Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Jehuda Halevi Die schärfste Verstandsentwicklung mit der innigsten Gläubigkeitvereinbar fanden. Ein vernunftgemäßes Denken in religiösen Dingen bildet von jeher ein so starkes Element des Judentums, und eine natürliche Folge dieses Hineinziehens des Denkens in den Bereich der Religiosität war, daß das Studium für jedermann eine ebenso heilige Verpflichtung war, wie die religiöse Praktische Uebung selbst. Unter allen religiösen Anstalten und Institutionen, die die edlen Zwecke verfolgen, das geistige und leibliche Wohl und Heil der Menschen fördern, gebührt nach der Anschauung unserer Weisen der Stätte der öffentlichen Belehrung der erste Preis. Kanzel lind Katheder überwiegen im Judentum seit jeher alle anderen Anstalten. Die regelmäßige Vorlesung und Erläuterung aus dem Gesetz und den Propheten bildete den Mittelpunkt des jüdischen Gottesdienstes. Nicht Andachterweckung und künstliche Erregung religiöser Stimmung, sogenannte Erbauung, war und ist Zweck des jüdischen Gottesdienstes, sondern Belehrung, Verlebendigung Der zugleich religiösen und sittlichen Wahrheiten, daß sie jedem einzelnen zu jeder Zeit gegenwärtig bleiben könnten. Aus diesen Vorlesungen gingen die Versionen, die Septuaginta und die übrigen griechischen Uebersetzungen, die Midraschim, die Homilie und die Predigt hervor. Es war ein fruchtbarer Keim, der viele Stämme, Zweige und Blüten trieb. Besonnene Belehrung, Erweckung der logischen Elemente in der Seele, Erfassung der Lehrwahrheiten mit dem Verstände ist eben für das Judentum typisch. Dagegen ist Gefühlsüberreizung, Schwärmerei für das Religiöse, die so oft in Andächtelei und Mystik ausartet, durchaus u n j ü d i s ch. Die ewigen Muster für religiöse Erweckung, die Propheten, haben mit Logik operiert, vermöge des Verstandes auf das Gemüt gewirkt. Im Judentum herrschte daher stets eine lebendige Regsamkeit. Eine unaufhörliche Gcistesfriktivn gab dem Studium stets neuen Aufschwung. Zioar wuvde man in dieser Verstandesghmnastik auf Nebenbahnen Hinausgetrieben, die Spekulation ging nicht selten in Spitzfindigkeiten über; doch überschaut man das Ganze des Judentums und seinen Entwicklungsgang, so bemerkt nian in ihm eine gewisse Nüchternheit; neben dem tiefsten, innigsten Glauben wiegt eine scharfe Verstandesrichtung vor, das Judentum vor dem Einherschreiten auf den Stelzen der Ekstase bewahrend, die sich in Visionen, Verzückungen und Unbegreiflichkeiten berauscht, und ihren Triumph darin erblickt, den Verstand zu unterjochen. Das Judentum beansprucht den ganzen Menschen und verlangt stets presonce d'esprit, Das Judentum befiehlt nicht: „Du sollst glauben" — was allerdings nicht ohne Obsturantismus und Knechtung des Geistes angeht — sondern befiehlt: „Du sollst lernen und forschen." Charakteristisch schließlich für die Durchdringung des vernunftmüßigcu Denkens und innigen Gefühlslebens im Judentum ist die puritanische Anschauung hinsichtlich des Gottesdienstes. Wie ehrend ist es für unser Volk, daß Jahrhunderte hindurch die einfachsten Formen im Gottesdienste ausreichten. Zehn Menschen vereinigten sich in einem beliebigen Raum zum Gebet, und damit ist die Veranstaltung zum Gottesdienste erschöpft, um die gläubigen Seelen zu erbauen und zu begeistern. Und wie gestärkt für den Lebenskampf, der ihrer draußen harrte, kehrten sie aus ihren Bethäusern zurück, die nichts enthielten, was die Phantasie hätte irgendwie anregen können. Fern sei von uns, diese puritanische Anschauung hinsichtlich des Gottesdienstes auf den Thron zu erheben und jede äußere Verschönerung des Gottesdienstes als mit dem echten Geist des Judentums nicht vereinbar zu betrachten. Nur darf man sich