Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— Ehad Gadja. Das Pessachbuch. Herausgegeben von Hugo Herrmann. Berlin 1914. Jüdischer Verlag. 224 Seiten. In unserer Zeit der. jüdischen Renaissance wird schon mancher es schmerzlich empfunden haben, daß unsere alte Pessachhagada nur wenig unserem Empfinden und unserem religiösen Bedürfnis gerecht wird. Wenn der Sederabend verhältnismäßig noch recht heimisch in unserer Mitte liegt, so ist es die geheimnisvolle Poesie, die ihn umgibt, die seine Feier in unserer Mitte lebendig erhalten hat, obwohl der Inhalt der Hagada uns nur wenig zu bieten vermag. Diesen Mangel zu beseitigen, hat Hugo Herrmann „Das Pessachbuch" herausgegeben. Es ist ein anspruchsvoller Titel, den er dem Buche gegeben hat, insofern mit Recht, als er in dem Buche zeigt, daß er weiß, wie unser Pessachbuch aussehen muß. Er hat in dem hübsch ausgestatteten Werke eine Uebersetzung der Hagada, biblische und talmudische, auf das Pessachfeft und seine Feier bezügliche Textstücke in deutscher Uebersetzung und in ansprechender Weise vereinigt. Eine größere Reihe von Aufsätzen schildert uns die Feier des Pessachfestes in Jerusalem zur Römerzeit, bei den Samaritanern, bei den Juden des Kaukasus und denen des Jemens sowie in Böhmen und in Rußland. Neben der Schilderung des Pessachabends von Heinrich Heine in seinem 'Rabbi von Bacherach ist die neujüdische Dichtung mit Beiträgen von Lewinski, Mendele Mocher Srorim, Agnon, Perez und Martin Buber vertreten; namentlich die Beiträge der beiden letzteren sind recht ansprechend und voller Poesie. — Das Buch ist mit einer Reihe zum Teil recht schöner Reproduktionen aus alten Hagadawerken geschmückt. Das Pessachbuch wird sich das jüdische Haus erobern; es wird allen, die es zur Hand nehmen, willkommen sein. Dennoch sei es gestattet, eine Reihe von Ergänzungen und Verbesserungen vorzuschlagen, die vielleicht bei einer zweiten Auflage oder in einem zweiten Bande berücksichtigt werden könnten. Es würde sich vielleicht empfehlen, neben der deutschen Uebersetzung der Hagada auch ihren hebräischen Text zu geben; das Buch würde dadurch sich viel eher das jüdische Haus erobern; dann aber würden die einzelnen hebräischen Textesworte, die jetzt ziemlich unmotiviert als Zierleisten hier und da erscheinen, viel mehr an ihrem Platze sein. Es würde sich ferner empfehlen, aus den Predigtsammlungen moderner Meister der Kanzel die eine oder andere Probe zu bringen, schon um zu zeigen, wie man von dieser Seite die religiösen Gedanken des Pessachfestes für unsere Zeit fruchtbar zu machen sucht. Ich sähe ferner gern in den: Buche einen kleinen Aufsatz, der die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung über den Aufenthalt unserer Vorfahren tu Aegypten und den Auszug in populärer Weise darlegte. Endlich hätte die Dichtung noch manch wertvolle Beiträge zu dem Buche beisteuern können, die im einzelnen hier nicht ausgezählt werden können; auch ist bedauerlich, daß das Machsor gar keine Berücksichtigung gesunden hat. — Aber, wie gesagt, das alles sind nur Wünsche und Vorschläge; den Wert des besprochenen Buches zu mindern, ist nicht ihr Zweck. N. M. Nathan. Lelrkrüchte. E. T. A. Hoffmann und die Juden Berlins. In der Geschichte „Die Brautwahl" im 3. Bande der Serapionsbrüder erzählt de.r Goldschmied die Geschichte des Münzjuden Lippolt. Karl Georg von Maaßen, der eine neue vollständige historisch-kritische Ausgabe der Werke Hoffmanns besorgt (München und Leipzig bei Georg Müller), hat im 7. Bande dieser Ausgabe auch' über diese Geschichte gehandelt und gibt in der Einleitung recht wichtige Notizen über die Stellung Hoffmanns zu den Juden überhaupt und namentlich den jüdischen Kreisen Berlins. Wenn er freilich S. XXIII sagt: „in Lippolt gibt Hoffmann eine Charakteristik der sich nie im Laufe der Zeiten wandelnden jüdischen Natur", so ist dieser Satz wohl etwas bestreitbar, denn kein Volksstamm und keine Gemeinschaft kann sich dem ewigen Wandel entziehen; loenn auch allgemeine Charaktereigenschaften in ihrer hauptsächlichen Kraft bestehen bleiben, so findet doch auch in dem Charakter wie überall Veränderung und Umwandlung statt. Sehr wichtig ist der Nachweis Maaßens, daß die Schilderung Lippolts, also eines Juden aus dem 16. Jahrhundert, sich durchaus nicht bloß auf die