Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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275 spätestens 11 Uhr nachts, um welche Zeit der Minister persönlich Kenntnis davon nehmen wollte, den Inhalt eines jeden Papiers kurz italienisch aufschreiben. Sofort machte ich mich an die Arbeit. Aber ein Schauer durchrieselte mich, als ich plötzlich ein Billett mit der Handschrift deines Vaters unter die Hände bekam. Glücklicherweise hatte es keine Bedeutung; es war ein einfacher Dank für eine bewiesene Aufmerksamkeit. Aber dann, inmitten meiner anstrengenden Arbeit, kam ich air zwei Briefe, furchtbare Briefe, welche deutlich bewiesen, daß dein Vater mit dem Bankdirektor in unerlaubtem Geschäftsverkehr gestanden. Ich bekam es nicht übers Herz, den Inhalt derselben italienisch niederzuschreiben. Bei aller meiner angeborenen Gewissenhaftigkeit bekam ich's nicht fertig. Das Herz sprach zu sehr mit. Ich schob sie leise an die Seite, und als der mir gegenüber sitzende Kabinettssekretär, der übrigens seit Jahren das unbedingteste Vertrauen zu mir hatte, auf einige Minuten ins Zimmer des Ministers gerufen wurde, steckte ich sie zu mir, ohne im Allgenblick zu lvissen, was ich damit machen wollte. Einige Minuten nach 11 Uhr nachts hatte ich die ungeheure Arbeit bewältigt, der Kabinettssekretär lobte meinen Eifer und sagte, das hätte in so kurzer Zeit nur ein Deutscher fertig gebracht. Mit jüdischer Ausdauer, fügte ich für mich hinzu. Als ich auf die Straße komme, höre ich schon die Ausschreier eines Revolverblattes: „Nuovi arresti imminenti". Ich lese die Zeitung beim flackernden Schein einer Laterne und finde darin deutliche Anspielungen auf deinen Vater, daß auch dessen Verhaftung bevorstünde. Offenbar war der Artikel geschrieben, um Schweigegeld zu erpressen. Nach den Aufregungen des Tages war ich nicht mehr Herr meiner Handlungen. Ich weiß nur noch, ich befand mich bei furchtbarem Regenwetter und Sturm auf einer Tiberbrücke und warf die beiden Briefe, in hunderte kleiner Fetzen zerrissen, ins Wasser. - Die Nacht tat ich kein Auge zu. Am Nachmittage darauf mußte ich zu ellch zum Unterricht, die entsetzlichste Ouäl, die ich je in meinem Leben durchgemacht: Einerseits war mir klar geworden, wie nahe ich dir stand, und andererseits war ich fest eiltschlossen, früher oder später jede Verbindung mit deinem Vater lind dir zu lösen. G i u d i t t a : Aber warumdenn mit mir? Was konnte ich denn für das Vergehen meines Vaters? Edgardo: Dich traf natürlich keine Schuld; aber der bloße Gedanke, ich könnte einen unehrlichen Menschen zum Schwiegervater bekommen, widerte mich an. Hätte ich etwa eine vollkommene Trennung von deinem Vater zlir Bedingung unserer Ehe machen sollen? Das widersprach meinen Begriffen von Kindesliebe. Außerdem wußte ich genau, du würdest nte darauf eingehen. Ich erwog allch den Plan, meine Tätigkeit nach einem anderen Lande zu verlegen, mir dort eine neue Existenz zu gründen und mich dann mit dir zu verbinden. Aber ich fühlte, weder mein Talent noch meine Energie reichten dazu aus. Die Ehe bei uns Juden führt auch — und das ist gerade das Schöne und Gesunde derselben — zu einem innigen Verhältnis zwischen den beiden Familien, welche sich verbinden, nicht nur zwischen den Ehegatten. Und für mich war im gegebenen Falle gar nicht daran zu denken, daß so etwas je zustande kommen könnte. Wäre aus unserer Ehe dennoch etwas geworden, — nie würde ich den Gedanken los geworden sein, daß ich mir den Besitz von dir durch ein Vergehen, einen groben Vertrauensbruch erkauft. Du mußt auch bedenken, ein grimmiger Haß gegen eure ganze Familie hatte mich überkommen. Ich, der Mann, dem niemand etwas Unehrenhaftes vorwerfen konnte, der sich, wenn nicht durch seine Kenntnisse, so doch durch seine Zuverlässigkeit in jeder Hinsicht das Vertrauen