Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229147--70468-3282815- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 272 — Mit demselben Recht könnte man die Argumentation eines Anklägers für einwandfrei halten, daß derjenige, der einen Selbstmord begehe, erst recht fähig sei, einen anderen zu morden, denn jeder andere stehe ihm ja viel ferner. Groß übersieht, daß, so wie Selbstmord und Mord inkommensurable Größen sind, der Eid und das Gelübde, das man sich selber gibt, inkommensurabel sind mit dem Eide und den Zusagen, die einem anderen geleistet werden, lleber unsere Gedanken und Vorsätze sind wir Herren und wenn wir uns bei Gott geloben, daß wir etwas tun oder unterlassen werden, so ist das etwas, was wir nur mit Gott abzumachen haben. Entbindet uns Gott von dem, was wir ihm für unsere eigene Person gelobt haben, so folgt daraus noch nicht, daß er uns auch un-' serer Pflichten gegen Tritte Ledig halten will. Denn das ist nicht bloß eine interne Sache zwischen uns und Gott, sondern zwischen uns und unseren Mitmenschen. Unsere- Pflichten gegen Tritte sind unserer Macht entzogen und wenn wir Gott zum Zeugen der Wahrheit und eines Versprechens einem Tritten gegenüber anrufen, so duldet die Religion keineswegs, daß der Tritte, ohne gehört zu werden, sein Recht auf Wahrheit verliert. 5. Wenn Groß meint, daß auch der gelehrteste Kenner des Althebräischen nicht für die Richtigkeit der Uebersetzung gutstehen könne, da es sich um Worte handle, die auch im Deutschen schwankende Bedeutung haben und daß deshalb jeder Streit darüber müßig sei, so ist der Schwerpunkt des Streites verschoben. Es wird ja nicht darüber gestritten, was unter Gelöbnis, unter Gelübde, unter Verzichtung, unter Verbindlichkeit, unter Bannformel, unter Eid oder Versagung zu verstehen ist, sondern es wird nur darum gestritten, ob man lediglich die für die eigene Person gegebenen Eide lösen kann oder ailch die, bei denen ein anderer beteiligt ist. Meint Groß, auf die Worte „für unsere eigene Person" dürfe kein Gewicht gelegt werden, dies kann nur sprachlich konstruktive Form sein, denn schwören, geloben und Gelübde machen, kann man ja immer nur für seine eigene Person, so ist das mehr eines Sophisten als eines Juristen würdig. Gewiß schwört man immer nur für seine -eigene Person. Aber es kommt darauf an, ob man sich selbst etwas gelobt oder zuschwört, oder ob man einem Gegner etwas beschwört. 6. Wenn Groß zum Schlüsse sagt: Ich habe wiederholt gesagt: Bei den Christen und den Gläubigen aller Religionen kommt Aberglauben und Blutglauben vor, bei den Juden eben auch, falsche Eide kommen bei allen Völkern und Rassen vor und bei den Juden auch, das Kolnidregebet beweise nicht eine ausnehmende, bessere Qualifikation der Juden, so sind das Dinge, die Wort für Wort unterschrieben werden können, nur stehen sie im Widerspruch mit seinen früheren Anführungen und mit den Angriffen von Schütze und Hellwig, denn er sagt vorher: „Tie Hauptsache geht dahin, daß das Kolnidregebet unter allen Umständen gegen den Eid der Juden und nicht, wie oft behauptet wird, für einen hohen Grad von Gewissenhaftigkeit zeuge und deshalb von ihnen am besten nicht hervorgezogen würde." Das Kolnidregebet beweist meines Erachtens ebensowenig gegen den Eid der Juden, als das Wort des Neuen Testaments: „Ich aber sage euch, daß ihr allerdings nicht schwören sollt . . . euer Wort sei ja, ja, nein, nein, was darüber ist, das ist vom Uebel," oder als das oben zitierte Wort des Apostels Paulus gegen den Eid der Christen etwas beweist. Indessen kommt es darauf nicht an. Eschelbacher hat ja nicht angegriffen und nicht eine ausnehmende bessere Qualifikation der Juden behauptet und bewiesen, sondern sich gegen den