Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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die bereits den VIII. und IX. Verbandstag beschäftigte und ihn auf Grund des vorzüglichen Berichtes des Vorsitzenden der seinerzeit eingesetzten Kommission, Herrn Geh.-Rat Flatow, veranlatzte den Gerneinden Zu empfehlen, von dem Beitritt Zur Witwen- und Waisentasse der Kommunalbeamten der Provinz abzusehen, weil damals eine Ruhegehaltskasse in der Provinz noch nicht bestand und weil die damals zu leistenden Beitragszahlungen noch zu hoch waren. Inzwischen haben sich nun die Verhältnisse vollständig geändert, die Provinz hat neben der Witwen- und Waisenkasse auch eine Ruhegehaltskasse für die Kommunalbeamten, der auch andere Körperschaften, Stiftungen und Anstalten des öffentlichen Rechts sowie rechtsfähige Vereine beitreten können, eingerichtet; auch sind die Beiträge erheblich geringer geworden. Während noch 1909 der Beitrag zur Witwen- und Waisen- und Ruhogehaltskasse 13 Prozent betrug, sind jetzt nur noch 7,85 Prozent Zu zahlen, wovon ein Prozent dem Reservefonds zufließt. Ferner ist zu beachten, daß durch das Versicherungsgesetz für Angestellte alle Gemeinden verpflichtet sind, ihre Beamten, sofern sie bis 5000 Mark Gehalt beziehen und nicht über 60 Jahre alt sind, bei der Reichsversicherungsanstalt Zu versichern. Bei dieser veränderten Sachlage wäre es wünschenswert, wenn die Angelegenheit von den dazu berufenen Körperschaften einer nochmaligen Prüfung unterzogen und wenn der Ausschuß des Westpreußischen Shnagogenverbandes sich dieser Aufgabe unterziehen würde. Nach, einem Beispiel, das der Berichterstatter gab, ist der Beitritt der Gemeinden zur Provinzialkasse für die Gemeindebeamten entschieden vorteilhafter als zur Reichsversicherungsanstalt, denn bei einem Gehalt von z. B. 2000 Mark sind an die Provinzialkasse an Ruhegehalts-, Witwen- und Waisenbeitrag 7,85 Prozent zu zahlen oder rund 8 Prozent — 208 Mark, der Beamte erhält aber nach zehnjähriger Dienstzeit ein Ruhegehalt von zwanzig Sechzigstel seines Gehalts, das sind 866,35 Mark, die Witwen und Waisen zwei Fünftel bzw. ein Fünftel davon, während bei der ReichsversicherungsanstalL zwar nur ein Beitrag von 199,20 Mark jährlich zu zahlen ist, dahingegen nach zehnjähriger Dienstzeit ein Ruhegehalt von 498 Mark gezahlt wird. Rach kurzer Debatte wurde der Antrag einstimmig angenommen. e. Rogasen, 22. Mai. In vergangener Woche wurde auf dem hiesigen Friedhofe der Lehrer Max Cohn aus Wreschen zu Grabe getragen. Einer Lehrerfamilie aus dem durch Bernsteins „Mendel Gibbor" zur Berühmtheit gelangten Weichselstädtchen Jordon entstammend, hat er von 1881 bis 1884 die jüdische Lehrerbildungsanstalt in Berlin besucht und fand zunächst Anstellung an der jüdischen Bolksschnle in Miloslaw und dann in Wreschen. Im besten Mannesalter von 49 Jahren wurde er abgerufen. Seinem Wunsche gemäß wurde er Hieselbst an der Seite seiner Mutter und zweier Brüder begraben, von denen der eine der bekannte Lehrer an der Berliner jüdischen Gemeindeknabenschnle, Rektor Hermann Cohn, war. Seine früheren Schüler und die Lehrer aus den Nachbarstädten trugen ihn zu Grabe, woselbst Rabbiner Dr. Dünner die Gedächtnisrede hielt. Namens des Lehrervereins der Ostprovinzen widmete Lehrer Brzezinski, Posen, dem Entschlafenen als Mitbegründer des Vereins dankbare Abschiedsworte. Die ideale Auffassung des Lehrerberufs, die treue Hingabe an sein Amt, sichern dem Verstorbenen ein treues Gedenken. M. Hamburg, 22. Mai. Der bekannte Rabbiner und Literarhistoriker I s a ak H a l ev h ist nach kurzer Krankheit im 66. Lebensjahre gestorben. Halevy kam vor 14 Jahren aus Rußland nach Hamburg und wirkte hier als Rabbiner an der Levin Salomon Klaus, in der Hauptsache widmete er sich doch der Herausgabe seines Geschichtswerkes „Doroth harischonim“. Die Bestattung von der Kapelle des israelitischen Krankenhauses fand unter überaus zahlreicher Beteiligung statt. Unter der großen Anzahl Leidtragenden befanden sich Oberrabbiner Dr. Spitzer, die Rabbiner Dr. Loewent h a l, Dr. B a m b e r g e x , Dr. Plato, H e r m. Gumper tz sowie die Rabbiner der Nachbarstädte und Rabbiner Dr. Munk- Berlin. Auch viele Berufskollegen, Freunde und Verehrer, namentlich aus Süddeutschland, unter anderen Dr. Bamberger-Hanau, Dr. Bondi-Mainz, waren herbeigeeilt, um dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Nur ein kleiner Teil der Erschienenen konnte in der Kapelle Platz finden. Aus Wunsch der Familie und im Sinne des Verstorbenen sollten bei der Bestattung keine Trauerreden gehalten werden. Herr I. Rosenheim-Frankfurt a. M. trat an die Bahre, um mit einigen bewegten Worten dem Schmerz und der Trauer Ausdruck zu geben, die der Heimgang dieses Gelehrten für das gesetzestreue Judentum bedeutet. Mit der Familie und der Hamburger Gemeinde trauerten heute weite Kreise der gesamten Judenheit über den unersetzlichen Verlust. Ein unübersehbarer Leichenkondukt bewegte sich nach dem Friedhof in Langenfelde, woselbst die Beisetzung stattfand. 