Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
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"'IW', 267 Wort des Fortschrittsmanns Mommsen, daß bereits im alten Rom die Juden das Element der Zersetzung gewesen sind. Es genügt, solche Hetzreden niedriger zu hängen; nur sei, nach einem Artikel der „Nat.-Ztg." daraus hingewiesen, daß von den angeführten 10 Sozialdemokraten drei konfessionslos und drei evangelisch sind. In dem erwähnten Artikel heißt es dann folgendermaßen: Die Zahl der jüdischen Mitglieder der Sozialdemokratie ist verhältnismäßig äußerst gering. Das läßt sich mit Leichtigkeit seststellen, aber es ist eigentlich überraschend. Die Zurücksetzung, die den Juden fast überall zuteil wird, sollte vielmehr die Erwartung wecken, daß sie ein großes Kontingent zur Sozialdemokratie stellen würden. Dem Bürger israelitischen Glaubens stehen bei uns eigentlich nur die sreien Berufe offen, wie die des Schriftstellers, des Rechtsanwalts und des Kaufmanns. Die staatliche Laufbahn ist ihm entweder ganz verschlossen oder nur bis zu einer niederen Grenze geöffnet. Ein Israelit kann es in der Gerichtskarriere höchstens bis znm Amtsgerichtsrat bringen, und wenn er noch so tüchtig und begabt ist. Wäre es unter Viesen Umständen ein Wunder, wenn die Inden, die das gegenwärtige Regime zurücksetzt, sich der staatsfeindlichen Sozialdemokratie anschlössen und sie nach Kräften förderten, wie Herr v. Pnttkamer es behauptet? Wie kann eigentlich eine Regierung Treue und Unterstützung von Staatsbürgern erwarten, von deren Mitarbeit sie selbst nichts wissen will? Wenn einzelne gebildete und begabte Juden sich zur sozialistischen Weltanschauung bekannt haben und eine führende Rolle in der sozialdemokratischen Partei spielten oder heute noch spielen, so ist das wahrhaftig nicht erstaunlich, und die Regierenden, die Herr v. Puttkamer zu noch größerer Intoleranz aufstacheln möchte, haben sich diese Absage cur die bestehende Ordnung selbst zuzuschreiben Selbst ein Rassenfanatiker, wie Herr v. Puttkamer offenbar einer ist, wird zugebeu müssen, daß die Juden ein aristokratisches Volk waren. Heute stehen sie allein schon durch ihre rege und bedeutende Beteiligung an Industrie und Handel in einem unüberbrückbaren Gegensatz zum Sozialismus, der der erklärte Feind des selbständigen kaufmännischen und industriellen Schaffens ist. Das ist ein weiterer Grund, weshalb die Juden trotz aller Zurücksetzung sich niemals in überwiegender Zahl der Sozialdemokratie angeschlossen haben, und weshalb sie stets eine starke Stütze der bestehenden Staatsordnung gebildet haben. Herr v. Puttkamers Versuch, Judentum und Sozialdemokratie zil identifizieren und die israelitischen Staatsbürger geradezu als die treibende Kraft einer revolutionär-sozialistischen Umsturzbewegung hinzustellen, wäre grotesk und lächerlich, wenn er in einer antisemitischen Versammlung und nicht im preußischen Herrenhaus unternommen worden untre. So ist er ein trauriges Zeugnis für den reaktionären unb intoleranten Geist, der heute die herrschenden Klassen in Preußen beseelt. verkehrt, ihnen das Leben unerträglich zu machen und von ihnen einen übertriebenen Patriotismus zu verlangen. Er forderte zum Schluß seine „jüdischen Brüder" auf, für ihre Rechte zu kämpfen, und versicherte sie, daß das aufgeklärte Rußland sich mit ihnen vereinigen werde, um sie von einem schlimmen Joche zu befreien. Dieser Tag der Befreiung, so schloß er, sei nicht fern. So zu lesen in der „Maore" vom 22. Mai 1914. Freilich ist eine solche Stimme sehr vereinzelt; im allgemeinen steht es in Rußland traurig genug. Zwei Nachrichten aus Rußland mögen aus der „N. I. ft." hier folgen. Die eine lautet: Am 16. d. M. fand eine Beratung von Vertretern verschiedener jüdischer Emigrationsgesellschaften statt. Es wurde ein Entwurf