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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-12 · Heft 24 (12.6.1914) · p. Seite 282

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 24 (12.6.1914)
Date
1914-06-12
Page
Seite 282 (sequence 6)
Language
German
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282 Voltaires, Nousseaus, Herders und Wielands, die einem Verwandten zugewiesen werden. Auch diese Auswahl ist von großem Interesse. Die genannten Schriftsteller sind wohl die, auf deren Werke der Testator besonderen Wert legte; ausfallend ist, daß Lessing fehlt, der doch gewiß in der Bibliothek eines gebildeten Juden seinen Platz hatte; bezeichnend, daß Goethe und Schiller nicht genannt werden. Eine fernere Bestimmung des zehnten Paragraphen, der von den hinterlasfenen Essekten handelt, verdient gleichfalls eine Mitteilung. Sie lautet: „Von meinen Bildnissen soll jeder meiner Söhne seine eigene Arbeit zurückbekommen; die übrigen werden ebenmäßig durch das Los oder durch Uebereinkunft an sie verteilt. Nur mein eigenes Bildnis fvll meinem Bruder Salvmon Veit auf fein Verlangen entweder im Original verbleiben oder, wenn es mein Sohn Johannes Veit zurückzuhaben wünscht, so hat derselbe meinem Bruder Salomon Veit eine Kopie selbst auzufertigen und zu übergeben und in diesem Falle das Orrginal für sich zu behalten." Das hier erwähnte, von Johannes Veit herrührende Bild Simons ist, soweit ich weiß, visher nicht publiziert, denn das in Martin Spahns Buch über den Maler Philipp Beit, Bielefeld 1 DO 1, Seite 65, mit der Unterschrift: „Der Buchhändler Simon Veit", veröffentlichte Lelgemälde stellt nicht den Mann, um den es sich hier handelt, dar — Simon war nicht Buchhändler, sondern Bankier —, sondern den bekannten, aber später lebenden Buchhändler, Schriftsteller und Politiker Moritz Veit. Möglicherweise ist das hier erwähnte Bild identisch mit einem aus dem Meyerbeerschen Nachlaß stammenden Oelgemälde, das sich jetzt im Besitz des Geheimen Justizrats Hermann Veit-Simon in Berlin befindet. (Doch läßt sich nicht feststellen, ob dieses Bild das ursprüngliche Gemälde von Johannes Veit oder eine von diesem angefertigtc Kopie ist.) Im Schluß des Testaments behält der Testator sich das Recht der Anfügung von Kodizillen vor. In den Akten des Kammergerichts befinden sich ferner die Empfangsanzeigen der Erben und der Legatare. Tie Empfaugsanzeige von Johannes Veit ist datiert: Berlin, 30. November 1819; die von Philipp Veit: Nom, den 18. Januar 1820. Auch sämtliche übrigen Empfangsanzeigen sind erhalten; für die Freischule „der Direktor Bendavid ph. dr.". Name und Aktenstück ganz eigenhändig. Ter gesetzliche Erbschastsstempel wurde „nach völlig beendeter Regulierung der Verlnssenschaft" am 21. Septeinber 1820 mit 305. Talern bezahlt. Ich glaube, daß die Veröffentlichung dieses merkwürdigen Aktenstückes bei den Lesern dieses Blattes allseitigem Interesse begegnen wird. Denn es gibt nicht bloß einen Beitrag zur Geschichte einer noch hellte weit verbreiteten ilnd hoch angesehenen Berliner Familie, sondern ist von großem kulturhistorischeu Werte. Ter stille, bescheidene Mann, der lvährend seines Lebens und nach seinem Tode von vielen verkannt wurde, freilich von keinem Geringeren als Moses Mendelssohn nach seinem vollen Werte geschätzt ward, erscheint hier als eill lvahrhast edler; seine Gesinnung zeugt von einer so echten und tiefen Hunlanität, daß sie den Nachlebenden als schönes Beispiel dienen kann. Lin?u Anrecht Vergrllrner. Bon Egon N o 8 k a. er bevorstehende fünfzigjährige Todestag LassalleS wird auch die Erinnerung an den Berliner Arzt Arnold M e n d e l s s v h n wachrufen, der an dein berühinten Kassettendiebstahl für die Gräfin Hatzfeld beteiligt war, und der einzige von allen denen gewesen ist, die mit diesem Diebstahl zu schaffen hatten, der schwere Strafe erlitt und darüber zugrunde ging, obwohl er zweifellos der