Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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-276 leisten könnten. Lehr hübsch sind zum Beispiel einzelne Neisebeschreibimgen, die Skizze über Maimonides (Nr. XXI), die Notizen über Ansiedlung der Juden in Holland und manches andere. Um eines hervorzuheben, das mein besonderes Interesse erregte, sei des Promemvria Reuchlins über seinen Streit mit den Kölner Dominitanern gedacht ldaß dort Leite 157 Anmerkung 3 die von den Kölnern verfaßte Schmähschrift als der „Augenspiegel" gedeutet wird, ist ein Irrtum: denn der „Augenspiegel" ist eine Lchrift Reuchlins). Die am Lchluß mitgeteilten zwei Briese Mendelssohns, nicht etwa nngedrnckte, sondern aus der bekannten Sammlung von Mendelssohns Werken entnommen, sind nicht recht kennzeichnend. Sollte Mendelssohn in seiner Denk- und Schreibart charakterisiert werden, so gab es unter den Briefen doch viele, die besser geeignet gewesen wären. Aber im ganzen ist die Lannnlnng gut ausgewählt, man kann sich dnn wohlunterrichteten Verfasser mit voller Ruhe anvertrauen. Novellen von M o r i tz H e i in a n n. L. Fischer, Verlag. Berlin 1913. Bor einiger Zeit mußte ich aus Anlaß einer Broschüre von Julius Bad, in der Mo riß Heinmnn als deutscher Lchriststeller jüdischen Glaubens sehr gerühmt wurde, bekennen, daß ich diesen Namen noch nie gehört, von dem Autor noch nichts gelesen hatte. Seitdem ist inir der Name häufiger entgegeugetreten, und nun habe ich auch einen Novellenband gelesen. Ich kann ihn mit gutem Gewissen als eine treffliche Leistung empfehlen, freilich, von jüdischen Dingen kommt darin nichts vor, von jüdischen Personen nur ein nicht mit ersichtlicher Borliebe gezeichneter Knabe, der Pensionär bei einem Pfarrer ist. Die Ge'chichtcn sind nicht immer, sehr erquicklich: „Die letzte Ohnmacht" ist ein schauerliches Bild eines Vaters, der sein Kind zu -rode prügelt, und „Dr. Mislizenus" die Hauptgeschichte, die etwa e':n Drittel des ganzen Bandes ausweist, ist nicht minder grausig. Es ist die Geschichte eines absonderlichen Einsiedlers, der aus Aerger über die Störung bei der Vorlesung eines Dichtrverks den Störenfried, einen betrunkenen Landstreicher, erschlägt, die Leiche vergräbt und schließlich nach Wochen des Schreckens und der Reue sich mit der Geliebten jenes Landstreichers, einer Dirne niedrigster Sorte, eintäßt. Aber man muß aus diesen Beispielen nicht glauben, daß der Verfasser mit Vorliebe peinliche, ja widrige Themata wählt. Vielmehr sind „Spaziergänge" ein entzückendes Liebesidyll, die „Vergebliche Botschaft" eine etwas burleske Humoreske von einem Kunstfreunde, der einer Sängerin eine poetische Huldigung übersendet, bei ihr sein Glück machen könnte, es aber nicht verfolgt. Endlich ist die „Tobiasvase" die sehr fein erdachte und durchgeführte Geschichte eines Pfarrers und seiner Gattin, die von einem Künstler eine Vase, mit Bildern aus dem Leben des Tobias geschmückt, erhalten, in inniger Freundschaft mit ihm leben, wobei sich die Freundschaft der Gattin in zarte Liebe verwandelt. Ist so eine reiche, mitunter etwas krause Erfindung bei dein Autor anzuerkennen, so ist vor allem seine Sprache geradezu bewundernswert. Modernität im besten Sinne des Wortes und da zu eine geradezu erstaunliche Bildkraft des Ausdrucks. Nirgends aber jene Absonderlichkeit der Wortprägung, jene absichtliche Abgehacktheit, wie sie bei vielen jüngeren Autoren beliebt ist, sondern so wohlerwogene, schöne, gleichmäßig dahingleitende Perioden des echten Novellenstils, daß mail an dieser Wort- und Satzprägung die reinste künstlerischste Freude empfindet. L. G. * — D i e P r o p h e t e n s p r ü ch e und -zitate im religiös e n D r a m a des de u ts ch e u Mittel a l t e r s. Von Dr. phil. Joseph Nudwiu, Staatsuniversität, Ohio, U. S. A. Sonderabdruck aus „Saat auf Hoffnung". 50. Iahrg. Heft 3. 