Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- Seite 257 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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257 zu übernehmen, dem vielseitigen und wohlunterrichteten Manne, der für alle Zweige der stä'dti.schen Verwaltung ein hohes Interesse bewies und in allen wichtigen Fragen entscheidend mitwirkte, insonderheit aber den Kultur- und Bildungs-Bestrebungen der Stadt seinen ganzen Eifer zuwandte und, dem inneren Drange folgend, den hmnanistischen Geist, den die Jugenderziehung in ihm geweckt hatte, nie verleugnete, -der aber auch für die Fortschritte aller Schularten des städtischen Unterrichtswesens. eintrat und bei Begründung der für Berlin unentbehrlichen Realschulen ihres Schöpfers, des Stadtschulrats Bertram, treuester Helfer gewesen ist, dem gerechten und wohlwollenden Manne, der sich bei allen Bemühungen der Stadt, die Not der Armen zu lindern, die hygienischen und sozialen Einrichtungen zu bessern und zu mehren und das Wohl der Bürger zu fördern, mit scharfem Blick und warmer Begeisterung betätigte, dem in unverminderter Kraft rmd Lust noch heute mit unermüdlichem Fleiße arbeitenden Mitbürger, von dem wir hoffen, daß seine aus starken Wurzeln stammende Kraft der Stadt Berlin noch lange zum Segen gereichen werde, das Ehrenbürger recht unserer Stadt erteilt haben. Dessen zur Urkunde haben wir diesen Ehrenbürgerbrief unter unserer Unterschrift und unter Anhängung unseres großen Stadt-- siegels anfertigen lassen. Magistrat der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin, gez. Wermuth. Die Stadtverordnetenversmmntung. gez. Michelet. Nach der Uebergabe des Ehrenbürgerbrieses sprach Gehe im rat Cassel seinen Dank für die Ehrung aus und versprach, auch in Zukunft stets -die Interessen der Stadt Berlin nach besten Kräften wahrzuneh-men. Bon der Stadtuerordnetenoersammlnug waren die Vorstände der Fraktionen erschienen, die von ihren Mitgliedern Glückwünsche überbrachten. Wir geben diesem Bericht in unserer Uebersicht gern Raum. Herr Cassel ist mit dieser seltenen Ehrung als verdienter Bürger Berlins bedacht worden, nicht weil und nicht obgleich er Jude ist; wir abey freuen uns der großen Auszeichnung und beglückwünschen auch unserseits den verdienten Mann von ganzem Herzen. * Han s Land sb er g veröffentlicht im „Berliner Börsen- Courier" folgenden Artikel: „D er S e mi - K ür s chn e r. Der Ruhm des Semi-Gotha, eines „Taschenbuches vom deutschen Adel jüdischen Ursprungs", läßt Herrn Philipp Staufs, dessen rein arische Abstammung nicht deutlich genug betont werden kann, nicht schlafen: Er gibt in ähnlicher Absicht einen Senn-Kürchner heraus (wozu er urheberrechtlich schwerlich ein Recht hat), und er versammelt hier nicht nur die Dichter, Künstler und Denker deutscher Nation, bei denen man irgendwelche Zusammenhänge mit dem Judentum vermuten darf, nein, er vermengt die derart Angeschuldigten auch mit allen erdenklichen anderen Berufen. Die Ergebnisse der Stauffischen Literatursorschnng, die nicht immer aus ganz einwandfreien Quellen stammen, sind teilweise so hochkomisch, daß man sie weiteren Kreisen nicht vorenthalten soll. Die Anhänger der deutschvölkischen Bewegung scheinen sich über ihre Ziele nicht ganz im klaren zu sein. So werden auch in diesem neuen genealogischen Handbuche „Enthüllungen" über Schriftsteller rein völkischer Observanz veröffentlicht, bei denen einem einfach die Haare 31t Berge stehen. Dem Verfasser eines Buches über die deutsche Wiedergeburt wird eine Mutter jüdischen Ursprungs vorgeworfen. Ein Künstler vom Range Thomas Manns, der sich übrigens viel zu sehr mit den Anzapfungen der Deutschnationalen beschäftigt, wird gerade heraus „beschuldigt", eine Dame israelitischer Herkunft geheiratet zu haben. Der Dichter Reinhard Sorge wird, wenn auch mit einem Fragezeichen, zu den ,,Jndenstümmlingen" gezählt, weil er mit einem Drama bei S. Fischer erschienen ist und überdies den Preis der Kleist-Stiftung erhalten hat, die „zu mehr als zwei Dritteln (woher weißt bu?) aus Juden besteht". Das erdrückende Beweismaterial Stnuffs, vor dem weder Paul Heyse noch Friedrich Spielhagen, weder Ruederer noch der ganz unverdächtige Hermann Bahr verschont bleiben, erstreckt sich auf Gabriele d'Arinunzio und auf den Berliner Humoristen Glaßbrenner, der, nebenbei gesagt, dem Antisemitismus erheblich nahe gestanden hat. Die Welt des Theaters gibt dem