Vergangenheit bezieht, sondern daß, wie Hoffmann an einer Stelle selbst sagt, „es noch zurzeit nicht einen, sondern viele, viele Lippolts gäbe". Damit soll gewiß auf den Münzjuden Heine Beitel Ephraim und dessen Sohn Benjamin Beitel Ephraim hingewiesen werdey. Eine andere Persönlichkeit, die in jener Erzählung vorkommt, weist gewiß auch auf einen Juden hin, das ist der junge Neffe des alten Manasse, der zu Wien frisch geadelte Baron Benjamin Dümmer, genannt Bensch. Man wird gewiß in ihm ein Mitglied der österreichischen Baronfamilien jüdischen Ursprungs Eskeles Arnstein oder Perera zu sehen haben, die, wenigstens durch ihre Frauen, mit den reichen Berliner jüdischen Fanrilien zusammenhingen. Während sich Hoffmann bei der Abfassung des 3. Bandes der Serapionsbrüder zwar nicht als Freund der Juden, doch jedenfalls nicht als ausgeprägten Antisemiten bekennt, geht er allmählich zu antisemitischer Gesinnung über. Vielleicht hat darauf eine stark antisemitische Verspottung eingewirkt, die 1818 gegen Hoffmann erschien. In einer Geschichte von dMpons, „Herz der Große", wird der älteste Sohn des Hauses Herz Chamsel verspottet. Es ist gar kein Zweifel, wie Maaßen S. XXVII Anmerkung aussührt, daß unter diesem Chamsel Hoffmann zu verstehen ist, und es würde sich hier der kulturhistorisch interessante Umstand zeigen, daß Hoffmann, gereizt durch eine judenseindliche Darstellung, in der er selbst verspottet wurde, zum Antisemiten geworden ist. Das ist um so merkwürdiger, als unser Schriftsteller, der zwar mit den sein gebildeten jüdischen literarifefjeu Kreisen Berlins keine Fühlung hatte, loenn man etwa Hitzig und Korefs allsnimmt, die freilich beide, obgleich sie von Juden stammten, zum Christentum übergegangen waren, doch in seiner Bamberger Frtthzeit mit zlvei jüdischen Aerztell und mit einer jüdischen Dame enge freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Jedenfalls hat er in einer seiner letzten Erzählungen, den „Geheimnissen", sich sehr heftig gegen Juden erklärt. L. G. * In ihrem trefflichen Buche „Neunundsechzig Jahre am Preußischen Hose" berichtet die Gräfin Vvß, Oberhofmeisterin der Königin Luise, von der Huldigungsfahrt des Königspaares nach Köiligsberg, Warschau besuchend, auf der Reise nach Breslau unter dem 21. Juni 1798: „Diner in Kempen, lvo die Juden, die hier überall die Hallptrolle spielen, eine hübsche Tafelmusik besorgt hatten; auch spielte man sehr schöne Polnische Volkslieder." Von den Kempner „Klesnlorim" (Musikanten) hörte ich vor sechzig Jahren in meiner Heimat Lissa Musik, da sie Kunstreisen durch die Provinz Posen machten. R e g i n a N e i ß e r. Lücheremlauk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Religionsgespräch, gehalten am Kurfürstlichen Hose zu Hannover 1704. Nach einer hebräischen Handschrift herausgegeben und übersetzt von Prof. Dr. A. Berliner. Auf Veranlassung von Aron Hirsch. Berlin. Louis Lamm. 1914. Thesaurus Totius Hebraitatis et Veteris et Recentioris Auctorc Elieser Ben Iehuda Hierosolymitaoio. Vol. V, fase. 1, 2, 3, 8, 9, 10. Schoenebergi apud Berolinum in aedibus Prof. G. Langenscheidti. The Jewish Review. Edited by Norman Bentwicb and Dr. Joseph Hochman. Vol. IV, No. 24. March, 1914. London. Geo. Routledge & Sons Ld. New York, The Bloch Publishing Company. Price: 1/6 net. Die wichtigsten Bestimmungen des Rechtes der Gesellschaft mit beschränkter Haftung und der Gesellschaften des Handelsgesetzbuches, in tabellarischer Uebersicht zusammengestellt für Studierende, Kaufleute und Handelslehrer von Bernhard Schmidt, Diplomkausmann. Köln- Nippes. Selbstverlag. Gedruckt von Gebrüder Brocker, Köln, Jabachstraße 10. Preis 1,50 Mark. Das Ghettobuch. Die schönsten Geschichten aus dem Ghetto. Herausgegeben von Artur Landsberger. Mit 18 Bildern von F. Feigl. 1914. Verlag Georg Müller, München. Jakob Philipp Fallmerayer: Schriften und Tagebücher. Fragmente aus dem Orient. Neue Fragmente. Politisch-historische Aufsätze — Tagebücher. In Auswahl herausgegeben und eingeleitet von Hans Feigl und Ernst Molden. 2 Bünde. 1913. München und Leipzig bei Georg Müller. „Le Rayo n“, paraissant 1 e 15 de c h a q u e in o i s. Organe meusuel de l’Union liberale Israelite 2ieme Annee Nr. ii. 15. mars 1914. Direction: 24, Rue Copernic. Paris (16e). Abonnement annuel: 6 francs.