Unschuldigste war. An Arnold Mendelssohn hat sich ein tragisches Geschick erfüllt. Er, ein Mitglied jener berühmten Familie Mendelssohn, von der ein jeder Angehörige zu geistiger Bedeutung gelangt ist, ein Enkel des Philosophen Moses Mendelssohn, einer, der zweifellos Fähigkeiten befaß und in sich entwickelt hatte, die ihn dazu ausersehen scheinen ließen, den Ruhm dieser Familie auch auf einem Gebiete zu begründen, aus dem dieser Name noch nicht vertreten war, dem der ärztlichen Wissenschaft, wurde aus dieser ruhmvollen Laufbahn verdrängt durch eine Tat, welche vor dem Gesetz zweifellos strafbar, vor dem Richterstuhl der Moral vielleicht gar als edel und hochsinnig bezeichnet werden inuß. So ist dieser zweifellos bedeutende Mensch ausgestoßen worden aus dem Reiche hervorragender Geister; das „Biographische Lexikon berühmter Aerzte", in das er unbedingt gehört und das weit unbedeutendere Mediziner aufsührt, erwähnt ihn nicht, und wenn man seinen Namen nennt, geschieht es eben nur noch in jenem verdächtigen Zusammenhänge mit dem Kassettendicbstahl und auch dann meist so, daß man kaum weiß, daß er in diese Angelegenheit in einer Weise hineingezogen ward, die für ihn nur als ehrenvoll bezeichnet werden kann. Hier soll nun in Kürze gezeigt werden, daß Arnold Mendelssohn nicht das Geschick rühmlosen oder gar verdächtigen Andenkens verdient, daß sich vielmehr das Judentum dieses Mannes nicht zu schämen braucht, von dem Rudolf Virchow, einer seiner wissenschaftlichen Strebensgenossen, sagt, daß er in einem einzelnen Gebiete der wissenschaftlichen Heilkunde, dem der experimentellen Pathologie, „vielleicht berufen gewesen wäre, das Beste zu leisten". Arnold Mendelssohn war, wie erwähnt, ein Enkel des Philosophen. Sein Vater, Nathan Mendelssohn, war Moses Mendelssohns jüngster Sohn, ein tüchtiger Techniker, dessen Namen in der Mechanik mit Ruhm und Ehren genannt wird. Bekannt machte er sich besonders durch eine Kreisteilmaschine, welche er im Jahre 1810 erbaute, und die die erste in Berlin war. Er hatte in Frankreich und England bei den Tüchtigsten des Faches sich ausgebildet und für die Berliner Gelehrtenwelt wichtige Instrumente geschaffen, so Luftpumpen mit Glasstiefeln, ein Passageinstrument für die Berliner Sternwarte usw. Trotzdem scheint dieser Sohn des Philosophen in materieller Hinsicht nicht wie seine Brüder vom Glück begünstigt gewesen zu sein, denn er nahm im Jahre 1828 das imiuerhin bescheidene Amt eines Steuereinnehmers in Glatz an, welche Stellung er wohl durch seine Beteiligung als Landwehrvffizier in den Befreiungskriegen erhalten haben mochte, doch kam er 1835 als Stempelrevisor nach Berlin und betätigte sich hier als polytechnischer Schriftsteller, gehörte auch zu den Begründern der Polytechnischen Gesellschaft. Im Jahre 1852 starb er im siebzigsten Lebensjahre und hatte somit noch das Unglück, seines Sohnes Fall mitzuerleben, nachdem er an seinem glänzenden Ausstieg sich hatte erfreuen können. Arnold Mendelssohn wurde im Jahre 1817 geboren zu Lissa in Schlesien und empfing seine erste Schulbildung in Glatz und dann in Liegnitz. Als sein Vater dann im Jahre 1835 nach Berlin kam, setzte Arnold seine Gymnasialstudien auf dem Friedrich-Wilhelms-Gymnasium fort, wo er als Zwanzigjähriger unter Professor Spilleke das Reifezeugnis erhielt. Er widmete sich nun dem Stridium der Medizin zunächst in Berlin, dann auch ein Semester in Bonn, trieb aber nebenbei auch noch andere Studien. So gehörte auch der Philosoph und Dichter Karl Werder zu seinen Lehrern. Im November 1841 erwarb Arnold Mendelssohn mit einer Abhandlung „Ueber den Erbgrind" den Dvktortitel. Zn seinen Opponenten bei der Promvtionsfeier gehörte auch der Philvsophiestudent Leopold Kronecker, der spätere Ordinarius der Mathematik an der Berliner Universität. Mendelssohns erwähnte Doktorschrift ist gewissermaßen von geschichtlicher

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