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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-29 · Heft 22 (29.5.1914) · p. Seite 255

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 22 (29.5.1914)
Date
1914-05-29
Page
Seite 255 (sequence 3)
Language
German
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255 der Feldarbeit verdrängt, wir sind, wenige löbliche Ausnahmeir abgerechnet, die um so freudiger begrüßt werden müssen, aus das Handwerk, den Handel, die Geistestätigkeit angewiesen. Haben nun die Arbeiter auf diesen Gebieten nicht auch das Recht ein Erntefest zu begehen? Mitten in der Arbeit kommt keiner zum Bewußtsein seines Schaffens; erst wenn die Arbeit getan ist, gelangt ein jeder zu ruhigem Ausblick und Einblick. Und so ergeht an alle die, welche mit Hand und Kopf arbeiten, der Ruf zum Feiern des Erntefestes. Gönnet euch einen Moment des Ausruhens und fraget euch: wie sollen wir das Erntefest begehen? Feiert es nach den Worten des Weisen: „das Tun erfreut, das Getane nicht." Seid nicht stolz auf eure Erfolge, rühmet euch nicht der Schätze, die ihr errungen. Prahlet nicht mit der Stellung, die ihr euch er- Ivvrben. Der reiche Ertrag sei euch nur ein Ansporn zu neuem Tun, wie der Mißerfolg ein Stachel zum Bessermachen und zn vermehrten Anstrengungen der Kraft. Ihr, die ihr in eurer Ernte ein Fehljahr zu verzeichnen habt, verzaget nicht, sehet nicht mürrisch und verzweifelt auf den Mißerfolg eurer Beschäftigung, Naget nicht andere an und sehet nicht neidisch auf die, denen es besser ergangen. Ihr, die ihr eure Scheuern füllen konntet, zeiget nicht prahlerisch den reichen Ertrag, blicket nicht hochmütig auf die, denen weniger zuteil geworden, schreibet nicht euch allein die Wirkung eurer Arbeit zu. Das Erntefest sei allen ein Moment der Ruhe, ein Tag des Besinnens und der Vorbereitung zu neuer Tat. II. Das Wochenfest ist das Fest der Offenbarung und der Gesetzgebung. Aufklärer und Vernünftler haben jahrzehntelang einen bitteren Kampf gegen den Begriff der Offenbarung geführt. Sie haben von einer Ueberhebung des Menschen und einer Herabsetzung des göttlichen Wesens gesprochen. Jene, io meinten sie, bestände darin, daß man einen Menschen für fähig halte, die Herrlichkeit Gottes zu schauen, diese darin, daß Gott seiner Erhabenheit entkleidet würde, wenn er zu einem einfachen Menschen spräche. Aber dem schlichten Berichte der Bibel gegenüber verschwindet solche Klügelei. „In einer dichten Wolke," so sagt der Bericht, „kommt der Herr zu Moses, so daß er ihm unsichtbar bleibt und so die Trennung Gottes von dem Menschen aufrecht erhalten wird; alles Volk wird weit entfernt, so daß es nicht einmal den heiligen Bezirk betreten darf. Der einzige Mensch aber, der der Zwiesprache gewürdigt wird, ist nicht ein Privatmann, nicht ein zufällig bestimmter, sondern der Vertreter des ganzen Volkes. Was ihm aber gesagt wird, sind nicht ausschließlich Wahrheiten und Lehren, nicht Mitteilungen und Verkündigungen, sondern es sind Gesetze. Und diese Gesetze beginnen sofort, gleichsam umdie Unnahbarkeit des höchsten Wesens und die weite Entfernung zwischen seiner Erhabenheit und der menschlichen Kleinheit zu kennzeichnen, mit dem Verbote, Bilder zu machen von der Erscheinung des Höchsten. Und in diesem Verbot liegt nicht bloß ein Protest gegen die Bilderverehrung der Nachbarvölker (Idolatrie), sondern hauptsächlich die laute Verkündung des Reingeistigen in dem Wesen Gottes. Neben der Geistigkeit die Ewigkeit. Gott heißt „der Ewige", im Gegensätze zu den vergänglichen und veränderlichen Gottheiten fremder Völker. Das höchste Wesen wird in seinerEinzigkeitundUnvergleichlichkeit bestimmt. Gott fordert für sich allein den Tribut der Verehrung und will neben sich kein anderes Wesen gelten lassen, das ihm gleich sei. Die weite Kluft zwischen Gott und Mensch wird dadurch