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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-12 · Heft 24 (12.6.1914) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 24 (12.6.1914)
Date
1914-06-12
Page
Seite 279 (sequence 3)
Language
German
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279 Namen der Vereinigung für das liberale Judentum im Deutschen Reiche und namens des Zentralvereins der deutschen Juden warme Worte der Trauer, der Anerkennung und des Dankes. Alle die vielen aber, die dem Heimgegangenen die letzte Ehre erwiesen, waren beseelt von der Empfindung, daß sie einen der edelsten Menschen, einen der besten Juden, zu Grabe geleiteten. 3t Das „Berliner Tageblatt" schreibt: Die „Staatsbürger-Zeitung", die letzte Säule des Berliner Antisemitismus, wird am 30. Juni ihr Erscheinen als Berliner Tageszeitung einstellen. Wie uns mitgeteilt wird, soll versucht werden, sie als Wochenschrift weiterzuführen, doch steht dies noch nicht fest. Die „Staatsbürger-Zeitung" hat schon seit langen Jahren an Geldnot gelitten. Als sie mit dem Stöckerschen „Reich" verschmolzen wurde, erhofften ihre Anhänger goldene Zeiten für ihr Blatt. Aber auch diese Verschmelzung brachte nicht das erhoffte Glück. Die Abonnentenzahl ging stetig zurück, so daß schließlich das „Reich" das Erscheinen eiustellte. Die „Staatsbürger-Zeitung", der von der gesinnnngs- und geistesverwandten „Deutschen Tageszeitung" durch Satzgemeinschaft eine Zeitlang unter die Arme gegriffen wurde, ging in einen neuen Verlag über, der später kurz vor dem Konkurs stand und sich mit seinen Gläubigern außergerichtlich einigte; es war der Verlag „Bürgerkunde". Vom Hafenplatz siedelte das Blatt für einen Kaufpreis von 18 000 Mark nach der Zimmerstraße über, in den Besitz des Herrn Lebius von den „gelben" Arbeiterorganisationen (Spreeverlag, später Alldeutscher Verlag). Zunächst erschien die „Staatsbürger-Zeitung" nun drei Tage lang als Mittagsblatt, fand jedoch keine Leser. Der Versuch, sie als „11-Uhr- Abendblatt" im Straßenhandel zu vertreiben, führte gleichfalls zu keinem Ergebnis. Selbst die forschesten Antisemiten mochten keiner! Nickel mehr für das Blatt nusgeben. Auch alle Versuche, von der konservativen Partei Geld zu erlangen, scheiterten. Und so verschwindet die letzte Säule des Nadauantisemitismus, das Blatt Stöckers und Ahlwardts, bar aller Mittel, verlassen von den eigenen Parteigängern. 3t Das Wolffsche Bureau verbreitet folgende Nachricht: In einer großen Reihe jüdischer Zeitungen des In- und Auslandes sind Notizen erschienen, daß in einer demnächst stattfindenden Konferenz jüdischer A u s Wanderungsgesellschaften mit den deutschen Schisfahrtslinien Mißstände in den deutschen Kontrollstationen behandelt und Reformen eingeführt werden sollen. Diese Meldung ist völlig unrichtig: gerade das Gegenteil ist der Fall. Mißstände in den Kontrollstationen gibt es überhaupt nicht. Die Organisation jüdischer Auswanderungsgesellschaften ist vielmehr an die deutschen Linien mit der Bitte herangetreten, ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, ihre Schützlinge der Vorteile und Segnungen der Kontrollstationen teilhaftig werden zrr lassen, in denen für die Sicherheit und Wohlfahrt der Auswanderer geradezu vorbildlich gesorgt wird. Die gegenteiligen Veröffentlichungen können nur von Stellen ansgehen, die ein gutes Einvernehmen der deutschen Linien mit den jüdischen Organisationen stören wollen, vermutlich Unternehmungen, die die Wohltätigkeit auf ihre Fahne geschrieben haben, iu Wirklichkeit aber nichts anderes als Answanderungsagenten sind. 3t Einem Bericht Aber die Generalversammlung der Association consistorialc israelite in Paris entlehnen wir die Notiz, daß die Einnahmen des Jahres 1913 898 764 Francs, die Ausgaben 847 713 Francs betragen haben. Dieses günstige Resultat sei, wie der Schatzmeister auseinandersetzte, durch drei glückliche Umstünde hervorgerufen: 1. Zusammenfällen der jüdischen hohen Feiertage mit der Rückkehr der Familien aus der Sommerfrische; 2. hohe Einnahmen aus Eheschließungen; 3. guter Stand der Papiere. Dagegen hätten die Steuern und die freiwilligen Gaben abgenommen; erstere müßten 300 V00 Francs einbringen, während sie in Wirklichkeit nur 200 000 Francs ergeben hatten. Der Schatzmeister warnt daher vor unangebrachtem Optimismus. Aber er konstatiert ein erfreuliches Erwachen jüdischen Sinnes und jüdischen Lebens. Dem „Berliner Tageblatt" entnehmen wir folgende Notiz: