken, so daß man annahm, daß diese Entzündung lediglich eine Folge der Nervenlähmung sei. Mendelssohn wies aber nach, das; die Nervdurchschneidnng ein Kehlkopfleiden Hervorrufe und in dessen Folge eine Lungenentzündung entstehe. Er veröffentlichte diese Ergebnisse in einer Schrift „lieber die Lnngenhhperämie", die von den Sachverständigen mit vielem Beifall ausgenommen wurde und den Verfasser zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, wenn auch späjpr Traubes weitere Forschungen ergaben, daß Mendelssohn Puch hier wieder in seinen Schlußfolgerungen zu weit gegangen war. Jedenfalls darf auch diese Studie Mendelssohns, die neben seiner Promotionsschrist die einzige literarische Arbeit des Forschers blieb, in der Geschichte der Medizin als eine der ersten Arbeiten über experimentelle Pathologie nicht unerwähnt bleiben. Da kam die Hatzfeldaffäre, die diesem hoffnungsvollen Fvrscherleben ein Ziel setzte. Mendelssohn war mit Lassalle von Jugend her befreundet. Der um acht Jahre jüngere Ferdinand Lassalle übte aus Arnold Mendelssohn einen faszinierenden Einfluß. Ludwig Traube hatte Mendelssohn schon vor dem verführerischen Zauber dieses hochbegabten Jünglings gewarnt, aber Mendelssohn schwärmte, wie alle Welt, für den geistvollen Jüngling und folgte ihm blindlings. Durch Mendelssohn lernte dann Lassalle auch die Gräfin Hatzfeld kennen, die von ihrem Gatten bedrängt, betrogen, verfolgt und ihres Sohnes beraubt wurde. Lassalle nahm sich der weinenden Gräfin an und kam eines Tages zu Mendelssohn und einem Assessor Oppenheim, dem Sohn eines millionreichen Bankiers und fragte die Freunde, ob sie ihm auf Tod und Leben helfen wollten, die Gräfin zu beschützen, und bereit wären, selbst ihre eigene Existenz zu opfern. Der feurigen Beredsamkeit Lassalles war nicht zu widerstehen, sie schwuren ihm Gefolgschaft. So reisten alle drei nach Düsseldorf, wo Graf Hatzfeld damals lebte, um Material gegen ihn zu sammeln. Inzwischen war aber der Graf mit seiner Freundin, einer Frau v. Meyendorff, nach Aachen gereist, und Lassalle hatte in Erfahrung gebracht, daß diese im Besitze einer Schenkungsurkunde des Grafen über einen Teil des Vermögens war, durch welche das Kind der Gräfin seines Besitzes beraubt gewesen wäre. Lassalle überredet seine Freunde, der Frau v. Meyendorfs überallhin zu folgen, um die Schenkungsurkunde zurückzuerhaltcn. So kommen sie nach Köln *tmb steigen mit Frau v. Meyendvrff gemeinsam im Mainzer Hof ab. Am anderen Tage, unmittelbar vor Abfahrt des Damvsboots, sieht Oppenheim, daß der Bediente der Dame das Gepäck hinabträgt, unter anderem auch eine Kassette, in der er das Dokument vermutet. Ein unbedachter, unüberlegter Plan steigt rasch in ihm auf, und während der Diener das Gepäck einen Angenblick verläßt, stürzt Oppenheim mit der Kassette davon, und, weil er selbst von Aachen keinen Koffer mitgebracht hatte, in Mendelssohns Zimmer, damit dieser die Kassette in seinem Koffer birgt. Dieser ist verblüfft, kommt aber gar nicht zur rechten Ucberlegung, denn er kann und will den Freund nicht im Stich lassen, und nimmt die Kassette, um sofort mit ihr abzureisen. Er wird von der Polizei verfolgt, springt unterwegs ans dem Waggon, Koffer und Kassette im Stich lassend, flüchtet querfeldein und erreicht Paris. Sein im Stich gelassenes Gepäck, bei dem auch ein Reisesack Oppenheims war. wird beschlagnahmt, und der dadurch verdächtige Oppenheim verhaftet. In der Assisensitzung gestand Oppenheim den Diebstahl offen ein, aber auch die Gründe, die ihn verleitet, und da diese keine unedlen waren, man dem Sohne eines vielfachen Millionärs auch sofort glauben konnte, daß nicht die Absicht einer Bereicherung vorlag, so wurde er sreigesprochen. Das geschah im Dezember 1846. Da glaubte nun Arnold Mendelssohn, daß, wenn schon Oppenheim, der Urheber des Diebstahls, freigesprochen würde, für ihn erst recht keine Gefahr vorhanden sei, hatte er doch nur, um den Freund zu retten, an der Tat teilgenommen. Was konnte dem Mitschuldigen geschehen, wenn der Schuldige frei ansging? Sv kehrte er im Juni 1847 aus Paris zurück und stellte sich freiwillig den Behörden, sobald er deutschen Boden betrat, in Köln. Auch er kam vor die Assisen und — was keiner vermutet hatte — er ward im Januar 1848 von den Geschworenen des Diebstahls in einem öffentlichen Gasthause schuldig befunden und zu fünfjähriger Zuchthausstrafe verurteilt.