Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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gründlichen Kenner des semitischen Altertums einerseits und andererseits der jüdischen Ueberlieferungen betreffs Entstehung und Entwicktung der israelitischen Religion, wie sie in der talmudischen und mittelalterlichen jüdischen Literatur verschiedentlich zerstreut sind, zu erwarten. Dieser schweren Aufgabe hat Jampel in dankenswerter Weise sich unterzogen, und indem er sich einer strengen Objektivität befleißigt hatte, konnte er eine Lösung dieses Problems herbeiführen, durch die er die beiden feindlichen Lager, die Theologen wie die Orientalisten, friedlich znsanunengesührt und so den beiderseitigen Beifall sich gesichert hat. Dafür, daß er das gesamte auf die Volkskulturitn& Religionsgeschichte des vorisraelitischen Semitismus bezügliche Inschristemnaterial einerseits sowie die hierzu gehörigen Stoffe der ganzen jüdischen Literatur andererseits znsanunengetragen und systematisch geordnet hat, werden ihm alle Leser seines Buches großen Dank wissen. Eingeleitet wird diese Abhandlung durch eine historische Untersuchung über den Ursprung und die Entstehung des israelitischen Volkes. Nachdem er uns an der Hand urgeschichtlicher Kulturdenkmäler die Treue der biblischen Ueberlieferung betreffs der Anfänge der vorderasiatischen Kulturbildung bewundern läßt und dann urkundlich die Richtigkeit der biblischen Angaben bezüglich des nichtsemitischen Charakters der Bewohner des vorisraelitischen Palästinas nachweist, erörtert er die Frage der Herkunft der durch und durch ebräischen Kultur, welche die Israeliten in Palästina bereits vorgefnnden haben. Durch Verwertung des gesamten vorisraelitischen Inschriftenmaterials gelangt der Verfasser zu dem ganz neuen und im höchsten Maße frappierenden Resultate, daß Palästina in seinen allerfrühesten Knltnrperiodeu von semitischen Stämmen besiedelt war, welche dann um die Mitte des dritten vorchristlichen Jahrtausends von der Invasion der nichtsemitischen Kanaanüer, Amoriter usw. verdrängt worden sind. Diese Westsemiten, welche als die Vorfahren sämtlicher zum ebräischen Zweige sich zählenden Völker sowie als die Schöpfer jener urebräischen Kultur Palästinas sich ergeben, sind dann, infolge der erwähnten nichtsemitischen Invasion, größtenteils nach Babylon ansgewandert, woselbst sie noch nach Jahrhunderten als Fremde, als die „Söhne des Landes am Meere des Sonnenunterganges" bezeichnet werden. Wenn dieselben später in Babylon auch zur Herrschaft gelangt sind, so blieb doch Palästina, die Pforte des Meeres und die Brücke Aegyptens, das Land ihrer Sehnsucht. Palästinensische Gottheiten waren geschätzt, die Wanderungen nach Palästina waren alltäglich, und so haben wir unter diesen ebräischen Wanderern auch den terachidischen und abrahamitischen Clan zu erblicken. Unter diesen westsemitisch-ebräischen Stämmen, welche Babylon die imponierendste Königsdynastie, der auch ein Anrmurabbi angehört hat, gegeben haben, und unter denen Babylon die größte Weltmacht des Altertums geworden ist, hatte Babylon eine Kulturhöhe erreicht, die im ganzen Altertum ihresgleichen sucht. Der gewaltige, segensreiche Einfluß speziell dieser westsemitisch - ebräischen Kultur auch auf das klassische Altertum wird selbst von den begeisterten Philhellenen rückhaltlos zugegeben. Diese vorabrahamitischen Semiten und besonders die Urebräer, denen die ganze Kulturmenschheit die Buchstabenschrift verdankt, und deren imposante Denkmäler, darunter besonders der Kodex des Urebräers Ammurabbi, jetzt die Bewunderung der ganzen Welt erregen, entsprechen ganz genau den herrlichen Bildern, welche die altjüdischen Traditionen von den Gelehrtenzünften der Urzeit, zu denen die Patriarchen Israels in die Schule gegangen sind, und deren Lehren und Satzungen von der Bibel annektiert wurden, entworfen haben. Wenn mau das ungeheuere altjüdische Ueberlieferungsmaterial über die Vorgeschichte der biblischen Wcligimi, welches unser Verfasser hier zusammengetragen hat, näher betrachtet, dann erwartet man in den altsemitischen -inschriftlichen Schätzen gerade das, was man in ihnen gefunden hat. Verfasser fragt daher mit Recht, wenn der Glanz der mosaischen Lehre nicht dadurch verdunkelt wird, daß Abraham bereits das ganze Thoragesetz, nicht durch Offenbarung, sondern, wie die Ueberlieferung betont, von den altbabylonischen Schulen her, gekannt habe, warum sollten nicht auch die Vorfahren Abrahams, z. B. die Verfasser des Koder Ammurabbi, der Bibel vorgearbeitet haben? Nun, weil das Verhältnis Israels zu jenen urebräischen