Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229147--70465-3282812- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
269 verlangen heute weit weniger als der Fürst und Hohepriester Johann Hyrkan, und auch das wenige, das wir verlangen, wird uns so oft verweigert. Wir kennen das Datum des Wochenfestes nicht, und wir wissen nicht, wann am Sinai das Gesetz der Sittlichkeit gegeben wurde. Aber wir brauchen unsere Unkenntnis nicht zu bedauern. Ewiges wird nicht an einem bestimmten Tage geboren, und der heilige Geist ist nicht in einer flüchtigen Stunde aus die Völker ausgegossen worden. An dem Tage, den unsere Ahnen geheiligt haben, feiern auch wir Las große Ereignis, in dem wir die Frucht einer Entwicklung von Jahrhunderten sehen. Unsere Väter nannten es in gläubiger Ehrfurcht die Gesetzgebung am Sinai. Die nrugelchsKme öffentliche Bibliothek der Synasosengemeinbe?u Köln. ie in großzügigerWeise neugeschaffene Bibliothek unserer Synagogengemeinde, welche nicht nur moderne jüdische Belletristik und schöne Literatur, sondern auch populärwissenschaftliche und rein wissenschaftliche Werke enthält, ist am letzten Sonnabend mit einem Bestände von etwa 2000 Bänden feierlichst eröffnet und dem Publikum zur unentgeltlichen Benutzung übergeben worden. In dem festlich geschmückten Bibliotheksaal hatten sich außer der Bibliothekskomunssion, welcher das Vorstandsmitglied Herr Landgerichtsrat Coppel, der zweite Vorsitzende der Repräsentantenversammlung, Herr M. Lewy, sowie die Herren Rabbiner Dr. Frank, Dr. Rosenthal, Dr. Hanover, Dr. Caro, Dr. Schestelowitz angehören, Vorstand, Repräsentanz und einige Ehrengäste eingefunden. Zunächst beleuchtete der Vorsitzende der Bibliothekskommission, Herr Landgerichtsrat Coppel, in fesselnder Weise Zweck und Ziele dieser Einrichtung. Diese sehr gediegene Rede ist insofern wert, im Wortlaut wiedergegeben zu werden, als sie wohl geeignet sein kann, manche andere Großgemeinde anzuregen, ein ähnliches Institut zu schaffen. Sie lautete: „Ein bedeutsames Ereignis im Leben unserer Gemeinde ist es, das ilns hier vereinigt. Die neugegründete Bibliothek der Synagogengemeinde Köln soll ihrer Bestimmung übergeben werden. Gestatten Sie mir, daß ich Sie, meine Herren, die Sie der Einladung zur Teilnahme an dem Eröffnungsakt Folge gegeben haben und durch Ihr Erscheinen ein so eindringliches Zeugnis für die Wichtigkeit unseres neuen Gemeindeinstituts ablegen, auf herzlichste begrüße. Der Bücherbestand der Synagogengemeinde erschöpfte sich bis jetzt in der sogenannten Lehrerbibliothek, einer für einen engbegrenzten Leserkreis bestimmten, mit mäßigen Mitteln dotierten und nur mit einer beschränkten Zahl von Werken ausgestatteten Sammlung. Was fehlte, und was not tat, war eine aus breiter Grundlage aufgebaute, alle Gebiete des jüdischen Wissens umfassende und allen Schichten der Gemeinde zugängliche Gemeindebibliothek. Der Mangel einer solchen war um so fühlbarer, als er auch von den übrigen Gemeinden Rheinlands und Westfalens geteilt wurde, so daß der Freund jüdischer Literatur und erst recht der Gelehrte, der seinen Studien obliegen wollte, nicht selten in Verlegenheit geriet und mitunter weitläufige Schritte tun mußte, um zum Ziele zu gelangen, auf welches Neigung, innerer Beruf und religiöse Pflicht ihn hinwiesen. Hier Wandel zu schaffen, war eine Ausgabe, der die Verwaltung eines blühenden Gemeinwesens, einer Großgemeinde wie Köln sich auf die Dauer nicht entziehen konnte. So hat denn der Vorstand schon vor geraumer Zeit die Einrichtung einer Gemeindebibliothek beschlossen, und in dankenswerter Bereitwilligkeit hat die Repräsentantenversammlung, durchdrungen von der Größe der Aufgabe, die es hier zu löseu galt, durch Bereitstellung reichlicher Mittel die Durchführung des Beschlusses ermöglicht. Aufgebaut wurde auf der vorhandenen Lehrerbibliothek. Aber dieser Grundstock erfuhr schon gleich zu Anfang eine bedeutende Verstärkung durch eine großzügige Tat des Vereins für jüdische Geschichte nnd Literatur, der, von jeher ein eifriger Förderer und Vorkämpfer des Biblivthekprojektes, seine eigene Büchersammlnng der Gemeinde fchenkweise überwies; eine Tat, für die ihm auch an dieser Stelle der Dank der Gemeindeverwaltung gezollt werden soll. Den weiteren Ausbau der Bibliothek hat sich dann eine Kommission angelegen fein lassen. Noch ist natürlich kein vollendetes Werk geschaffen, immerhin aber weit mehr als ein Anfang. Mit Stolz dürfen wir uns sagen, daß die Gemeinde schon heute über eine ansehnliche Bibliothek verfügt, die, ausgestattet mit einer