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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-29 · Heft 22 (29.5.1914) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 22 (29.5.1914)
Date
1914-05-29
Page
Seite 258 (sequence 6)
Language
German
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Aussicht gestellt. Wie aus der obenstehenden Depesche ersichtlich ist, hat die Duma nun eine dem Wunsche der Nationalisten entsprechende Formel in bezug aus die Wehrpflicht der Juden angenommen. Erfreulicher ist nachstehende Notiz der „Franks. Zeitg.": Der Kongreß der Vertreter von Handel und Industrie behandelte vor kurzem die Frage der Beschränkung des Landerwerbs der Aktiengesellschaften und die Vertretung der Juden in deren Verwaltung. Ein Vertreter des Finanzministeriums teilte mit, daß die kürzlich bekannt gewordenen Beschlüsse des Ministerrats betreffend die Grundsätze bei der Neuerteilung von Konzessionen an Aktiengesellschaften im ganzen richtig wiedergegeben waren. Es sei nur nachzutragen, daß von der Verwaltung der Gesellschaften für Bergbau, Bodenkultur usw. Juden völlig ausgeschlossen werden sollen. Ter Kongreß beschloß' nach längerer Beratung, an der Vertreter aller Industriebezirke teilnahmen, einmütig, an den Ministerpräsidenten und den Handelsminister telegraphisch ein Gesuch um sofortige Abänderung der Beschlüsse zu richten, welche die Gewinnung fremden Kapitals für Rußland unmöglich machen. Falls keine befriedigende Antwort erfolgt, wird der ständige Ausschuß des Kongresses unmittelbar an den Zaren ein Bittschreiben richten. Die „N. I. fi." berichtet: Die von der russischen Regierung eingesetzte Schulkommission hat dieser Tage ihren Bericht über das jüdische Erziehungswesen in Rußland veröffentlicht. Die Kommission kam zu dem Schluß, daß die Existenz eigener jüdischer Schulen keine Gefahr für den Staat bedeute, unb daß diese Anstalten als religiöse Einrichtungen harmlos seien, da „die jüdische Religion für die Christen keine Anziehungskraft hat". Die Kommission empfiehlt die Gründung jüdischer Schulen in Städten mit einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung, um die Juden von den allgemeinen Schulen fernzuhalten. Was die Chadarim, Talmud-Thoras und Jeschiboth anbelangt, beschloß die Kommission, sie in ihrer alten Weise sortbestehen zu lassen und das Jiddische als Unterrichtssprache zuzulassen. Von verschiedenen russischen Universitäten liegen Berichte vor, wonach im nächsten Semester nur eine äußerst geringe Zahl von Juden Ausnahme finden wird. An einigen Universitäten werden überhaupt keine Juden zugelassm werden, im Sinne der verschärften Bestimmungen, die die Immatrikulation von Juden ans eine bestimmte Prozentnorm beschränken. * Auch in Rumänien werden nach derselben Quelle neue judenfein dl ich e Gesetze vorbereitet: Die Nationalliberalen in Rumänien haben einen Gesetzentwurf vorbereitet, demzufolge die Juden künftig in Regierungs- und öffentlichen Schulen überhaupt nicht mehr ausgenommen werden sollen. Die Regierung ihrerseits steht im Begriff, in den Elementarschulen Lesebücher mit antisemitischem Inhalt einzuführen, sowie das Schulgeld für jüdische Schüler zu erhöhen. Sogar die antisemitischen Studenten an der Universität Jassy haben ihre Mißbilligung über diese neuen judenfeindlichen Maßnahmen zum Ausdruck gebracht, die den Juden im Anstande Anlaß böten, Rumänien in der Presse anzugreifen. M Ein Korrespondent aus Spanien schreibt uns: Auch ein Zeichen der Zeit: Spanien, das im 15. Jahrhundert aus sanatischreligiösen Beweggründen seine jüdischen Untertanen hinansstieß, ist jetzt ernstlich bemüht, die Nachfolger der Hinausgestoßenen, die sogenannten Sephardim, die in den Balkanländern, in Kleinasien und in Nordafrika ansehnliche Gemeinden bilden, wieder mit sich zu versöhnen, freundschaftliche Beziehungen mit ihnen zu unterhalten lind sogar ihre Rückkehr in das Land der Vorfahren anzubahnen. Den Anstoß zu dieser judenfreundlichen Bewegung hat der bekannte Arzt und Senator Exzellenz Dr. Angel Pulido vor bereits .12 Jahren gegeben, als er nach einer Reise im Orient ein gutdoknmentiertes Buch veröffentlichte, das den Titel „S p a n i e r o h n e H e i m a t" trug und die Lage der spanischjüdischen Gemeinden in den von ihm bereisten Ländern in anschaulicher Weise beschrieb. Dieses Buch erregte hier unge-.. 