Herausgeber, der bei seiner Sammlung einen monomanischen, freilich völlig kritiklosen Fleiß entfaltet hat, ein besonders reiches Betätigungsfeld; allerdings enthüllt sich hier zugleich seine Unwissenheit in einer ungemein drastischen Weise. Warum Eduard Devrient, der bekannte Theaterhistoriker und Neffe des genialen Ludwig, israelitischer Herkunft sein soll, ist mir nicht ganz verständlich. Theodor Döring, der Sohn eines preußischen Salziuspektors Hering, wird zum Juden gestempelt, weil er einen jüdischen Typus ergreifend „gespielt hat". Bei Stallst heißt der Mann Höring und ist 5850 geboren oder gestorben, was beides gleich falsch ist. Auch Joseph Kainz war Jude (!!), auch das ein Ergebnis der erstaunlichen Stattsfischen Geschichtsforschung, und hieß eigentlich — Kohn. In diesem Stil, in diesem Geist der Wahrheitsliebe geht es durch 900 enggedruckte Seiten weiter, und mau wird vergebens nach einem bedeutenden Deutschen der letzten hundert Jahre suchen, der nicht irgendwie in Zusammenhänge mit dem Judentum gebracht wird. Da ist es wirklich schon einfacher, mnn ist Jude von Haus aus. Dem berühmten Eduard v. Simson, dem ersten Präsidenten des Reichstags, werden die „niedrige, fliehende Stirn und affektierter Ausdruck" vorgeworsen, wie denn Herr Staufs auf den Reichstag überhaupt nicht gut zu sprechen ist. Staufs hat einiges vergessen. Er hat übersehen, daß Goethe, dem man schwerlich den Vorwurf besonderer Judenfreundlichteit machen wird, Bettina Brentano (llach Staust jüdischen Ursprungs), die Gattin des deutschnationalen Achim v. Arniul, Frau v. Grotthus und Frau v. Eybeuberg (zwei Schwestern Riep er) zu fernen bestell Freundinnen zählte. Er hat vergessen, daß Fichte, der Wiedererwecker des deutschen Gedankens, zu den Intimen Rahels gehörte, daß Friedrich Lchleiermacher, der Prediger an der Berliner Dreisaltigkeitstirche, der besondere Frelmd von Henriette Herz war und für volle Gleichberechtigung der Juden eiiltrat. Für die Unbarmherzigkeit dieses Genealogen, der ill einem Anhang wenigstens ein paar seiner Opfer, etwa Bernhard Kellerniann, von dem Vorwurf jüdischer Herkinlst befreit, lloch ein paar Beispiele: Karl Busse wird ernsthaft vorgeworsen, daß er bei dem Begräbnis eilies jüdischen Freundes das Wort ergriffen habe, Fedor v. Zobeltitz wird mit einem dicken Fragezeichen geschmückt, obwohl jedes Kind weiß, daß die Zobeltitz einer altmärkischen Familie angehören. Freilich hat dieser Schriftsteller gelegentlich den Ritnalnlord als eine „gewaltige Lüge" bezeichnet. Das alte Märchen voll der antisemitischen Beulerknng Erich Schmidts über Heine, das mir aus Schmidts eigellem Munde als Lüge und Entstelllmg bezeichnet lvorden ist, taucht hier ebenfalls wieder auf, usw. in inüncknin! Mir ist der Zlvcek dieses Buches, das unter Mitwirkung von völkischen Verbünden und durch Gaben schamhaft verborgener Privatpersonen entstaudeu ist, ilicht ganz verständlich. Mit ganz lvenigen Ausnahmen, etwa Goethe, Beethoven, Kleist. Hebbel, Gottfried Keller (Hebbel lourde durch deu Juden Emil Kllh entdeckt, Keller dnrch Auerbach), sind die wahrell Kulturträger in diesem Semi-Kürschner ziemlich vollständig beisammel!. Die „reinen Arier", die vor Stanffs Spürsinn Gnade gefunden haben, dürsten, wie einst die kollservative Partei, in einer Droschke Platz finden. Und ich fürchte, es ist eine zweiter Güte!" Aus Rußland kommt wieder: eine Reihe sehr schlimmer Nachrichten: Der „Berliner Lokalanzeiger" bringt folgende Depesche: In Odessa wurden sechzig jüdische Studenten aus Charkow, die sich dorthin begeben hatten, um das Staatseramen ab-- zulegen, ausgewiesen. Die „Neue Freie Presse" meldet: Die von der Reichsduma am 7. d. M. in geschlossener Sitzung votierte Vorlage über das Nekrutenkontingent pro 1914 wurde mit einer jetzt veröffentlichten Formel angenommen, worin die Notwendigkeit der schleunigen Einbringung einer Regierungsvorlage über die von der Dllma wiederholt als wünschenswert bezeichnete Abänderung der Bestimmungen betreffend die Wehrpflicht der Juden betont wird. Die rechtsstehenden Dumaparteien haben schon mehreremal beu Wunsch geäußert, die Juden in Rußland von der Wehrpflicht anszuschließen, sie aber dasür mit einer hohen Steuer zu belegen, die jährlich entrichtet werden soll. Wie russische Blätter damals zu berichten wußten, hatte Kriegsminister Suchomlinow deu Führern der rechtsstehenden Dumaparteien die Erfüllung dieses Wunsches in