Westsemiten, zu jenen leiblichen und geistigen Vorfahren Israels, uns bis jetzt nicht so klar 262 - ins Bewußtsein getreten ist, wie dies durch diese neue Darstellung der Fall ist. Tatsächlich ergibt sich dem Verfasser das ganze biblische Religionsgesetz mit Zwingender Notwendigkeit als eine kontiuierliche Weiterbildung der a l t s e m i t i s ch e n Lehren. Die unübersehbare Fülle der Analogien zwischen der biblischen und vorbiblischen Religions- und Rechtslehren, ja die auffällig deutlichen Hinweise der Bibel auf die vorisraelitischen Gesetzeslehren bestätigen dem Verfasser die schon aus der jüdischen Ueberlieferung sich ergebende Ueberzeugnng, daß die biblische Legislatur in sich selbst n u r eine ergänzende F o r t b i l du n g d e s i n vor mosaisch er Zeit herrschenden Religions- und Rechtssystems s i e h t, wodurch auch die von der Kritik so sehr bemängelte Dürftigkeit der biblischen Religions- und Rechtsbestimmungen ihre befriedigende Erklärung findet. Dieses Ergebnis benutzt der Verfasser zur Lösung des schwierigsten Problems der ganzen jüdischen Religionsgeschichte, nämlich der „mündlichen Ueberlieferung" des Judentums. Während einerseits die Widersprüche Zwischen der mündlichen Lehre und dem Wortlaute der Bibel nur durch die Charakterisierung der ersteren als spätere Abänderung des biblischen Gesetzes begreiflich sind, zwingt andererseits jede gründliche Untersuchung dieses Problems zur Anerkennung des sehr hohen Alters der mündlichen Lehre. Unser Verfasser ist ans Grund des vorbiblischen Beweismaterials zu einer ungeahnten, ganz verblüffende Lösung dieses Rätsels gelangt, daß nämlich die mündliche Lehre älter sei als die schriftliche, d. h. daß die e r st e r e Lehre d ie v o r i s r a e l i t i s ch e, a l t semitische S a tz u n g d a r st e l l e, der gegenüber die biblische Vorschrift als eine spätere Reform a n Zusehen sei. Bezüglich der zahlreichen Argumente wie betreffs der Erklärung, wieso beide Lehren sich nebeneinander erhalten haben, müssen wir den Leser auf die Lektüre selbst verweisen. Nicht minder überraschend ist die Argumentation des Verfassers für seine Ueberzeugung, daß die mündliche Lehre lediglich ihrem vorbiblischen Ursprung ihr Dasein verdankt, d. h. d a ß s o l ch e L e h r e n, d i e d e m geschriebenen Gesetze gegen ü ber .einen ergänzenden Charakter haben, eben deshalb nicht niedergeschrieben wurden, lu eil s i e aus v o r b i b l i s ch e r Zeit geläufig waren. Ein charakteristisches Beispiel hierfür ist das Fest des 1. Tischri, welches die Bibel ohne jegliche Motivierung vorschreibt (3. M., 23,24), trotzdem die Bibel anderwärts den Jahresbeginn auf den Frühling verlegt ( 2. Nt., 12,1), während die ursemitische Anschauung, die ein Herbst-Neujahr, das gleichsam der himmlische Gerichtstag ist, wohl kennt, in der mündlichen Ueberlieferung des Judentums wiederkehrt. Diese ursemitische Lehre muß von der biblischen Gesetzgebung vorausgesetzt worden sein, da sonst jene ganz unmotivierte Borschrift absolut unbegreiflich wäre. Solche schlagende Beweise liefert der Verfasser in großer Anzahl. Gemäß seinem Versprechen auf dem Titelblatt zeigt der Verfasser mit sicherer Methode in einer Reihe von Kapiteln, wie diese grundlegenden Anschauungen über den Ursemitismus, welche die Betrachtung der jüdischen Religionsgeschichte in neue Bahnen zu lenken geeignet sind, durch den Religionsunterricht popularisiert werden sotten. Dadurch wird nicht allein der Wahrheit gedient, sondern auch die Immunität gegen religionsgeschichtliche Ueberraschüngen, wie Babel und Bibel, wird dadurch gesteigert. Im Hinblicke auf die überwältigenden altsenntischen Kulturdenkmäler, die der ganzen zivilisierten Menschheit die höchste Bewunderung abnötigen, bezeichnet es der Verfasser mit Recht als verwunderlich, daß gerade das moderne Judentum, das unter dem Drucke des Rassenantisemitismus so furchtbar stöhnt, jener glorreichen ursemitischen Vergangenheit so wenig Interesse entgegenbringt. Zum Schlüsse möchte ich noch aus folgendes Moment Hinweisen. Der Verfasser hat, wie wir gesehen haben, den Entwicklungsprozeß innerhalb der israelitischen Religionsg e s ch i ch t e v o l l u n d g a n z a n e r k. a n n t. Das ist um so lehrreicher, als nicht nur die früher erschienenen Schriften des Verfassers den konservativen Standpunkt verteidigen, sondern auch das hier behandelte Buch will nichts anderes als eine konservative Apologetik sein. Es freut uns daher, zu sehen, wie ein Wahrheitssucher, selbst auf konservativer Grundlage, zu der Anerkennung des Entwicklungsprinzips in der jüdischen Religion sich durchringt. 6. K.