Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
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273 und führt seinen Ursprung auf das Wort Kabbalah zurück. Goethes „Faust" ist erfüllt von kabbalistischen Beziehungen. Der Zauberkreis der Beschwörung, das Zauberbuch „Schlüssel Salvmonis", das Pentagramm, die Dämonenerscheinung und vieles andere, alles ist kabbalistisch! Goethe, der Fausts Famulus Wagner die Dämonen mit den Worten kennzeichnen läßt: „Die wohlbekannte Schar, die strömend sich im Dunstkreis überbreitet, dem Menschen tausendfältige Gefahr von allen Enden her bereitet" und damit echt kabbalistische Anschauungen wiedergibt, besaß, wie Dr. Bischofs hervorhebt, infolge seines Frankfurter Studiums mystischer und magischer Werke des Mittelalters eine ziemliche, wenn auch nur indirekte Kenntnis vieler kabbalistischer Anschauungen, die bis in den alten Orient zurückreichen. Vielleicht hat er die mystische Sprache und Bilderrede der Kabbalah im Auge, wenn er in seinen Gesprächen mit Eckermann sagt: „Wenn ein höherer Mensch über das geheime Wirken und Walten der Natur eine Ahnung und Einsicht gewinnt, so reicht seine ihm überlieferte Sprache nicht hin, um ein solches von menschlichen Dingen durchaus Fernliegendes auszudrücken. Es müßte ihm eine Sprache der Geister zu Gebote stehen, um seinen eigentümlichen Wahrnehmungen zu genügen." Nach der Kabbalah „regieren" die Planeten die Geburts¬ und Todesstunde des Menschen. In „Wallensteins Tod" sieht der erschrockene Seni plötzlich „ein greulich Zeichen im Haus des Lebens" stehen. Wallenstein aber bezeichnet Jupiter und Venus als „seine" Sterne. Jupiter „regierte" die Sternenstunde seiner Geburt (17. September 1583). Dr. Bischofs weist in seiner „praktischen Kabbalah" nach, daß die ungünstige Planetenzeit für Wallenstein im Monat der Venns die Zeit vom 22. Februar bis 22. März war, und am 25. Februar 1634 wurde er ermordet. Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, wie weit die kabbalistischen Lehren in die dichterische Welt hineinreichen. Im Leben der heutigen Inden spielt die Kabbalah noch immer, wenigstens insoweit es sich um das östliche Judentum und die Juden des Orients handelt, eine außerordentlich große Rolle. Noch viele Tausende jüdischer Köpfe hält sie in ihrem Banne, erfüllt sie mit religiösen Gedanken und begeistert sie zu transzendentalen Spekulationen. Aber auch eine gewisse Richtung in der heutigen Religionsphilosophie und Naturwissenschaft hält trotz allen Widerspruchs an der Kabbalah fest und will sich diesen Quell uralter, tiefsinniger Lehren nicht verschütten lassen. M i ch a I o s e f bin (Socio«, der Verfasser des Buches „Die Sagen der Juden", sagt von der Kabbalah, daß sie eine eigene Ideenwelt vom Urwillcn und vom Urbösen und von der Not alles Seins anfgebaut hat. Sie will den Menschen lehren, die Emanation Gottes in allen ihren Abstufungen zu erfassen und den Kosmos in allen seinen Sphären zu durchmessen. Mit Recht weist Dr. Bischofs darauf hin, daß sich unter den absonderlichen Einklcidungssvrmen der Kabbalah oft ein Kern sehr interessanter und tiefsinniger Anschauungen und Erkenntnisse verbirgt, die sich mit Worten wie Wahn, Aberglaube oder Unsinn keineswegs abtun lassen, und treffend führt er viele der kabbalistischen Beeinflussungen und Heilungen auf Suggestion zurück, die freilich in ihrem innersten Wesen auch noch nicht völlig enträtselt worden ist. Mit den exakten Naturwissenschaften hat die Kabbalah natürlich nichts zu tun. Denn die sind aller Mystik und allem, was sich nicht „mit Hebeln und mit Schrauben" erweisen läßt, abhold. Und doch liegt, nach Dr. Bischofs, in der heutigen starken Zuflucht zur Mystik, zumeist