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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-05 · Heft 23 (5.6.1914) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 23 (5.6.1914)
Date
1914-06-05
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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274 Ssch?wsn?ig Mhren! Schauspiel in einem Aufzug von Ermanno Loevinson. (3. Fortsetzung.) 5. A u f 11 i t t. (Sinbitta, Edgardo, Valeria. (5b narb o (311 feiner Frau): Die Dame ist eine alte und doch ewig junge Bekannte von mir. Ich stelle dich ihr hiermit vor. Es ist Frau Cvrinalbo. Den Grunb ihres Kommens habe ich eben Rachele angegeben. Giuditta: Das ist schon richtig. Davon wollen wir später reden. Aber ich war eben, als Sie hereintraten, dabei, mich nach einer viel wichtigeren Angelegenheit zu erkundigen. Valeria: Und die wäre? (8 i u d i t t a : „6s ist eine alte Geschichte, Doch bleibt sie immer neu." lUcinen Sie nicht, wenn ein Mann ein Mädchen, gegen das nichts vorliegt, sitzen läßt, so hat er doch die Pflicht, wenigstens einen Grund für seine Handlungsweise anzugeben. 6 d g a r d 0 : Um Sitzenlassen handelt es sich gar nicht im vorliegenden Fall. Eine Verlobung hatte nicht stattgefunden. Giuditta: Nun, gnädige Frau, ich will deutlicher werden. Die Sache ist bereits zwei Jahrzehnte her, und der Betreffende war meines Bruders und mein Lehrer in der deutschen Literatur ... P a l e r i a ldazwischensprochend): Meine liebe, gute Frau Eorinaldo. Sie brauchen die Erzählung nicht weiter auszuspinnen. Ich weiß alles. Vor unserer Eheschließung hat mir nt ein Ufaim aus eigenster Initiative alles gebeichtet. (8 i u d i t t a : Wenn sie nicht einfach sagen „mitgeteilt", sondern gebeichtet, so geht doch daraus hervor, daß etwas Unehrenhaftes dabei im Spiele war, und darüber möchte ich nun eben Auskunft haben. Valeria: Aber doch nichts Unehrenhaftes Ihnen gegenüber. Giuditta: Wer anders kann denn nur in Betracht kommen? Vielleicht noch die Meinigen? Gnädige Frau, ich bitte Sie flehentlich, lassen Sie mich nach zwanzigjährigen schweren Leiden endlich zur Ruhe kommen. Ich will Aufklärung haben. Ihr Edgardo wird sie mir nie geben. Sie sind außer ihm wahrscheinlich -der einzige Mensch, welcher das Geheimnis kennt. Valeria: Ich muß meinen Mann in Schlitz nehmen, er konnte Ihnen das Geheimnis unmöglich anvertrauen; erstens weil er sich nicht selbst einer an sich unehrenhaften Handlung anklagen durfte; und dann hätte er Ihren Vater in Ihren eigenen Augen herabsetzen müssen, eine der schlimmsten Handlungen, die man nach der Auffassung von uns Juden begehen kann. - (Giuditta: Jetzt verstehe ich noch viel weniger als vorher. Aber ich beginne zu ahnen, daß die Sache irgendwie mit dell Bankskandalen Zusammenhängen mich. Man konnte es damals Papa ansehen: er mochte wohl fürchten, darin verwickelt zu werden. Aber schließlich wurde auch nicht einmal Anklage gegen ihn erhoben. Also, Edgardo und Ihnen muß etwas Näheres darüber bekannt sein. Ich bitte, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir doch endlich beide, was Sie wissen. Ich verspreche Ihnen auch feierlich, meinen guten alten Vater nie merken zu lassen, -was ich von Ihnen gehört. Denn was er auch gefehlt haben mag, er hat es nicht für sich, sondern für die Seinigen getan. Ich versichere Sie, meine kindliche Liebe soll keine geringere werden. Edgardo: Man kann doch aber unmöglich zu einem Kinde schlecht vom Vater sprechen. Giuditta: Nun gut; wenn ich jetzt nicht sofort alles erfahre, werde