Vorwurf wehren und verwahren wollen, daß das jüdische Religionsgesetz den Falscheid begünstige. Diese Verteidigung hätte Groß im Interesse einer objektiven vorurteilslosen Rechtsprechung ohne die Kritik aufnehmen sollen, die er daran zu knüpfen für gut befunden hat. Seine Kritik ist in sich Widerspruchs- und vorurteilsvoll; sie zeigt, daß der Antisemitismus auch bei geistig hochstehenden Menschen den freien Blick trübt. Gedanken über die kabbalah. Von Sanitätsrat Tr Scherbe! in Lissa i. P. r. Erich Bischofs, einer der bedeutendsten deutschen Religionshistoriker und Orientalisten, hat ein Werk „Elemente derKabbalah"*) in zwei Bänden herausgegeben. In dein ersten Teile wird die theoretische Kabbalah erörtert, wozu das Buch „Jezirah" Auszüge aus dem „Sohar" und aus„JsaakLurjasSchrift über die Seelenwanderung" beigegeben werden. In dem zweiten Teile, der praktischen Kabbalah, wird von Dr. Bischofs zum ersten Male der Versuch gemacht, eine genauere Kenntnis der Wissenschaften und Künste der praktischen Kabbalah zu vermitteln und damit einen Durchblick durch die magische Praxis der kabbalistischen Astrologie, Traumdeutung, Zukunftsdeutung usw. zu geben. Dieser Versuch, die kabbalistischen Lehren aus sich heraus zu erklären und dem heutigen Verständnis nahe zu bringen, muß als durchaus gelungen bezeichnet werden. Dr. Bischofs zeigt sich als kundiger Führer durch dieses dunkle, ungemein schwierige Gebiet, auf dem die tiefsten metaphysischen Probleme zur Behandlung kommen. Dem aufmerksamen Leser erschließt sich eine ganz neue Welt des Denkens und Wollens, wenn er sich nur bemüht, sich in diese kabbalistische Gedankenwelt hineinzudenken und hineinzufühlen, gewissermaßen „orientalisch" zu denken. Es ist nunmehr einem jeden Gelegenheit gegeben, aus diesen bisher nur sehr wenigen modernen Menschen zugänglichen jüdischen Weisheitsquellen zu schöpfen und zur Beseitigung so mancher irrigen Anschauungen und Vorurteils beizutragen. In dieser Beziehung ist das Schlußwort, welches den „Sohar" und das „Blutritual" behandelt, von ganz besonderem aktuellen Werte. Hierin wird das angebliche Vorkommen einer Ritualmordlehre in der kabbalistischen Literatur auf das entschiedenste widerlegt und gezeigt, wie auch für die Kabbalah Goethes Wort Geltung hat: „Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihr's nicht aus, so legt was unter." Bei dieser Gelegenheit kommt es uns in Erinnerung, welche Rolle bei Goethe, ja in der ganzen deutschen Literatur die jüdische Geheimlehre der Kabbalah spielt. Ueberall finden sich, bewußt oder unbewußt, kabbalistische Anklange. Ja, bis in das moderne praktische Leben hinein erstreckt sich der Einfluß dieser mystischen jüdischen Religionsphilosophie, sei es, daß es sich um das eigenartige Heilverfahren des Gesundbetens handelt, sei es, daß das neueste „Phänomen", der Gedankenleser Professor Reese aus Amerika, seine rätselhaften Experimente mit kabbalistischen Zeichen begleitet. Das Wort Kabale in Schillers „Kabale und Liebe" bedeutet einen geheimen Anschlag, das geheimnisvolle Ränkeschmieden, *) 1. Geheime Wissenschaften, Band II. Die Elemente der Kabbalah. Erster Teil: Thevrelische Kabbalah. Das Buch Jezirah. Sohar-Auszüge, Spätere Kabbalah. Uebersetzunge», Erläuterungen und Abhandlungen von Dr. Erich Bischofs. Berlin W 30. Hermann Barsdorf Verlag. 1913. Preis eleg. drosch. 6 Mark; Originalband 7,50 Mark. 2. Geheime Wissenschaften, Band III. Die Elemente der Kabbalah. Zweiter Teil: Praktische Kabbalah. Magische Wissenschaft, Magische Künste. Erläutert von Dr. Erich Bischofs. Nebst einem Schlußwort: Ter „Sohar" und das „Blutritual". Berlin W 30. Hermann Barsdori Verlag. 1914. Preis clcg. drosch. 6 Mark: Originalband 7,50 Mark.