nicht dem Glauben hingeben, daß durch die äußere sinnliche Anregung der Phantasie allein, die durch Gesang und Instrumentalmusik bewirkt wird, schon alles abgetan sei. Das Feuer, das durch Phantasie, durch Berauschung der Sinne entzündet wird, ohne Selbständigkeit des Geistes, ist nur ein flackerndes Strohfeuer. Die tiefe innere Ueberzeugung und die aus dieser fließende Gesinnungstüchtigkeit schafft eine wahre Begeisterung für das Judentum. Religiöses Gefühl ist die Seele aller Gottesfurcht; aber in seiner Entartung wird es die Quelle der größten Verirrungen. Das vernunftgemäße Denken aber bildet das eigentliche Lebenselement des Judentums und ist der Schöpfer eines so energischen Bewußtseins, daß wir seine Wiederkehr in das Judentum nicht hoch genug anzuschlagen, und es, bereichert durch Gefühl und Phantasie, festzuhalten haben. Lir Woche. Berlin, den 8. Juni 1914. us Lissa i. P. wird uns geschrieben: Durch das Ableben des am 31. Mai d. I. dahingeschiedenen Landtagsabgeordneten Justizrat Eduard Wolfs hat die hiesige Synagogengemeinde einen schmerzlichen unersetzlichen Verlust erlitten. 26 Jahre war er Repräsentant, 22 Jahre Vorsitzender der Repräsentantenversammlung, und bei aller seiner vielseitigen beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeit — er war viele Jahre Stadtverordnetenvorsteher und bis zu seinem Tode Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses, Vorstandsmitglied der Anwaltskammer usw. — schien es, als ob die Arbeit und die Sorge für die Gemeinde, der er entsprossen war, ihm am meisten ans Herz gewachsen war. Wo es galt, Gemeindeangelegenheiten zu vertreten, wo er seiner Heimatgemeinde nützen, ihr Wohl fördern konnte, da war er immer zu sprechen, für sie hatte er stets Zeit und oft hat er schwierigen Aufgaben in Gemeindesachen Nächte geopfert. Die inneren Einrichtungen der Gemeinde zu festigen und in modernem Sinne auszugestaltcn, ihre Finanzen sicher zu stellen und für ihre gedeihliche Entwickelung zu sorgen, war sein hauptsächlichstes Bestreben. Besondere Verdienste hat er sich um den Neubau des hiesigen Tempels und um die Verschönerung des Gottesdienstes erworben, und der große und rege Eifer und das warme Interesse, das er jederzeit nicht nur hierin, sondern in allen Lebensfragen der Gemeinde bekundete, werden in ihr unvergessen bleiben. Gemütsbewegend und voll wehmutsvoller Stimmung war die Träuerfeier, die für ihn .in der Synagoge veranstaltet wurde. Rabbiner Dr. Gelles würdigte in trefflicher Weise alle seine großen Verdienste um die Gemeinde, die Stadt, die Provinz, und wie er als Volksvertreter niemals seiner Glaubensgenossen vergaß und nicht müde wurde im Kampf für ihre Rechte und ihre Gleichberechtigung. Auf dem Friedhöfe brachte Landtagsabgeordneter K o p s ch die letzten Grüße der Fraktion der Fortschrittlichen Volkspartei im preußischen Abgeordnetenhause und Pries Justizrat Wolfs als einen der wackersten Vorkämpfer des Liberalismus. Jederzeit sei er im Parlament, in dessen Kommissionen vornehmlich er dank seiner hervorragenden juristischen und kommunalpolitischen Kenntnisse und Erfahrungen eine segensreiche Tätigkeit entfaltete, mit Eifer, Nachdruck und der ihm eigenen Zähigkeit für eine wahrhaft nationale Politik, für die Erhaltung und Festigung des Deutschtums in den Ostmarken, zugleich aber auch für einen Ausgleich der Gegensätze, für ein friedliches Nebeneinanderleben, für Gerechtigkeit und Toleranz eingetreten. Erster Bürgermeister Wollburg sprach im Namen des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung, Rechtsanwalt Dr. Jakobsohn im Namen der Raphael-Kopsch- Loge in Lissa, Kaufmann Leo Michel im Namen des Hilfsvereins der deutschen Juden, Hauptlehrer a. D. Herbst im