Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- Seite 260 (sequence 8)
- Language
- German
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260 die Befreiung Israels aus jahrhundertelanger Knechtschaft in Mizrajim. Aber es gibt einen Unterschied in der Feier der beiden Ereignisse. Am ersten Tage sangen wir das große, oder wie wir es zu nennen Pflegen, das ganze Hallel; gestern hingegen stimmten wir das kleine Hallel an, das ist um zwei Psalmenlieder weniger. Warum? Meine Geschöpfe, die Aegypter, die gleich euch mein ein Vaterherzen nahestehen, sinken tot ins Meer, und ihr wolltet mir darob Danklieder ertönen lassen? So lassen die Weisen in ihrer sinnigen Art Gott reden und strichen für die sechs Tage des Pessachfestes einen Teil der Festlieder. Das regte zum Nachdenken an, und man stieß ans die Fragen: Was hatten denn die Israeliten vor den Aegyptern voraus? Diese waren Götzendiener, und jene waren Götzendiener: warum mußten die einen im Meere untergehen, während die anderen aus denselben Gewässern siegreich hervorgingen? Und die Antwort lautete: Vier Dinge waren es, die Israels Erlösung aus den Sklavenfesseln der Pharaonen bewirkt haben. Und unter diesen vier Dingen hätte schon eine Tatsache allein genügt, um die Israeliten über die Aegypter zu stellen, und das ist: Israels Sittlichkeit. Was hat sich nun bei uns geändert? Warum sollen wir nach neuen Mitteln suchen? Wozu brauchen wir einen Kongreß, um die Sittlichkeit zu pflegen und zu sördern? Das Sittengesetz wird in der Heiligen Schrift eingeleitet mit dem Worte: „Ihr sollet nicht tun, wie getan wird im Lande Aegypten, wo ihr gewohnt habet. Ihr sollet nicht tun, wie getan wird im Lande Kanaan, wohin ich euch bringen werde. . . . Meine Satzungen und Vorschriften sollet ihr beobachten: >ver diese übt, wird leben." Und Israel blieb am Leben, während die Völker vor ihm untergegangen sind, in ihrer Entartung, in ihrem Mangel an Sittlichkeit verschwunden sind. Die Ueberlieferung, die im Sinne der Heiligen Schrift fortwirkte, schuf neue Bestimmungen und Verordnungen, deren Erweiterungen und Erschwerungen man lästig, deren Klang und Kolorit man düster finden kann, die aber wegen ihrer herben Sittlichkeit verdienten, eingeführt zu werden in den Lehrplan der Schulen, die mit so viel Lungenkraft angestrebt werden als der neueste Typ, wo ja nicht Religion, sondern einzig und allein Sittlichkeit gelehrt werden soll. Es gibt keinen findigeren Verführer als das Herz und keinen so treffsicheren Kundschafter für das Verborgene und Verbotene als das Auge. Wie nun solchen zwei gefahrvollen Feinden der Unschuld und Tugend beikommen? Mit dem Gebote der Heiligen Schrift, von dem wir zweimal täglich im Gebete sprechen: Wenn ihr es sehet, werdet ihr euch erinnern aller Gebote des Ewigen, und nicht werdet ihr dem nachgehen, was das -Herz für euch auskundschaftet, und nicht werdet ihr dem nachgehen, wonach das Auge euch buhlen heißt. Eine Ergänzung zu dem sinaitischen Worte: du sollst nicht gelüsten nach dem, was deinem Nächsten gehört. Allein. Das Gebot wendet sich zunächst an das Gemüt und redet mehr die Sprache des Herzens. Darum hat es ein scharfgeistiger Denker im spanischen Mittelalter auch dem Verstände näher bringen wollen, als er schrieb: Würdest du dein sündhaftes Auge zu dem Weibe deines Königs erheben? Nein; denn dieses Weib steht viel zn hoch über dir, als daß dti es erreichen könntest. Denke so hoch von jedem Weibe, und du wirst nie tlnd nimmer sündigen. Das ist der Geist unseres Sittlichkeitgesetzes, das hervorgegangen ist aus Israels Sittlichkeit. Diese war unserem Stamme eingeboren, mit Abraham und Sarah nach Aegypten gekommen, weshalb ihre Nachfahren die Leiden und Lasten Mizrajims überwunden haben, gleich den Fährnissen eines jeden wie