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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-29 · Heft 22 (29.5.1914) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 22 (29.5.1914)
Date
1914-05-29
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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-261 Nun soll die jüdische Frau — so hat ein Gericht in den letzten Tagen entschieden — auch für den Rat der Versammlung wählen, auch in der jüdischen Gemeindestube ihre Stimme vernehmen lassen. Das ist ein Kongreß, wo die Frau ihren Platz haben soll, wo keine wählberechtigte Frau fehlen darf. Die Männer haben nicht immer Zeit, nicht immer das rechte Verständnis, nicht immer auch nur den guten Willen, die modernen Aufgaben einer Gemeinde in Israel zu erfüllen. Und das alte Gebet ist noch in den alten Synagogen in Geltung, an Sabbaten und Festen in Geltung: Gott verzeihe den Verwaltern und Verwahrern der Gemeinden ihre Sünden, Solches Gebet wird überflüssig, wenn die Frau ihrem armen Leben einen reichen, neuen Inhalt gibt, wenn sie an ihrem Teile in den für sie am besten passenden Kommissionen mit Rat und Tat beiträgt zur Linderung der geistigen Armut und sittlichen Not. Dann singen wir von ihr mit dem Dichter, wie gestern abend von der Sabbatbraut: Bei dir sind geborgen die Armen meines Volkes, durch dich wird erbaut das verödete Israel. Prag, am Ausgang des Pessachfestes. Dr. E m Manuel S ch w a r tz. Brr Auszug. (Sage a u s dem Talmud.) Und durch die Dunkel windet sich ein Zug Von Flüchtigen, mit goldnem Raub belastet, Schwarz wimmelt's, drängt und schiebt mit krummem Bug, Strömt Schweißgeruch und Seufzer, stöhnt und tastet. Der trübe Knechtsblick rückwärts blinzt und schielt, Ob nicht die Geißel zischt, der Treiber zielt, Weil arbeitslahm die hagre Hand versagte. Die dumpfe Sklavenschar zu murren wagte. Nun fliehen sie, der ehrne Greis voran. Der zornig das Aegypterjoch zerschlagen, Ins Netz der Wunder ihre Sinne spann, Den Gvttbefehl vollzog der grausen Plagen. Die Ström' und Bäche wandelt' er in Blut, Des Feindes Kraft verdarb in Fieberglut, Answarf er -Hagel, Pest und Blitz wie Samen, Der Erstgebornen Würgeengel kamen! — Wo ihres Führers Riesenglieder ziehn. Ans ragt sein Haupt, von weißem Haar umflogen, Schwankt eine Bahre hin an seinen Knien, Aus tiefer Gruft ans Licht empvrgezvgen. Die Asche dessen, der aus Jakobs Stamm, Von Bruderneid verkauft, ein Opferlamm — Der keusch geblieben, rein in Sinnenbränden, Sich und sein Werk der Treue zu vollenden! - Der tote Joseph ist's, sein heil'ger Leib, Als höchstes Gilt mitsühren ihn die Seinen, Daß nicht sein Staub in öder Fremde bleib', Sich wieder mag der Heimaterde einen. Daß er sie leite, als ein ew'ges Licht, Das wachsam durch die Todesdunkel bricht, — Glüht dieses Herz nicht auf aus Grabesbanden, Das siegreich einst der Sünde widerstanden? ' '=£ Der ihn aus langer Schlafesnacht beschwor. Den Schönen, königlich und ohne Fehle, — Er trägt das Volk der Schmach bis an das Tor Der Ewigkeit, er gibt ihm eine Seele. Der Tote schließt und der lebend'ge Held Den Unechten auf die neue Freiheitswelt - Vom Sinai auf feurigem Gefieder Rauscht das Gesetz aus Gottes Stimme nieder! Martha Hell in u t h. An Garthes Sarg. enn Jungen mir das teure Recht bestreiten. Zum Volk zu stehn, das mir als meines gilt. Wenn Männer, die das Gift der Zeit bereiten, Die Liebe schänden, die vom Herzen quillt: An diesem Sarge finde ich die Ruhe, Die die Verblendung mir beinah geraubt; Die Goethes Reste birgt, die schlichte Truhe, Sie birgt die Liebe, die sich selber glaubt. Sie birgt sie nicht, sie sendet sie aufs neue Ins Leben hin, in alle deutschen Gau'n; Ein Zeugnis seh ich hier: Den Gruß der Treue, Den goldnen Kranz der Prager deutschen Frau'n. Als Sohn der Stadt, die diesen Lorbeer sandte, Muß es mich doppelt zu dem Sarge ziehn; Wo sonst die Ehrfurcht mich von hinnen bannte, Tret ich ermutigt durch die Liebe hin. Hier steh ich fest, wie wild der Sturm auch wühle, Der meiner Liebe reine Flammen stört, Hier steh ich fest im dauernden Gefühle, Daß dieses Sarges ®itt auch mir gehört. Emil Spiegel (Prag). Litrrsrilche Mitteilungen. — Vorgeschichte Israel s u n t> s c i n e r R eligio n. Nach der altjüdischen Ueberlieferung und den zeitgenössischen Inschriften gelneinverständlich dargestellt. Nebst einer Anleitung zur Popularisierung derselben vermittels des Religionsunterrichtes. Von -Rabbiner Dr. Sigmund Jnmpel, Schwedt a. O. Frankfurt a. M. 1913. Verlag von I. Kauffmann. Seit fast anderthalb Dezennien, nämlich seit dem Beginne des Babel- und Bibel-Streites, harren die schwerwiegendsten Probleme der jüdischen Religionswissenschaft einer ruhigen und objektiven Lösung. Während auf der einen Seite die Vertreter des semitischen Altertums die Priorität des Ursemitismus der Bibel gegenüber mit aller Entschiedenheit ausnahmslos behaupten, steht die gewaltige Schar jüdischer wie christlicher Theologen dem außerbiblischen Semitismus feindlich gegenüber. Wenn die Assyriologen wie die Erforscher der arabischen Archäologie in der Bibel lediglich eine ärmliche Domäne mesopvtamischer, kanaanitischer, südarabischer unb minäischer Kultur sehen, so setzen die Theologen dieser bedauerlichen Einseitigkeit einen nicht minder tadelnswerten Subjektivismus gegenüber, indem sie die vor- und außerbiblische semitische Kultur in der ungerechtesten Weise der Bibel zuliebe zu diskreditieren suchen. Diese zweifelhafte Methode der Bibelverteidigung ist beim Judentum um so unverzeihlicher, als es selbst seit Jahrhunderten die Deprimierung des Alten Testaments zugunsten des Nellen so bitter beklagt. Nun hat es bis jetzt freilich nicht an guten Orientalisten, welche gleichsam vorzügliche Theologen sind, gefehlt. Allein bei dieser lediglich aus die Bibel beschränkten theologischen Kenntnis kann von einer Erforschung der altjüdischen Traditionen über die Entstehung der jüdischen Religion gar keine Rede sein. Eine richtige und zuverläßliche Zusammenstelllulg der alten Anschauungen über die Beziehungen der jüdischen Religion 311 den Lehren der vor- und außerisraelitischen Völker ist nur von einem

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