Das Schwurgericht in Kiew sprach, wie von dort gemeldet wird, den Journalisten Alexander Jablonowskh frei, der von der durch den Beilis-Prozeß bekannten Vera Tscheberjak der Verleumdung durch die Presse augeklagt worden war. Jablonowskh hatte 1912 in einer Kiewer Zeitung ein Feuilleton veröffentlicht, in dem er behauptete, daß der junge Justschiuski in der Wohnung der Tscheberjak getötet worden sei, die, um das Verbrechen zu verbergen, die Untersuchung in falsche Bahnen gelenkt habe. 68 vorn Beilis-Prozeß bekannte Zeugen erschienen vor Gericht. Der Prozeß Jablonowskh ist einer aus der langen Reihe von Prozessen, die Vera Tscheberjak gegen Journalisten wegen angeblicher Verlerrmdung angestrengt hat. 3t lieber handelsrechtliche Beschränkung der Juden in Rnßland wird der „Vossischen Zeitung" aus Petersburg berichtet: Der Generalgouverneur von Kiew beantragte beim Ministerrat, die Gründung von Zuckerfabriken künftighin nur solchen Aktiengesellschaften zu gestatten, die in ihrem Statut die ausdrückliche Bestimmung haben, daß Juden nicht ihre Aktionäre sein können. Dieser Antrag wird damit begründet, daß die russische Zuckerindustrie angeblich keine jüdischen Kapitalien mehr braucht. Bei der Behandlung des Budgets des Handelsministeriums in der Reichsduma erklärte der Handelsminister, eine Einschränkung der Emission von Aktien werde keineswegs beabsichtigt; das Reglement, über das geklagt werde, enthalte nur zwei Artikel. Der erste handle von der Erwerbung von Grund und Boderr und schreibe vor, daß in jedem einzelnen Falle bei Erwerbung großer Grundstücke die Bedürsnisfrage geprüft werden müsse; wenn die angegebene Fläche als notwendig für das betreffende Unternehmen anerkannt werde, sei deren Erwerb zu erlauben. Der Zweite Artikel sehe eine Einschränkung der Errichtung von Verwaltungsräten von industrieller und Handelsgesellschaften vor; fein einziger Zweck sei die Wirksamkeit der bestehenden Gesetze über das Grundeigentum der Juden. Die Tragweite dieses Reglements sei unmäßig übertrieben worden. Die Hauptaufgabe sei zurzeit, den privaten Unternehmungsgeist anzuregen und Kapital herbeizuziehen. * In einer der letzten Sitzungen des amerikanischen Kongresses hielt der jüdische Deputierte aus Chicago, Mr. S a b a t h, folgende bemerkenswerte Rede: „Gleich als die Nachricht hier eintraf, daß unsere Flotte, um die Ehre der amerikanischen Fahne zu erhalten, den Hasen von Veracruz iu Mexiko zu bombardieren begann, erfuhren wir auch, daß vier amerikanische junge Leute bei diesem Sturm ihr Leben ließen. Aber bloß drei dieser auf dem Felde der Ehre Gefallenen wurden der Oeffentlichkeit bekanntgegeben, während der vierte als „Unbekannter" verzeichnet war. Nun denn, auch der Name dieses Helden ist nicht mehr unbekannt. Er hieß Sanurel E i s e n b e r g und war unter dem Namen Samuel Martin registriert. Er ist der Sohn jüdischer Eltern in meinem Wahlkreise Chicago. Es ist für unsere Verhältnisse nicht ganz uninteressant, zu erfahren, daß dieser brave und mutige Jüngling sich, wie es viele im Auslände Geborene zu tun für gut halten, unter einem „nom de guerre“ anwerben ließ, um auf diese Weise in gewissen Zweigen unseres Militärdienstes leider bestehenden Vorurteilen zu begegnen. Obgleich ich ans der Tiefe meines Herzens bedauere, daß überhaupt Menschenleben verloren gingen, so muß ich doch auch zugeben, daß ich Genugtuung empfinde darüber, daß unter den ersten vier Opfern, welche für die Ehre unseres Landes ihr Leben einbnßten, ein Jrrde ans meiner Stadt sich befindet, und daß auch zwei andere junge Männer unter den Toten vorr Emigranteueltern stammen. Dies ist ein neuer klarer Beweis dafür, woraus ich wiederholt hingewiesen habe, daß unsere Einwanderer unsere freien Einrichtungen schätzen und auch in Zukunft schätzen werden, und daß sie zu jeder Zeit bereit sind, diese Einrichtungen mit ihrem Leben zu verteidigen, gerade so wie jeder Amerikaner, der vielleicht in der Lage ist, eine lange Ahnenlifte amerikanischer Abstammung nachzuweisen. Dies zeigte sich auch bei dem ersten Bericht, den unsere Regierung nach Ausbruch des spanisch-amerikanischen Krieges erhielt. Arrch damals war ein Jude das erste Opfer. Aber es ist nicht das ersternal in unserer Geschichte, daß Juden oder Bürger, welche in anderen Staaten geboren wurden, einen so herrlichen Beweis erbrachten, daß sie stets bereit seien, für die Ehre der Bereinigten Staaten zu den

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