1913. Leipzig und Dresden. Kommissionsverlag von E. Ludwig Ungelenk. Eine fleißige Zusammenstellung, aus der unsere Leser besonders der Abschnitt S. 22 ff: „Disputationen zwischen Ekklesia und Synagvga", interessieren wird. Es ist sehr merkwürdig, zu vernchmeii, wie bei solchen Streitigkeiten nicht bloß die Kirche mit argen Schimpfworten über die Juden, sondern auch die Synagoge, freilich mit etwas mildern, gegen die Christen losfährt. Daß bei solchen Unterredungen die Synagoge diejenigen Stellen, in welchen die Kirche Voraussagungen des Messias im alten Testament erblickt, leugnet, versteht sich von selbst. Im allgemeinen wäre zu wünschen gewesen, daß solche Streitigkeit mehr innerlich erfaßt, die Gründe für und wider deutlicher angegeben worden wären, als daß der Verfasser bei seiner Relation am Aeußerlichen hängen bleibt. Daß die ganze Schrift im Missionsinteresse geschrieben ist, geht schon aus der Zeitschrift hervor, in der sie ursprünglich abgedruckt war. Doch ist eine offene Feindschaft gegen die Juden selten ersichtlich, und das Ganze mag als ein interessanter Beitrag für die Kulturgeschichte anerkannt werden. L. G. Bprrdjfaal Ei u c i it n ci 11, O., G. Mai 1914. Herr Redakteur! Meine Arbeiten teilen mit denen Heinrich Heines das Schicksal, daß Druckfehler sie entstellen. In Nr. 17 Ihrer geschätzten Zeitschrift, in der Sie von entstellenden Druckfehlern in Heines Briefen sprechen, ist ein Artikel aus meiner Feder unter dem Titel „Wahre Geschichten und Interessante Geschichten" abgedruckt. Hätte ich das sagen wollen, so hätte ich: „Wahre und Interessante Geschichten" geschrieben. Was ich tatsächlich geschrieben habe, war: „Wahre Geschichte und Interessante Geschichten." Ergebenst Gotthard Deutsch. Letzte Aachrichtm. Am vergangenen Freitag ist Herr Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Hermann Cohen von einer fast vier-. wöchigen Reise in Rußland nach Berlin zurückgekehrt. Er war von mehreren großen jüdischen Organisationen eingeladen worden, in verschiedenen Städten Rußlands Borträge religionsphilosoph'ischen Inhalts zu halten. Er sprach in Petersburg, Moskau, Riga, Warschau und Wilna. Die Absicht, den zahlreich an ihn ergangenen Einladungen, auch noch in anderen Städten zu sprechen, Folge zu leisten, mußte er zuletzt aus äußeren Gründen aufgeben. Die Reise gestaltete sich zu einem wahren Triumphzug für den Gelehrten ebenso wie für seine Wissenschaft. Hermann Cohen, der in Deutschland, obwohl (oder vielleicht weil) er hier Schule gemacht hat. Lange nicht entsprechend seiner hohen Bedeutung gewürdigt wird, hat in der intellektuellen Welt Rußlands stets großes Verständnis für seine Philosophie gefunden. Seine Geistesrichtung, die in ihrem tiefsten Wesen eine wundervolle Synthese von deutschem Idealismus und jüdischer Ethik darstellt, hat speziell in der jüdischen Intelligenz Rußlands einen starken, immer stärker werdenden Resonanzboden gesunden. Es war daher nicht allein ein persönliches, sondern auch ein sachliches Ereignis, den Meister selbst seine Lehren vortragen zu hören. Vom Standpunkt des Judentums aber stehen wir nicht an, das Vorgehen Cohens, der als 72 jähriger Greis sich den Strapazen und Gefahren einer solchen langen mühseligen Reise zu unterziehen nicht gescheut hat, als eine Tat zu erklären. Nach einem Beilisprozeß und den vielen anderen traurigen Ereignissen der letzten Jahre, die dazu angetan waren, die Judenheit Rußlands ganz verzagen zu lassen, mußten Darlegungen über die jüdische Moral und die jüdische Religion, wie sie ein Hermann Cohen zu bieten versteht, geradezu erfrischend und erhebend wirken. Auch an der russischen Intelligenz sind die Vorträge nicht spurlos vorübergegangen. In Moskau, das nicht nur die Stadt des Kremls, sondern auch der Sitz der geistigen Welt Rußlands ist, sprach er zweimal vor einer 2000 köpfigeu, andächtig lauschenden Zuhörerschaft, die zu einem großen Teile aus der christlichen Intelligenz bestand. Auch in der Presse fand das Ereignis ein starkes Echo. Fast sämtliche Zeitungen brachten über die Vorträge ausführliche, zum Teil von Sympathiekundgebungen begleitete Berichte. Wir dürfen also hoffen, daß die Reise Cohens in Rußland noch lange nachwirken wird.