immer gearteten Mizrajims im Verlaufe unseres Geschichtslebens. Was hat sich nun bei uns geändert? Nichts mehr und nichts weniger als die ganze überlieferte Auffassung von der Sittlichkeit. Schlagwörter, halbverstandene oder mißverstandene Schlagwörter haben bei uns Eingang gefunden und beherrschen jung und alt. Unser sonst nicht gerade bibelfestes Geschlecht summt das Lied des großen Spötters: Freue dich, mein Junge, mit deiner Jugend. Du hast ja so schwer an den Lasten des Tages zu tragen, du gehst ganz auf in deinem aufreibenden Berufe, du sollst auch etwas vom Leben haben, so lange du jung bist: Lebe dich aus! Ausleben aber heißt: zu leben aufhören, sittlich enden, sterben und verderben. Unsere Religion hingegen lehrt: Meine Satzungen und Vorschriften sollet ihr beobachten. Wer diese übt, wird leben. Darum zurück zu unserer Religion; zurück zu unserer Lehre, die da ist eine Lehre des Lebens. Das Gebot, das wir hier gestreift haben, weil es uns gegeben wurde zum Schutze für die Sittlichkeit, es ist das Gebot der Schaufäden und gilt nur für den Mann. Die Frau, von der uns überliefert wurde, daß ihr Verdienst mitsprach für die Befreiung unserer Vorfahren von dem Drucke Aegyptens, die Frau konnten die Alten sich nicht gut vorstellen als bedürftig eines Schutzes für die Sittlichkeit. Das weibliche Ideal der Alten war die Stammutter Sarah, die mit ihrem Manne Abraham nach Mizrajim ausgewandert war, und die das Heilige Buch unbeabsichtigt kennzeichnet mit dem Worte: Sie war im Zelte, sie war immer zu Hause. Und man gestaltete die Häuslichkeit der Frau zu einem Heiligtum, das von der Priesterin zu hüten war mit Hilfe der zahllosen Bestimmungen über rein und unrein, über das Erlaubte und Verbotene. So war die Welt der jüdischen Frau das jüdische Haus. Da hat sich nun gar vieles geändert. Die Frau hat nicht mehr Gefallen an ihrer Häuslichkeit allein, an dem Heiligtum, an dem Priestertum, an den rigorosen Normen über rein und unrein, über Erlaubtes und Verbotenes. Sie liest, daß sie eine Gefangene, eine Sklavin sei, es duldet sie nicht länger in den engen Grenzen ihres natürlichen Berufes, sie entflieht nicht selten ihrem von alters her gesetzten Pflichtenkreise, wie die Haussklavin der Stammutter Sarah entflohen ist. Und wir finden sie außerhalb ihres Hauses, in ernsten und verantwortungsschweren Berufen gleich dem Manne, Brot suchen im Erwerb, Ruhm suchen in der Kunst, Wahrheit, suchen in der Wissenschaft. Und wir finden sie Erholung suchen in Sport und Spiel gleich -dem Manne, aber auch bei weniger nutzbringenden Beschäftigungen, bei Turf und Tanz, bei Tee und Tango; weniger im Zelte als die Stammutter, weniger zu Hause als Sarah. Draußen aber lauern die Fangeisen, vor der Tür lagert die Sünde. Hier muß nachgeholt werden, was bei uns verabsäumt wurde, weil man die gründlich veränderten Zeitver-hältnisse nicht voraus geahnt hat, weil man von ihnen unliebsam überrascht wurde. Zu Rabbi Jsmael kam ein Mann und verlangte die Scheidung von seiner Frau, die, in Lumpen gehüllt, neben ihm stand. Der Lehrer ließ die Arme mit neuen Kleidern schmücken, führte sie dem erstaunten Manne, der die alte Frau in den neuen Kleidern nicht wieder erkannte, zu und sprach: die Töchter Israels sind schön, aber die Armut macht sie häßlich. Die Töchter Israels, auch die reichen, sind zuweilen arm, weil sie für ihr Leben keinen Inhalt finden. Sie suchen ihn außerhalb des Hauses, in Zelten, aber nicht wie die Stammutter Sarah, auch nicht in den Zelten Jakobs und in den Wohnungen Israels, sondern in Blumenzelten, in Sektzelten, in Zuckerzelten, wo sie allerlei Süßigkeiten seilbieten zur Linderung der Not unter den Armen, welche nicht die Armen ihres Volkes sind. Das macht sie häßlich, weil unwahr. Gibt es nicht Armut in Israel?