ich Papa selbst fragen. Wahrscheinlich hatten neidische Konkurrenten schlechte Gerüchte über Papa in Umlauf gesetzt. Valeria (zu Edgardo, halblaut): Wir können doch Frau Giuditta unmöglich dahin bringen, daß sie ihren eigenen Vater zur Rede stellt. Das könnte den alten Herrn in seiner Gesundheit schädigen. Und ihm selbst ist ja wohl die Sache nur zum kleinsten Teile bekannt. Er könnte uns auch verantwortlich machen, wir hätten seiner Tochter Dinge über ihn gesagt, die nicht der Wahrheit entsprächen. Ich glaube, Edgardo, du tätest am besten, der Dame endlich einmal alles zu erzählen. Edgardo (zu Giuditta): Wäre dein Vater nicht mehr unter den Lebenden, so würde mich keine Macht der Welt vermocht haben, dir, seiner Tochter, das zu sagen, was du verlangst. Aber nach deinen feierlichen Versprechungen und inständigen Bitten kann ich es wohl wagen. Giuditta: Wie dankbar wäre ich euch beiden, wenn ihr dieses Geheimnis, welches wie ein Gewicht auf meinem Dasein lastet, endlich lüften wolltet. Edgardo: So höre denn! Ich will es dir in den Hauptzügen mitteilen. Besinnst du dich noch, daß ich in jenem Frühling etwa einen Monat, bevor ich den Unterricht bei euch aufgab, einmal sehr aufgeregt in die Stunde kam. Giuditta: Ob ich mich besinne! Mein Bruder, meine Tante und ich wußten gar nicht, was mit dir war. Du schienst an ganz andere Dinge zu denken, als du vortrugst, und warst so zerstreut, wie ich dich nie vorher, noch nachher gesehen, und dabei von einer Heftigkeit im Tadel gegen alles, was dir nicht gefiel! Edgardo: Nun gut, ich will dir sagen, was am Tage vorher geschehen war. Ich hatte euch und keinem anderen je erzählt, weil ich darum gebeten war, die Sache geheim zu halten, daß ich öfters auf dem Ministerium des Innern Schriftstücke aus dem Deutschen zu übersetzen hatte, von so delikater Natur, daß man ihren Inhalt kennen lernen wollte, ehe man sie an die Polizeibehörden, die ja ihre Uebersetzer haben, eventuell weiter gab. Dadurch kannte ich einige der gewandtesten Geheimpolizisten, wenn auch nicht persönlich, so doch dem Ansehen nach. Denke dir nun: als ich vormittags über den großen Platz gehe, wo dein Vater sein Geschäft hatte, sehe ich vor dem Portal zwei dieser Gesellen stehen. Zufällig kam dein Vater gerade heraus, steigt in seinen Wagen und fährt davon. Da sehe ich, wie die beiden düsteren Gesellen in eine Droschke steigen, die sie schon bereit hielten, und ihm Nachfahren. Ich wußte genug: dein Vater wurde polizeilich überwacht, er war in die Bankskandale verwickelt. Du kannst dir denken, wie aufgeregt ich schon war. Jetzt erst merkte ich, wie du mir ans Herz gewachsen warst. Doch nicht genug damit! Am Nachmittag kommt einer der Kabinettsdiener zu mir; ich solle abends, wenn die Bureaus fürs Publikum geschlossen sind, aufs Ministerium des Innern kommen. Ich wußte schon, diese Zeit wurde mir nur für die allerwichtigsten Fälle bestimmt. Ich sollte eben beim Herein^ und Herausgehen von niemand bemerkt werden. Als ich hinkomme, gibt mir der erste Kabinettssekretär des Ministers mit geheimnisvoller Miene einen ganzen Pack Briefe, Zettel und Billetts in deutscher Sprache. Sie waren bei dem Direktor der Notenbank, welcher bereits seit zwei Tagen hinter Schloß und Riegel saß, beschlagnahmt worden. Ein Beweis für die Eile und Leichtfertigkeit, mit der man die Haussuchung vorgenommen, war, daß die Papiere nicht, wie das sonst üblich, im einzelnen numeriert und gegengezeichnet waren. Ich sollte nun bis

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