Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Waffen zu greifen. Als im Jahre 1848 derselbe Hafen Veracruz eingenommen wurde, da war der Vater meines Kollegen Lewi aus Nerv Vork, Kapitän Philipp Lewi, der erste, der dort landete und zum Hofenkapitän ernannt wurde." Labath schloß mit folgenden Worten: „Herr Vorsitzender! Soeben wird mir eine neue Liste von Toten lmd Verwundeten überreicht, und abermals fiitbc ich an der Spitze Namen von Inden. Jawohl, meine Herren, Sie tonnen sich auf unsere jüdischen jungen Leute verlassen, möge es kommen, wie es wolle!" Aabbmer Professor heidenheim. Geb. 14. Juni 1814 in Bleicherode, gest. l 4. Juni 1906 in Sondershausen. Zum Gedächtnis. * eidenheim erblickte ba* Licht der Welt zu Anfang des vorigen Jahrhunderte und schloß die noch so geistestj klaren Angen, als das neue schon sechs Jahre zählte. Und weil es noch viel Lebende gibt, die seine Schüler und Freunde waren, die das pflichttreue, edle Leben ehrten, werden diese Erinnern ngszeilon, trotz des nimmerrastenden Lebens, an dem Tage der Geburt, der Stunde seines Todes, manchem Halt gebieten zu liebendem Gedenken. Denn Richtung der Parteien, Kampf uni Meinung schweigen vor der Majestät der Ewigkeit, und wer den Lebensweg des einst in armer Hütte geborenen Kindes lveiß, fühlt'si Philipp Heidenheim war ein von Gott begnadeter Mensch. Der Vater ein sich schwer plagender, armer Hausierer, der mit seiner Last von Markt zu Niarkt zog. die iUuttcr eine geistvolle Frau, die durch Schicksal in dürftige Verhältnisse verschlagen! Da faßten die Eltern den Entschnß, nach Bayern, der Heimat der Mutter, ansznrvandern, um nach ihrer Meinung in bessere Lebensbedingungen zu kommen, wurden aber, da dort nicht heiuiatberechtigt, kurzerl>and ausgewiesen, und so entschlossen sich die armen Eltern, sich wieder der Heimat im Thüringer Lande zuzuwenden. Der kleine, schwächliche kluge Knabe, der immerfort lernte, selbst in der Nacht bei der Straßenlaterne, fand im Hause des Bankiers Frühberg, Bleicherode, Aufnahme und Unterstützung. Frühberg hatte einen vorzüglichen Hauslehrer, M. Schwarzaner, sür seine Kinder angenommen, und bei diesem fand der Knabe seinen ersten Lehrer, Unterricht in allem weltlichen und religiösen Wissen. Mit Schwarzauer studierte er den Talmud, und nach Göttinnen ging er wöchentlich zu den Borlesungen. Ein begeistertes Zeugnis Schwarzauers verschaffte ihm, nachdem er in Erfurt vor dem Königlichen Seminar ein glänzendes Examen abgelegt, die Lehrerstelle an der jüdischen Schule in Sondershausen, als Hilfe des Predigers Wolfsohn. Als dieser später nach Berlin berufen wurde, ward Heidenheim sein Nachfolger. Der Fürst Günther Friedrich Earl II. lernte Heidenheim bei der alljährlichen Osterprüfung kennen und verfügte die Auflösung dieser Anstalt und die Eingliederung der Schüler in Philipp 1814 . 14. städtische und staatliche Schulanstalten, und H. wurde dem Lehrerkollegium eingefügt; erkannten doch der Fürst und die Behörden die außergewöhnliche, seltene Befähigung H.s als Lehrer und Erzieher. Im Laufe der Jahrzehnte wurde Heidenheim mit dem Schwarzburgischen Ehrenkreuz dekoriert, Kollaborator, Oberlehrer und Professor, stellvertretender Direktor, Ordinarius der Sekunda und Prima der Realschule, unterrichtete deutschen Aufsatz, Mathematik, ja sogar Weltgeschichte, bis eine Periode der Reaktion ihm diese schwierige Aufgabe entriß, da man meinte, er sei als Jude nicht imstande, über all den Kämpfen objektiv zu urteilen. Aber wieviel Toleranz in der Stellung geübt wurde, geht daraus hervor, daß er Sonnabend und Feiertage völlig losgelöst von den Pflichten der Schule wurde und als der Rabbiner seiner Gemeinde wirken konnte. Daß der Strebsame ein glänzendes Rabbinatsexamen bei dem damaligen Oberrabbiner Löbel Blaschke in Schönlanke ablegen konnte, verdankte H. hauptsächlich seinem dreijährigen rastlosen Studium mit Dr. Lazarus, der auf seinen Antrag nach Sondershausen berufen wurde, und der sein Lehrer war; dessen Bruder, der nachmalige berühmte Philosoph Professor Dr. Moritz Lazarus, war Heidenheims Schüler und besuchte in Sondershausen das Gymnasium. Heidenheim, der Bielbeschäftigte, gründete im Jahre 1842 eine Erziehungsanstalt für israelitische Knaben und Jünglinge, die im Laufe der vielen Jahre weit über 360 Zöglinge zählte, und aus welcher ganz bedeutende Männer, Zierden der Wissenschaft und des Handels hervorgegangen sind. Rabbiner Ludwig Philippsohn, sein bester Freund, die Rabbiner Frankl und Fürst gaben dem Unternehmen das Geleitwort. Welcher Hochachtung und Wertschätzung sich schon nach wenigen Jahren Heidenheim in den Kreisen der schwarzburgischen Lehrerschaft zu erfreuen hatte, davon gibt folgendes Vorkommnis Zeugnis. In den Tagen vom 28. bis 30. Oktober des Sturmjahres 1848 fand der erste Deutsche Allgemeine Lehrertag in Eisenach statt. Heidenheim wurde von 88 Lehrern des Landes als Vertreter nach dort gesandt. Auf diesem denkwürdigen Lehrertage war folgender Antrag gestellt: „Die Grundlage aller Erziehung ist eine christliche." Dieser Fassung widersprach Heidenheim in glänzender Rede und stellte den Gegenantrag: „Die Grundlage aller Erziehung ist eine religiössittliche", der auch nach stürmischer Verhandlung mit großer Mehrheit angenommen wurde. — Alle Arbeit, alle Sorgen wurden gekrönt durch Gottes Segen! 59 Jahre lebte Heidenheim in glücklichster Ehe; Kinder. Enkel und Urenkel, mehr als 70, sahen voller Liebe und Ehrfurcht zu dem Patriarchen der Familie. Und bis znm Tode geistessrisch! Zehn Tage vor seinem Heimgang hielt er noch eine geistvolle Schwanenpredigt mit vollem klangvollsten Organ! Ein schlichtes Leben, so rein menschlich, daß er göttlichen Geist auf Erden trug. Die Spur von seinen Erdentagen wird nicht verwischt werden. R. D. Heidenheim Juni . 1W6.