Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- Seite 256 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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seiner Zeit und an seiner Kraft, daß man geizig sein muß mit jeder Stunde. Zähle die Tage, laß keinen ungenützt verstreichen, nicht nur für die Arbeit, sondern auch für dein inneres Heil und zur Guttat gegen andere. Die Weihe, die du deinem Leben zu geben hast, liegt freilich zunächst in der Arbeit, aber auch in der inneren Erhebung. Zähle die Tage. Auf unseren Kalendern sind meist nicht nur die Gedenktage wichtiger Ereignisse, Geburts- und Sterbezeiten großer Menschen verzeichnet, sondern neben Küchenrezepten und Witterungsprophezeiungen stehen häufig gute Sprüche. Laß an jedem Tage ein weises Wort in dir und um dich erklingen, erhebe dich an einem anspornenden Spruche, an einem herrlichen Bild, an der Schönheit der Natur, an dem dankbar aufleuchtenden Blick des Nebenmenschen. Die Ettern mögen die Tage zählen, an denen sie den Ihren zur Freude leben, die Kinder, um ihren Eltern und Gespielen fyrcitbe zu machen, der Bürger, daß er seine Pflicht erfülle und dem Lande diene, das ihn mit seinen Segnungen überschüttet, der Herrscher, daß er seinem hohen Berufe der Menschenbeglückung und -Veredlung immer stärker inne wird. Zähle deine Tage, so spreche ein jeder, daß jeder Tag ein Weihetag und Festtag sei. Wenn so ein jeder an sich arbeitet und das Fest feiert, das zu seiner Beseeligung eingerichtet ist, so wird sich das Wort erfüllen, das auch für dieses Fest gesprochen worden ist, daß Israel „ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk" werde. Ein Reich von Priestern, denn jeder kann und soll ein echter Priester sein in seinem Herzen und in seinem Kreise — ein heiliges Volk, eine Gemeinschaft, gefestet in sich, geachtet und geehrt von anderen, nicht gefürchtet noch beneidet, sondern geliebt und zum Mitlieben bereit, in friedlichem Wettstreit mit der gesamten Menschheit. Die Woche. 3 V e r (i n , den 26. Mai 1914. n der Sitzung des d e u t s ch e n R e i ch s tags wies der Abgeordnete S ch ö p f l i u (Soz.) kurz auf die Aenderung des Stenogramms in der Rede des Kriegsministers hin (siehe Nr. 20, Seite 2dl). Der Abgeordnete M ü l l e r - M e i n i n g e n äußerte sodann: Ich bin leider genötigt, auf diese Peinliche Angelegenheit mit einigen Worten zurückzukommen, weil es sich um eine große prinzipielle Trage des Verkehrs des Parlaments gegenüber den Vertretern des Bundesrats handelt. (Sehr richtig! liuks.) Der Kriegsminister hat bis jetzt nicht bestritten, daß er eine A end e ru n g seines Stenogramms rar genommen hat. (Hört, hört! links.) Die sämtlichen Preßberichte. au der Spitze die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" (Hört, hört! links), haben die Aeußeruug des Kri-egsministers so wiedergegeben, iric ich sie hier in meiner Polemik gegen ihn zugrunde gelegt habe. Er hat also gesagt: „daß dieser Zustand verfassungswidrig ist, muß ich zugeben", und diese Aenßerung ist nun geändert in „verfassungswidrig scheint". Im Zusammenhang mit der darauf folgenden Acußernng ergibt sich genau der gegenteilige Sinn von dem, was in der Rede des Kriegsmiuisters selbst enthalten ist. (Sehr richtig! linke'.) Die Trage ist prinzipiell von großer Bedeutung. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Vertreter des Bundesrots dieselben Befugnisse bezüglich des stenographischen Berichts haben wie usir selbst: es ist ganz klar, daß die Herren ebenfalls Milderungen vornehmen können, daß sie, wenn ich mich so ausdrücken darf, polieren können. (Lehr richtig! links.) Es ist aber etwas anderes, wenn der Inhalt der Rede genau in das Gegenteil übersetzt wird, und vor allen Dingen ist es dann bedenklich, lvenn die Polemik gegen eine derartige Behauptung eiusetzt, und wenn nach der Korrektur überhaupt die ganze Polemik vollständig in der Luft hängt. (Sehr richtig! links.) Das ist in dein vorliegenden Tolle tatsächlich so. Ich nmß offen sagen, daß mich von allen Roden des Kriegsministers keine so sympathisch berührt hat wie das freimütige Bekenntnis, daß hier ein verfassungswidriger Zustand Vorlage. Um so erstaunter war ich, als ich t>as, daß der Kriegsminister ganz andere Worte gebraucht haben soll. Herr Kriegsminister, wir bösen Menschen