zur Verbesserung der Lage der jüdischen Auswanderer nach Amerika ausgearbeitet. Dieser Entwurf soll der Einigrationskonferenz vorgelegt werden, die unter Beteiligung der großen deutschen Schisffahrtsgesellschaften und der Vertreter der jüdischen Emigrationsgesellschaften am 5. Juni d. I. in Hamburg tagen wird. Die Anregung zn dieser Konferenz ist von der Petersburger „Gesellschaft zur Regelung der jüdischen Emigration" ansgegangen. Die deutschen Schiffahrtsgesellschaften haben sich bereit erklärt, in den Kontrollstationen an der deutsch-russischen Grenze sowie auf ihren Dampfern verschiedene Reformen zugunsten der jüdischen Auswanderer einzuführen. An der Hamburger Konferenz lverden unter ariderem folgende russisch-jüdische Gesellschaften teilnehmen: die jüdische Emigrationsgesellschaft von Kiew, die Minsker Emigrationsgesellschaft, das Warschauer Jnformationsburean und die Kiewer und Lodzer Filialen der Emigrationsgesellschaft in St. Petersburg, In der anderen heißt es: In der russischen Reichsduma ist bekanntlich ein Gesetzentwurf eingebracht worden, der auf ein Verbot der jüdisch-rituellen Schlachtmethode abzielt. Da nun ein solches Verbot auch in das Leben von Millionen moslimischer Bewohner des russischen Reiches eingreisen würde, hat sich der Scheich-nl-Jslam nach Rücksprache mit dem türkischen Großrabbiner Haim Nahum an die türkische Negierung mit der Bitte gewandt, in dieser Angelegenheit durch die Petersburger Botschaft freundschaftliche Vorstellungen bei dem Petersburger Kabinett zn erheben. Man hofft hier, daß die Dumakommission für Volksgesundheit, die dem Ptkenum ein Gutachten über die Vorlage erstatten soll, schon mit Rücksicht auf die mohanunedanische Bevölkerung die Ablehnung des Entwurfs beantragen wird. * i Leonor Reichenheim, geb. 3. Mai 1814, gest. 26. Januar 1868. (vgl. Artikel Nr. 19, S. 225 -227). * In der russis ch e n D u m a hat ein Abgeordneter der konstitutionellen Partei, N e 4 r a s o f f, gewagt, sein Wort f ü r d i e I u d e n zu erheben. Er schilderte ihre unerträgliche Lage und zitierte die Worte eines englischen Forschers, man müsse gegen diese barbarischen Quälereien kälnpfen wie gegen die Wiedereinführung der Tortur in den Gefängnissen. Er wolle, so fuhr er fort, sich nicht lächerlich machen, indem er die törichten Anklagen widerlege, die die „echten russischen Leute" gegen die Juden erhöben. Aber er müsse darauf Hinweisen, wie unrecht es fei, von ihnen einen weit höheren Prozentsatz Militärpflichtiger zu verlangen als von anderen Bevölkerungsschichten, unb sich zu beklagen, wenn er nicht erreicht werde; wie unrecht, ihnen Ackerbau zu untersagen, und sich zu beschweren, wenn sie sich dem Handel, widmen; wie Ueber König Alfons und die Inden schreibt die „Vossische Zeitung": Der Berliner Professor Dr. A. S. Pahnda, dessen Vorträge über die spanischen Inden des Mittelalters als Kulturträger hier großes Aufsehen erregt haben, und denen die Madrider Presse fortlaufend in hohem Maße Aufmerksamkeit geschenkt hat, wurde gestern vom Köllig in Audienz empfangen. Wie schon früher gemeldet, ist Köllig Alfons Ehrenpräsident der über ganz Marokko verbreiteten Liga Hispano-Hebren und hat noch vor kurzem einen Ausschuß dieses spanisch-jüdischell Verballdes im Schloß empfangen; eine Tatsache, die im Anschluß an die Dr.?)ahuda gewährte Audienz als bedeutsam bezeichnet lverden darf. Der Monarch empfing den delltschell Gelehrten in äußerst freundlicher und luigezwungener Weise. Er gratulierte ihnl zu dem Erfolg seiner Madrider Vortrüge und drückte seine Zufriedenheit aus über das in spanischen Studienkreisen für die einschlägigen Fragen geweckte Interesse. Der König erkundigte sich ferner angelegentlich über Sprache, Gebräuche und Gesinnungen der sepyardischen Juden, für deren Wiedervereinigung mit Spanien man