Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang. Nr. 24 Allgemeine Berlin, 12. Juni 1914 eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-gre'is-. durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 Nl. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag non Rudolf Masse, Berlin. ffrrftalt* Verstand und Gefühl in der jüdischen Religion. Von Dr. ijllljull* «3 Seligkowitz, Köthen. — Die Woche. —' Rabbiner Professor Heidenheim. Von U. D. — Das Testament eines Berlinerjüdischen Bankiers ^1819). Von Ludwig Geiger. — Gin zic Unrecht Vergessener. Bon Egon Roska. - Wie die Antisemiten die Studenten einsangen wollen. Volt sind. juv. Ernst Martin Liuz, Mamweiin- Heidelberg. — Haben Juden die Ehriften im Jahre 04 in Rom der Brandstiftung beschuldigt? Von E. Taubler. — Feuilleton: Rach zwanzig Jahren! Von Ermanno Lvevinfon. — Literarische VUtteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Arnswalde, Posen, Görlitz, Köln, Magdeburg, Hannover,' Frankfurt n. M., Stuttgart, Wien, Petersburg. — Von Nah und Fern. Verstand und Gefühl in der jüdischen Leligion. Bon Dr. B. 3 e I i g k o \v i ij , Köthen. ir Nt en sehen sind nicht bloß körperlich, sondern auch seelisch Doppelwesen. Wie jeder Mensch eigentlich ans zwei Hälften zusammengesetzt ist, wie er eine rechte und eine linke Gehirnhemisphäre sein eigen nennt ltnb die wichtigsten Organe, wie Hände und Füße, Angen und Ohren nsw. doppelt besitzt, so wohnen auch zwei Seelen in seiner Brust. Damit soll keineswegs auf das fragwürdige Psychologische Problem des sogenannten „Doppel-Jeh" angespielt werden, daß Vernunft und (Gefühl jene Doppelseelen sind, die seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte um den Borrang streiten. Wie bei einzelnen Menschen, so ist bei ganzen Geschlechtern bald die Vernunft, bald das Gefühl im Uebergewicht. Was uns die Märchen voll guten und bösen Geistern, von Engel und Teufel, von Licht und Finsternis als Weltprinzipien zuraunen, das alles wohnt in unserer eigenen Brust. Die eine Seele lebt in der Welt der logischen oder historischen Beweisführung, die andere im traumhaften Zwielicht des dämmernden Ahnens. Da gibt es nun logisch gerichtete Naturen, die sich nur in der Welt des streng exakten Beweises heimisch fühlen, und mystisch gestimmte, die nicht überzeugt, sondern überredet, nicht belehrt, sondern erbaut sein wollen. Und so ganze Generationen. Das schließt natürlich nicht ans, datz diese gegensätzlichen Stimmungen im gleichen Individuum Platz greifen tonnen. Denn in jedem Menschen ist ein metaphysisches Bedürfnis rege, jeder loill über das Vorzeitliche und Nachzeitliche möglichst viel erfahren. Diesem metaphysischen Bedürfnis entspringen Philosophie nnd Religion. Beide sollen alle jene Fragen beantworten, die der menschliche Geist in drei Probleme untergebracht hat: Gott, Seele, Welt. Wären diese Fragen minder wichtig, als sie es sind, so hätten die Menschen sie als schätzbares Material für eine zukünftige Zeit der Forschung beiseite geschoben, wie zum Beispiel die Frage nach der Bewohnbarkeit des Mondes bis jetzt noch kein Kopfzerbrechen gemacht hat. Es ist aber für den Menschen von scheinbar höchstem Interesse, zu wissen, was mit ihm nach feinem Tode geschehen wird; ganz anders würde er, wie er meint, sein Leben einrichten, wenn er mit dem Tode gänzlich anfhörte, ganz anders dagegen, wenn diese Welt nur eine Vorhalle zu jener ist; daher die Kraft des metaphysischen Bedürfnisses, das nach Stillung sucht. Alan muß eine Antwort auf diese Frage erhalten, sei sie theoretisch noch so unhaltbar, - das praktische Bedürfnis ist taub den theoretischen Bedeuten gegenüber. Und weil dieses metaphysische Bedürfnis das größte ist, wird es auch am leichtesten gestillt, denn wenn der Durst sehr groß ist, trinkt man jedes Wasser. Fast jedes philosophische System ist eine Zeitlang geeignet, das metaphysische Bedürfnis zu stillen. Denn zeigt sich ein philosophisches System infolge neuer Anschauungen unhaltbar, entsteht gleich darauf ein anderes. Kant beweist die Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft, die drei Probleme zu lösen; seine Nachfolger geben nichtsdestoweniger eine Lösung. Aber diese neuen Systeme beherrschen nicht lange den Gedankenkreis; die Anschauungen erweitern sich, die Systeme stürzen zusammen, es müssen neue an deren Stelle treten. Nichts überwältigt daher so leicht, wie das Geheimnisvolle,' darum ist auch nichts so ansteckend, wie der Mystizismus. Tie sich wie ans Kommando wiederholenden Geistererscheinnngen, die Furcht vor Gespenstern in unserer Zeit des Spiritismus, was sind sie anders als eine Epidemie, die die Köpfe der ertösnngsbedürftigen Menschen erfaßt, die nach Erlösung Ringenden in einen Taumel stürzt, wo die Vernunft gebändigt liegt, die Phantasie zügellos ihr Spiel treibt nnd Halluzinationen erzeugt. Die Phantasie bedarf einer strengen Zucht, um nie zu erliegen, nnd gerade die Zucht und Uebung fehlt der großen Menge gänzlich. Nach dem Ungewöhnlichen, dem Geheimnisvollen hascht sie, wie das Kind nach verbotenen Früchten. Die Welt der Wirklichkeit und der Erfahrungen, so dürr, so alltäglich, kann nie den Zauber hervorbringen, den die Sehnsucht nach Höherem, nach Besserem und Glückseligem in das Uebernatürliche verlegt. Der Mensch loill mehr vermögen, nnd er wirft sich dem Geheimnisvollen in die Arme, der ihm die Wirkung des Wunderbaren verheißt. Je unklarer das Band von Ursache nnd Wirkung, von Grund und Folge ist, desto größeres Verlangen danach lvird ihn beherrschen; das ist ihm die höhere Offenbarung, die übernatürliche Welt. Der Mystizismus hat noch immer die meisten Anhänger gefunden in jeder Religion, ohne Unterschied. Es ist ein großer Vorzug der israelitischen Religion, daß sie den ganzen Menschen, den einheitlichen Geist beansprucht, daß sie ihren Beweis nnd ihre Wirksamkeit in der Harmonie des Verstandes nnd des Herzens, des Denkens nnd des Fuhlens findet. Es ist hierfür charakteristisch, daß die bedeutendsten Denker des Judentums, ein Mannonides, ein Gabrrol, ein