22 München, 22. Mai. Ein großer Wohltäter der Armen, Rentier Hugo v. H i r s ch auf Gereuth, ist nach längerem Leiden im Alter von 67 Jahren hier gestorben. Er war ein Vetter der in Planegg begüterten freiherrlichen Familie v. Hirsch und stammte aus Würzbnrg, siedelte aber bereits vor 45 Jahren nach München über, wo er von seinen reichen Mitteln überall mit vollen Händen gab, wo es galt, Not und Elend zu lindern. Dem gütigen Menschenfreund wurde durch die Verleihung des Michaelsordens und der silbernen Prinzregenten-Medaille äußere Anerkennung zuteil, und in den Herzen vieler bleibt ihm ein gesegnetes Andenken gesichert. Am Mittwoch nachmittag versammelten sich in der Halle des alten israelitischen Friedhofs zahlreiche Trauergüste aus allen Kreisen, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Rabbiner Dr. Werner hob in der Gedächtnisrede hervor, daß bei dem Entschlafenen sich Vornehmheit und einfachschlichter Sinn mit seltener Herzensgüte paarte und daß er namentlich in der Stille segenspendend den von seinen Vätern ererbten Wohltätigkeitssinn übte. Vor dem Sarge schritten der Veteranen- und Kriegerverein Unterbrunn und der Turnverein Jahn, beide mit Fahnen. Die beiden Vereine, der Münchener Künstter-Ilnterstützungsverein, Aktivitas und Philistertum des Korps Jsaria, der Verein für freiwillige Armenpflege -und das Armenballkomitee ließen Kränze am Grabe niederlegen. Frankfurt a. M., 22. Mai. Professor Dr. Josef Horovitz, Privatdozent au der Berliner Universität, zurzeit Professor des Arabischen au der Mohannnedarüschen Hochschule (Anglo- Oriental-College) in Aligarh (Indien) hat, wie wir hören, einen Ruf als ordentlicher Professor der semitischen Philologie an die neugegründete Universität Frankfurt a. Al. erhalten. Der Gelehrte ist 1874 zu Lauenburg i. P. als Sohn des Rabbiners Dr. M. Horovitz geboren, studierte in Marburg und Berlin und unternahm nach längerem Studienaufenthalt in London größere wissenschaftliche Reisen nach Aegypten, Syrien und Palästina. 1902 habilitierte er sich für semitische Philologie an der Berliner Universität und wurde 1907 als Professor an die obengenannte mohammedanische Lehranstalt in Ostindien berufen, wo er nach europäischem Muster Liber arabische Sprache und Literatur Vorlesungen hält. Das Muhammedaii Anglo- Oriental-College in Aligarh ist ein afsiliiertes Institut der Universität Allahabad und Kalkutta. Horovitz gab unter anderem den „Divan" des arabischen Dichters Kmnait heraus und hat an der Ausgabe des „Jbn Saab" für die Berliner Akademie der Wissenschaften rnitgearbeitet. Ferner schrieb er über Spuren griechischer Mimen im Orient und veröffentlichte arabische Erzählungsliteratur. Später wanidte er seine Studien besonders den indo-urvslemischeu Inschriften zu. Eine seiner letzten Publikationen behandelt „Baba Ratau, tlie Saint of Bhatinda“. Kleinere fachwissenschastliche Aufsätze hat er in den „Mitteil, des Serniu. f. orieut. Spr.", in der „Zeitschrift verdeutschen rnvrgenlündischen Gesellsch." mrd in anderen Fachorgaueu verössentlicht. * Gesterrelch-Nnsarn. K. Wien, 22. Mai. Das Phonograrnmarchiv der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften hat durch zahlreiche und höchst interessante Aufnahmen des Herrn I. Z. Jdelsohn in Palästina eine Bereicherung erfahren. Jdelsohn ist schon seit Jahren damit beschäftigt, eine Sammlung hebräischer Bibel- und Gebetrezitationen der verschiedenen orientalischen Juden herzustellen und arabische, samaritanische und abessinische Gebetweisen festzuhalten. Die eben eingetroffenen musikalischen Phonogramme sollen zur Erforschung des orientalischen Kultgesanges dienen und dürften auch für die Frage nach der Entstehung des Tempelgesanges von Bedeutung sein. Der genannte Forscher hat überdies zahlreiche Ausspracheproben des Hebräischen, Arabischen und Neuassyrischen phonographiert, die in der nächsten Sitzung der Akademie der Wissenschaften vorgeführt werden sollen. — Mit Hilfe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften hat Professor Sellin der hiesigen Universität seine Ausgrabungen des alten Sichern in Palästina seit diesem Frühjahr wieder