würden nicht -auf die Sache -gekommen sein. Den Streich, die Sache zu unterstreichen, so daß wir die Sache bemerkt haben, haben die „Kreuzzeitung" und die „Deutsche Tageszeitung" Ihnengespielt. (Hört, hört! links.) Tort war der so rasch veränderte Wortlaut der Rede des Kriegsministers zu llesen. (Hört, hört! links.) Es ist sonderbar, daß die ganze Presse, alle Mitglieder dieses Hauses genau das Gegenteil aus der Rede des Kriegsministers in dieser ,ungemein wichtigen Sache entnommen haben, als der Kriegsmmister sie tatsächlich gemacht hat. Run fällt nur nicht ein, zu -behaupten, daß der Kriegsminister absichtlich eine Veränderung vorgenommen habe, um uns ins Unrecht zu sehen; ichnehme ohne weiteres an, es war der Mangel an parlamentarischer Routine, unter dem der Kriegsmiuister ganz naturgemäß leidet. (Heiterkeit.) Aber die Sache ist prinzipiell so lvichtig, daß ich es als meine Pflicht erachtet habe, sie hier zur Sprache zu bringen und dem Kriegs-Minister selbst Gelegenheit zu geben, die Sache zu klären. Daraus erwiderte der Kriegsmmister: Es ist richtig, daß in jenem Stenogramm stand: Dieser Zustand i st verfasstnrgsnndrig, das muß ich zugeben. (Zurufe bei den Soz.: Aha!) Dieses „ist" habe ich sofort während der Sitzung abgeändert tu „scheint". (Lachen und Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Sie haben vorhin den Mg. Dr. Müller-Meiningen ruhig angehört, warum hören Sie mich nicht ruhig an? (Heiterkeit.) Ich habe es hier sofort abaeündert. Aus den Reden, die ineinen Worten -hier folgten, habe ich durchaus nicht entnommen, daß die Herren sich besonders auf diesen Passus stützten, ebensowenig, aus den- Presseberichten. Denn beispielsweise in der Korrespondenz, die hier im Reichstage erscheint und wahrscheinlich Ihnen allen zugänglich ist, mir sodenfalls jeden Abend vorgelegt wird, steht nämlich, ich hätte gesagt: daß dieser Zustand verfassungswidrig an sich ist, muß ich natürlich zu geben. Also so einhörig scheint die Sache doch nicht gewesen zu sein. (Heiterkeit.) Jedenfalls wollte ich nicht so verstanden werden. Das geht ganz klar aus meinen nächsten Worten hervor. denn ich fuhr fort: Das; er ober durch irgendwelche verfossungswidrig-en Maßnahmen hervorgerufeu oder erhalten wird, muß ich entschieden bestreiten. Es gibt keinen verfassungswidrigen Zustand, der hervorgernfen werden könnte durch keine verfassungsuüdrige Handlung. (Unruhe bei den Sozialdemokraten, Heiterkeit rechts.) Also die Folgerungen des Mg. Müller-Meiningen treffen nicht zu. Jedenfalls hat es mir ganz ferngölegen, ihn ins Unrecht setzen zu wollen durch das Einschieben des Wortes „scheint" oder vielmehr die Richtigstellung des Stenogramms. Wir haben nach unseren früheren Ausführungen dem Vorstehenden nichts weiter hinzuzufügen. * Das „Berliner Tageblatt" schreibt: U e b e r re i ch u n g des E h r e n bü r g e r b r i e f e s an Geheim rot Cassel. Durch eine städtische Deputation unter Führung des Oberbürgermeisters Wermuth und des Bürgermeisters Reicke fand heute mittag die lieber gäbe des Ehrenbnrgerbriefes an den stellvertretenden Berliner Stadtverordnerenvorsteher Geheimen Instizrat Cassel in dessen Wohnung, Blumeshof 13, statt. Der Oberbürgermeister überreichte dem neuen Ehrenbürger mit einer herzlichen Ansprache das seltene Dokument, dos folgenden Wortlaut hat: Wir, der Magistrat der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin, urkunden und bekennen hiermit, daß wir im Einverständnis mit der Unterzeichneten Stadtverordneteuversammlung dem Stadtverordnetenvorsteher - Stellvertreter Geheimen Instizrat, Rechtsanwalt und Notar Oskar Cassel, dem hochverdienten Bürger Berlins, der sich von jungen Jahren ab mehr als ein Viertetsnhrhundert lang ununterbrochen in selbstloser Hingabe, mit Lust und Liebe und mit erstaunlicher Arbeitskraft dom Dienste der Stadt Berlin gewidmet und sein reiches Wissen und Können in vorbildlicher Tüchtigkeit zinn Besten unseres Gemeinwesens genutzt hat, dem stets bereiten Verteidiger der Rechte der Selbstverwaltung, der in bürgerlichen Kreisen, iin Ab-geordnetenhause, in der Stadtverordnetenversammlung und im Verbände Groß-Berlin mit klugem und beweglichem Geiste in überzeugungsvoller Rede gewirkt hat, durch Anlage und Temperament dazu berufen, i-in Kampfe für Freiheit und Recht eine führende Rolle