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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-29 · Heft 22 (29.5.1914) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 22 (29.5.1914)
Date
1914-05-29
Page
Seite 259 (sequence 7)
Language
German
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259 Wie wir seinerzeit meldeten, hat der Präsident auch in seiner Rede bei der New Dorkcr Totenfeier für die siebzehn Gefallenen der jüdischen Freiwilligen gedacht, die als gute Amerikaner ihr Leben geopfert hätten. ^Mbbiner Dr. Moritz Guttmann. | E i n Nachruf. Vvn Dr. R. Halpersohn, Myslowitz. inen Vvn den „Stillen im Lande", wie der Psalinist sie nennt, hat jüngst der unerbittliche Tvdgefällt:im blühenden Mannesalter, „in der Hälfte seiner Tage" ist Dr. Moritz G u t t m a n n, Rabbiner in Kulm, nach langer, schwerer Leidenszcit dahingegangen. Eine stille Persönlichkeit, die es nicht liebte, sich in den Vordergrund zu rücken. Wer aber den Verblichenen kannte, der wußte ihn zu schätzen, wer ihn kennen lernte, es datierte nicht lange, und er lernte ihn lieb gewinnen. Denn der Entschlafene hatte eine wahrhaft gewinnende Art, der sich niemand entziehen konnte, der in ihren Bann trat: sie kam ans den Tiefen seines warm empfindenden Herzens und drang darum auch zu Herzen. Sv ward er dank dieser Innigkeit seines Gefühls zum Seelsorger seiner Gemeinde in des Wortes lauterem Sinne: er strebte nicht so sehr in die Weite zu wirken, vielmehr gehörte das Beste seines Wollens den Beladenen tind Bedrängten in seiner Nähe, gemäß dem talmndischen Grundsätze, der wohl auch auf die seelisch Dürftigen anzuwenden ist: *pT daß die Armen des Ortes den Vorzug verdienen vor den Fremden und Auswärtigen. Einer seltenen Beliebtheit erfreute sich darum Moritz Guttmann in der Mitte seiner Gemeinde, die mit allenFasern anihrenr Lehrer und Lenker hing und haftete, und in geradezu rührender Weise kam diese Anhänglichkeit beim 25jährigen Amtsjuviläum zum Ausdruck, das er vor doppelter Jahresfrist im Kreise seiner Gemeindeangehörigen begehen durfte. Da war kaum einer, der nicht kam, um dem geliebten Rabbi die Hand zu drücken an seinem Fest- und Freudentage, lind wie in Freud', so auch, ja noch mehr, in Leid. Als die Gemeinde gewahr wurde, welch schweres Siechtum an seinem Lebensmark nagte, wie stark war das Mitgefühl, das sich in ihrer Mitte regte, und als der Führer, von seinen Qualen erlöst, endlich ausgerungen hatte, wie tief und herzlich und wie echt war die Trauer, die die Gemeinde in allen ihren Schichten erfaßte! Zu den hervorragenden Herzensgaben, die ihm alle Herzen wie im Sturme errangen, gesellten sich aber gediegene Geistesgaben. Indes die ihm eigene bescheidene Zurückhaltung war es, die ihn in einer Art von Keuschheit die große Oeffentlichkeit meiden ließ, und so barg er manches Wertvolle in sich und nahm es mit ins Grab, ohne es der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Bezeichnend ist es für die Schlichtheit seiner Denkweise, daß er trotz einer dahinzielenden Aufforderung die Predigt, die er anläßlich seines Amtsjubiläums gehalten, und die bei allen Zuhörern einen tiefbewegenden Eindruck hinterlassen hatte, nicht dem Druck übergeben wollte. So ist von ihm außer seiner Doktorarbeit wohl nur eine Predigt zum ersten Tage des Passahfestes erschienen, die Beachtung in Fachkreisen gefunden und, wie ich weiß, von Lehrern zum Vortragen in rabbinerlosen Gemeinden verwendet worden ist. Mehr als in Schrift hat der Verewigte durch die Kraft seines Wortes gewirkt, und in vielen Literatiirvereineu, besonders im Osten unseres Vaterlandes, war er ein gern gesehener Gast, und mitunter trat dort an ihn das Ersuchen heran, diesen vder jenen Vortrag, der großem Anklang begegnet war, zum zweitenmal zu halten. Zum Schluß sei mir noch ein Wort persönlicher Erinnerung verstattet, zugleich ein Wort persönlichen Dankes, das eigentlich an seiner Bahre gesprochen werden sollte: Mir war der Verklärte vom ersten Tage an, da ich den Boden seiner zweiten Heimatsprovinz betrat, ein gar lieber, trefflicher Freund und Amtsgenosse, der sich meiner, des Jüngeren, mit der ganzen Glut und Tiefe seines Empfindens angenommen hat, bei dem ich mir oft Rat holen durfte, und der mir in jedem Betracht reiche Förderung zuteil werden ließ. Unvergessen werden mir und wohl allen westpreußischen Kollegen die Stunden sein, die wir in seiner Gemeinschaft bei den Zusammenkünften des Rabbinerverbandes der Provinz Westprenßen verbringen dursten, dessen Vorstand er seit der Begründung der Vereinigung als Kassenwart angehörten; ein Amt, dessen er mit dem ihm gegebenen sonnigen Humor waltete. Treu hing meine Seele an der seinen in stetem Bunde, der sich vielleicht noch fester fügte iin Hinblick auf unsere gemeinsame landsmannschaftliche Herkunft, und ich muß ob seines Heimganges in die Trauerklage des Psalmisten ausbrechen: Du hast mir den Freund und Genossen entrissen (88, lg). Lin Sittiichkeitskmigrkh in Aeaprl Mai 1914. in Sittlichkeitskongreß in Neapel mag für den ersten Augenblick wie eine eontrackietio in adjecto anmuten. Unter südländischem Himmel, wo Sonne und Sünde mehr als irgendwo locken, dort versammeln sich in den nächsten Tagen 1500 Menschen, Männer und Frauen, um zu beraten und zu beschließen über die Pflege und Förderung der Sittlichkeit. Tiefer im Süden war es, vor Jahrtausenden war es, in Aegypten war es, wo die ganze Umwelt in Sonne und Sünde getaucht war, dort hat Israel nicht über Sittlichkeit beraten, sondern in Sittlichkeit gelebt. Gestern haben wir uns wieder in unseren Bethäusern versammelt, um den siebenten Tag des Pessachfestes, die Erinnerung an den Durchzug unserer Vorfahren durch die Fluten des Roten Meeres, zu feiern, wie wir ja auch den ersten Tag des Festes dort begangen haben, die Erinnerung nämlich an Rabbiner Dr. Moritz Guttmann in Rulm.

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