unbewußt, das Sehnen nach einer Vertiefung der Lebensauffassung und sittlichen Bereicherung des Lebensinhalts und nach einer Vervollkommnung der Frieden und Jnnenglück suchenden Seele. Die Jahrtausende alten Wurzeln der Kräfte des Mystizismus sind eben zu stark. Es bleibt im Herzen der Menschheit unausrottbar die immer wache Sehnsucht nach einem geheimnisvollen Wunderbaren, nach einer Verbindung mit der übersinnlichen Welt, der Wunsch, das Weben und Wirken überirdischer Gewalten zu erforschen und zu ergründen, das Gute, das uns bestimmt ist, zu wahren und zu erhalten, das Böse, wenn möglich, abzuwenden und zunichte zu machen. Nun spricht man zwar auch von einer Wissenschaft d e r M a g i e, was seltsam mittelalterlich anmutet, und zitiert Hamlets tiefsinnigen Spruch, daß es mehr Dinge im Himmel und auf Erden gibt, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt. Aber du P r e l, einer der bekanntesten Forscher auf dem Gebiete der Magie, hat schon erklärt, daß die Magie unbekannte Naturwissenschaft sei, und Heinz Welten (Dr. Martin Philipsohn) meint, daß wir sie in diesem Gewände getrost in unser Jahrhundert, das sich mit Stolz das naturwissenschaftliche nennt, hinübernehmen dürfen, ohne uns dem Vorwurf atavistischer Denkart auszusetzen. Denn die magischen Künste, die Geheimwissenfchaften oder der Okkultismus, die okkulten Mysterien oder wie sonst immer man diese zurzeit noch unaufgeklärten Phänomene bezeichnen mag, ständen nicht im Widerspruch mit der Naturwissenschaft als solcher, sondern nur mit einzelnen ihrer Gesetze. Gesetze aber würden durch Tatsachen bestimmt, nicht umgekehrt. Bekanntlich gibt es Vorgänge des Seelenlebens, wie die Hypnose, Suggestion, Gedankenübertragung, Telepathie, Hellsehen usw., die man mit den bekannten Naturkräften noch nicht völlig in ausreichender und überzeugender Weise deuten kann. Da nehmen eben manche Gelehrte Geheimkräfte zu ihrer Erklärung zu Hilfe. In dieser Beziehung hat der neue Rektor der Berliner Universität, Ge he im rat Professor Dr. Planck, bei der Rektoratsübergabe sehr beherzigenswerte Worte gesprochen. Er sagte: „Selbst in der exaktesten Naturwissenschaft kann man nicht ohne Weltanschauung, d. h. ohne unbeweisbare Hypothesen vorwärtskommen. Auch für die Physik gilt der Satz, daß man nicht selig wird ohne den Glauben, zum mindesten den Glauben an eine gewisse Realität außer uns, diesen Glauben, der dem vorwärtsdringenden Schaffenstrieb die Richtung weist. Ein Forscher, der sich nicht von irgendeiner Hypothese leiten läßt, verzichtet von vornherein auf ein tieferes Verständnis seiner eigenen Ergebnisse. Aber dieser Glaube muß beständig an der Hand der Denkgesetze und der Erfahrung nachgeprüft werden." Mit solcher Weltanschauung wird auch der strengste Naturwissenschaftlicher, der mit dem Aether im Weltenraum operiert und ihn für die Erklärung von Licht, Elektrizität usw. nicht entbehren kann, obwohl er ihn nie gesehen hat, der vor den Begriffen der Unendlichkeit und Ewigkeit sein Denkvermögen versagen fühlt, der Kabbalah gegenüber mit Nachsicht und Toleranz urteilen und zugeben, daß immerhin die Möglichkeit besteht, neue bisher unbekannte und nicht für möglich gehaltene Erfahrungen zu sammeln, (man denke an die Nöntgenstrahlen, die drahtlose Telegraphie, die lenkbaren Luftschiffe und Flugzeuge) und noch über die Ersahrungsbegrifse hinaus gewisse zuverlässige Erkenntnisse zu gewinnen. Er wird mit Rückert in der „Weisheit des Brahmanen" sprechen: „Du kannst die Grenze nicht des Denkens überschreiten. Doch stehend an der Grenz' hinüberschaun von weiten; Und wie dein Auge sieht, was es nicht kann ergreifen, So kann dein höhrer Sinn ins Undenkbare schweifen."