258 — meines Aufsehen, und die öffentliche Meinung sowie die Presse begannen sich für diese Frage in erhöhtem Maße zu interessieren. Marquis de Hoyos, weiland Botschafter in Wien, und andere hervorragende Schriftsteller meldeten sich zum Wort und machten Stimmung für eine Annäherung zwischen Sephardimjudentum und Spanien. Diese Bestrebungen bekundeten sich zunächst bloß auf literarischem Gebiete, indem spanische Bücher und Zeitungen in großer Menge nach den jüdischen Gemeinden versandt wurden. Der Staat befleißigte sich sodann ebenfalls, der Bewegung förderlich zu sein, indem er seinen konsularischen und diplomatischen Vertretern in der Türkei und in Marokko entsprechende Verhaltungsmaßregeln gab. Nach dem Balkankriege trat diese Politik kecker in die Erscheinung durch eine diplomatische Unterstützung der Juden von Saloniki gegen die untoleranten griechischen Behörden. Als vollends die Okkupation der spanisch-marokkanischen Zone erfolgte, hielt die spanische Regierung den Augenblick für gekommen, ihre Beziehungen zu den jüdischen VvlkSelementen dieses Landstriches noch enger zu knüpfen. In Tetuan und Tanger wurden jüdische Vereinigungen gegründet, deren Ehrenvorsitz Seine Katholische Majestät Alfons XIII. übernahm, und jüngst ist eine Abordnung der in Marokko seßhaften Juden nach Madrid gekommen, wo sie in feierlicher Audienz vom Monarchen empfangen worden ist und überall Entgegenkommen und freundliche Gesinnung gefunden hat. Die Regierung verhehlt nicht, daß sie hinsichtlich der Erschließung von Spanisch-Marokko großen Wert auf die jüdische Mitarbeit legt. In diesem Geiste hat sie auch einen Berliner Hochschuldozenten, Dr. A. S. Hahuda, nach Madrid berufen, mit dem Austrage, hier eine Reihe von Vorträgen über jüdische Geschichte und Literatur in ihrem Zusammenhang mit Spanien zu halten. Einige dieser Vorträge haben bereits stattgefundeu und erregten das lebhafteste Interesse der Zuhörerschaft, in der sich Vertreter der Regierung und des Hofes, Cortesmitglieder, Diplomaten, Universitätsprofessoren, Schriftsteller, Kaufleute, Industrielle und Publizisten befanden. Die gesamte Presse, vom klerikal-konservativen „ABC" bis zum radikalrepublikanischen „Pais", widmet den Vorträgen Dr. Pahudatz höchst beifällige Kritiken, unter denen ein begeisterter Aufsatz des früheren Unterstaatssekretärs Gonzalez Hvntvria besonders hervorzuheben ist. Die Regierung trägt sich mit dem Gedanken, nach Berliner Muster eine Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu errichten, die sie als Mittel betrachtet, um die spanischjüdische Studentenschaft anzuziehen. Wie ich aus bester Quelle vernehme, hofft man, als Dozenten für diese Anstalt Dr. Aahuda Lauernd zu gewinnen. * Das „Berl. Tagebl." meldet aus Chicago: Unter den siebzehn Toten, welche die Einnahme von Veracruz gekostet hat, befinden sich, wie in Europa kaum bekannt sein dürfte, drei Blaujacken israelitischer Konfession, die als erste Opfer, bei dem Kampfe gefallen sind. Einer von ihnen war ein Bürger Chicagos, Sainuch Meisenberg. Aus die Nachricht von dessen Tode bot der Bruder des Gefallenen, Meyer Meisenberg, seine Dienste als Kriegsfreiwilliger an. Darauf hat er vom Präsidenten Wilson das folgende Schreiben erhalten: Weißes Haus, Washington, 4. Mai 1914. Lieber Freund, Ihr Brief vom 29. April hat mich tief bewegt. Ich beglückwünsche unsere Nation, daß genug Leute im Lande sind, die wie Sie und wie Ihr Bruder Samuel über den Dienst für die Nation denken, wenn der Ruf an sie ergeht, selbst ihr Leben hinzugeben. Ich danke Ihnen aufs aufrichtigste und sende Ihnen nicht nur mein herzlichstes Beileid zum Tode Ihres Bruders, sondern auch die wärmsten Ausdrücke meiner Freundschaft. Ihr aufrichtig ergebener Woodrow Wilson/

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