aller, die mit ihm in Berührung gekommen, erworben, hatte dieses in schnödester Weise mißbraucht wegen einer Herzensangelegenheit. War doch diese die Ursache meiner Handlungsweise, und nicht etwa ein übertriebenes jüdisches Solidaritätsgefühl! Mein angeborener Stolz bäumte sich gegen die knechtische Gesinnung auf, die ich euch bewiesen. Am liebsten hätte ich an jenem Tage euer Haus mit allem darin in Brand gesteckt, um dann ebenfalls in den Flammen umzukommen. So war mir zumute, als ich zum gewohnten Unterricht bei euch erschien. Mich für jenen Tag zu entschuldigen, hätte mir wie Feigheit ausgesehen, schon des Zeitungsartikels wegen, der gegen deinen Vater gerichtet war. Auch wollte ich vermeiden, daß irgend jemand aus meinen Handlungen entnehmen könne, ich wäre zum Mitwisser seiner Schuld geworden. Das ist mir ja auch gelungen, aber mit welchen Opfern! *> Giuditta: Ja, Edgardo, jetzt verstehe ich, warum du weder damals noch in der Folgezeit sprechen wolltest. Wie gut hast du trotzdem uns gegenüber gehandelt! Nur wer deinen geraden Sinn so genau kennt wie ich, weiß, wie schwer dir die Vernichtung der Briefe geworden sein muß. Wir wären ja für immer moralisch ruiniert gewesen, wenn du nicht auf diese Weise gehandelt hättest. Wie hätte mein Bruder sonst die diplomatische Laufbahn einschlagen können! Edgardo: Einige Tage nach dieser Krisis, die für dein und mein Leben entscheidend geworden ist, hatte ich die Genugtuung, zu konstatieren, daß man deinem Vater die unliebsame Begleitung genommen hatte. Offenbar war nichts Gravierendes über ihn gefunden worden. G i u d i t ta: Nun wird mir auch erst dein merkwürdiges Verhalten zu Papa klar: begegnest du ihm einmal zufällig auf der Straße, so tust du so, als ob er für dich nicht vorhanden wäre. Dagegen hast du mich die wenigen Male in den langen Jahren, wo du mich allein gesehen, stets so artig gegrüßt, als ob gar nichts zwischen uns vorgefallen wäre. Dies ließ mich noch die ersten zehn Jahre nach unserer Trennung immer hoffen, hoffen! Besonders hart empfand ich dein Nichtgrüßen, nachdem ich einen lebensgefährlichen Typhus überstanden. Edgardo: Das war wohl damals, als ich dich mit Tante und Vater auf Piazza Colo-nna sah? Dein Aussehen war noch ein sehr leidendes, von einer durchsichtigen Blässe. Giuditta: Ich soll in meinen Fieberphantasien fortwährend nach dir gerufen haben. Kaum dem Tode entrissen, begegne ich dir, und du tust so, als ob du mich nicht kennst. Ich war ganz hin. (Schluss folgt.! Litrrarilchr Mitteilungen. — Bilder a u s der jüdischen Vergangenheit. Ein Qnellenbuch für den Unterricht und zum Selbststudium, herausgegeben und bearbeitet von Professor Dr. A. Sulzbach. I. Kauffmann, Frankfurt a. M. Eine Reihe von 49 kleinen Abhandlungen, Briefen, Dokumenten, Stellen aus älteren Hebräisch geschriebenen Werken. Lauter Beiträge, die wohl meistens schon in Zeitschriften erschienen waren, deren Znsaunnensassung in einem Bande aber als recht wünschenswert erklärt werden muß. Die Sammlung beginnt mit einer Skizze „Alexander der Große vor den Taren Jerusalems" und schließt mit der Znsammenstellung „Aus Briefen Moses Mendelssohns". Die Quellen, die zu diesen vielfachen Bemerkungen benutzt sind, sind sehr mannigfaltig; auch die Memoiren der „Glückel von Hameln" sind bei drei Stücken herangezogen. Von Judenverfolgung, Bedrückung, von Talmudverbrennung und dergleichen ist vielfach die Rede. Aus dern Leben hervorragender Männer wird verschiedenes mitgeteilt. Italien, Spanien, Portugal, Amerika, Frankreich, England, Türkei und natürlich Deutschland werden fast in gleicher Weise berücksichtigt. Altertum, Mittelalter und Neuzeit ziehen in bunten Bildern an dem Auge des Lesers vorüber. Es sind sehr interessante Skizzen, die namentlich als kürzere Mitteilungen in Literaturvereinen gewiß sehr gute Dienste