wissenschaftlichen, einer populärwissenschaftlichen und einer belletristischen Abteilung, allen berechtigten Anforderungen zu genügen versucht, den Bedürfnissen des Gelehrten, der an den Quellen der jüdischen Wissenschaft schöpfen will, wie den Wünschen des Laien, der an den Blüten der jüdischen Dichtkunst sein Herz erquicken will, aber auch den Interessen desjenigen, der sich eine Meinung über die Fragen, welche die Gegenwart des Judentums bewegen, bilden und sich das geistige Rüstzeug verschaffen will, um dem Judentum den Platz zu sichern, der ihm gebührt vermöge seiner Geschichte und des tiefen Gehalts seiner Ideen. Die Gemeindeverwaltung knüpft große Hoffnungen an ihr neues Institut. Sie hofft, dem Theologen ein willkommenes Hilfsmittel zu bieten und seine Arbeitsfreudigkeit anzuregen; sie hofft, der Heranwachsenden Generation eine Stätte zu bieten, an der sie auch nach der Entlassung aus der Schule in enger Verbindung mit jüdischem Denken und Dichten bleiben kann, sie hofft, dem Zeitgenossen, der so vielfach in allen Winkeln modischer Bildung und Kultur zu Hause ist, Auge und Herz zu öffnen für die Ewigkeitswerte, die im geistigen Nachlaß unserer Väter ruhen, auf daß allmählich jene widerspruchvolle Erscheinung aus dem Zeitbilde verschwinde: der gebildete Jude ohne jüdische Bildung. Möchte eine Fülle von Segen von hier aus in die Gemeinde dringen! Möchte die Bibliothek in einer Zeit, die im Streben nach äußerem und oft so leerem Glück eine so ungeheure Regsamkeit entfaltet und es darin so herrlich weit gebracht hat, manchem den stillen Weg zeigen, der zu innerem Reichtum führt. Möchte sie in unserer Gemeinde das Verständnis für den Sinn des Daseins vertiefen, zu sittlicher Vervollkommnung und damit zu wahrem Glücke führen! Mit diesen Wünschen, denen ein gnädiges Geschick die Erfüllung nicht vorenthalten möge, erkläre ich die Bibliothek der Synagogengemeinde Köln für eröffnet." Darauf sprach Herr Rabbiner Dr. Schestelowitz über den Wert der Gemeindebibliothek in heutiger Zeit. Er führte aus: „Es ist eine historische Tatsache, daß wir Juden uns vor allem dadurch erhalten haben, daß wir zu allen Zeiten das jüdische Schrifttum gepflegt haben, und daß diejenigen Teile des jüdischen Stammes, die das jüdische Schrifttum vernachlässigt haben, dem Untergang geweiht waren. Man erinnere sich nur an die abessinischen und chinesischen Juden. Während alle anderen Völker in den Zeiten der schlimmsten Verfolgungen und des äußersten Druckes ihre geistigen Güter aufgaben und in Unkultur versanken, haben wir Juden gerade in den Jahrhunderte dauernden blutigen Verfolgungen, wie z. B. im Mittelalter, an den überkommenen Schriftwerken uns zu erquicken nnd aufzurichten versucht und sie weiter ausgebildet. Diese Beschäftigung mit den jüdischen Quellen hat den Juden in den äußerell Drangsalen jenes Glück gewährt, das von keiner rohen Gewalt vernichtet werden konnte; sie hat in ihren Wohnungen das milde Licht der reinen Frömmigkeit, der Familieninnigkeit und der Menschenliebe entzündet. Jede Familie besaß ehemals eine kleine jüdische Bibliothek, die in der freien Zeit von den Angehörigen viel gelesen und studiert wurde. In jeder Gemeinde hatte es Privatleute gegeben, die ihren Stolz darin sahen, eine bedeutende Bibliothek von seltenen jüdischen Werken zu besitzen. Dieses hat nun seit mehreren Jahrzehnten ausgehört. Der Eifer nnd das Interesse für die jüdische Lite- - ratur haben bei uns Juden sehr nachgelassen. Daher ist es Aufgabe nnd Pflicht der jüdischen Gemeinden, die jüdischen Geistesschätze zu sammeln, das Juteresse dafür unter ihren Mitgliedern wieder wachzurufen und jedem einzelnen durch die Gründung einer öffentlichen jüdischen Bibliothek Gelegenheit zu geben, das in ihm erwachende Interesse für irgendeinen jüdischen Wissenzweig leicht befriedigen zu können. Nachdem die Berliner Synagogengemeinde seit etwa zwei Jahrzehnten eine sehr bedeutende Bibliothek besitzt und bereits vorher in Breslau und Frankfurt a. M. derartige Institute begründet waren, haben jetzt Vorstand und Repräsentanz in dankenswerter Weise reichliche Mittel zur Schaffung einer öffentlichen Bibliothek bewilligt. Bei Anlegung der öffentlichen Gemeindebibliothek, die augenblicklich einen Bestand von etwa 2000 Bänden hat, sind hauptsächlich drei Gesichtspunkte maßgebend gewesen. Zunächst soll die Bibliothek diejenigen modernen Werke jüdischer Belletristik nnd schöner Literatur besitzen, die geeignet sind, in anregender Form Begeisterung für die jüdischen Ideale zu wecken. Ferner hat die Bibliothek populärwissenschaftlrche