bezeugt, daß der Name des Höchsten in keiner Weise von dem Menschen mißbraucht werden darf. Er ist der gestrenge Richter und der liebende Vater. Und es ist wiederum höchst sinnig, daß zuerst der streng Strafende und erst dann der milde Verzeihende gekennzeichnet wird. Gerade die, die in dem göttlichen Wesen die Verkörperung der Alliebe sahen und sehen, haben Anstoß genommen an der Charakteristik des eifervollen Gottes, der „die Schuld der Väter ahndet an den Kindern bis ins dritte und vierte Geschlecht". Ader sie haben bei diesem Bedenken verkannt, daß nicht die Unschuldigen gestraft werden, sondern daß die Strafe gilt „meinen Hassern", denen also, die das verbrecherische Tun der Vorfahren sortsetzten, und sie haben ferner übersehen, was jener Strafandrohung unmittelbar folgt, nämlich daß der Born der Gnade viel reichlicher fließt als die Strafe, daß sie sich ergießt bis ins tausendste Geschlecht, nicht nur in das dritte und vierte für diejenigen, die Gott lieben und seine Gebote halten. Und auch in diesem Satz wird mit einer feinen Wendung die Liebe dem Halten der Gebote vorangestellt: die innige Empfindung, das ganze Erfülltsein des Herzens ist das erste, das Tun, so hoch auch seine Bedeutung bewertet wird, folgt erst an zweiter Stelle. Und wie sehr gerade in einer solchen Bestimmung der Inhalt der zehn Gebote besteht, erkennt man in ihrem weiteren Wortlaut: nicht von Vorschriften, von trennenden Schranken zwischen Volk und Volk, zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften ist die Rede, sondern es werden die hohen und ewigen Gesetze der Menschlichkeit eingeschärft: Verehrung von Vater und Mutter, Heilighaltung des Lebens und des Eigentums der anderen. Für die hohe Sittlichkeit dieser Vorschriften spricht der Umstand, daß nicht nur das gewaltsame Aneignen dessen verboten ist, was einem anderen gehört, sondern schon die Lust und das Verlangen nach dem, was in dem Besitze des Nächsten ist. Während bei allen diesen Vorschriften des Menschen, sein Verhältnis zu dem Nebenmenschen betreffend, Gottes fast gar nicht erwähnt ist, wird sein Beispiel bei dem Ruhetage hervorgehoben: wie er nach seinem Schöpfungswerk ausruhte, so soll der Mensch nach strenger Arbeit einen Rasttag halten, einen Weihetag, für den keine lästigen Vorschriften und keine einzelnen Gebote gegeben werden, sondern für den nur verlangt wird Segen und Heiligung, die von dem Höchsten ausströmen. So soll das Wochenfest ein Fest der Offenbarung und des Gesetzes sein: nicht die Bekundung der Auserwähltheit allein, nicht die Ueberhebung über andere Nationen und Gemeinschaften, sondern im notwendigen Zusammenhang mit dieser Sonderstellung und mit dieser Bevorzugung die Erinnerung an den Zwang der Gebote, ein heilsames Korrektiv frevelhafter Ueberhebung, die Lehre, daß die scheinbare Ausnahmestellung mit strengen Pflichten und drückenden Lasten verknüpft ist. III. Das Fest ist ein Fest der Wochen (Schabuoth). Sieben Wochen, 50 Tage, liegen zwischen Passah und Wvchenfest, Pfingsten, wie der gewöhnliche Sprachgebrauch lautet; das Wort Pfingsten hat bekanntlich diese Zahl 50 gewahrt. Gewiß ist es zunächst ein Aeußerliches, dieses Zählen der Tage, das vom zweiten Tage des Pesfachfestes an vorgeschrieben ist und am Wochenfeste seinen Abschluß findet. Und doch mag man auch dieses Aeuherliche zu einem Innerlichen gestalten. Zähle deine Tage. Denn nicht nur bis zum Wochenfeste magst du zählen, sondern auch ferner. Aber dieses Aneiimnderreihen sei nicht bloß ein Numerieren vergangener Zeitabschnitte. Merke auf das schöne Wort des Psalmisten: „Lehre uns unsere Tage zählen, daß wir gewinnen ein weises Herz." Nicht auf die Dauer der verstrichenen Zeit kommt es an, sondern auf ihren Inhalt. Nicht nur der Handwerker, der nach der sauren Arbeit der Woche sich nach einem frohen Feste sehnt, nicht nur das Kind, der Lehrer, die nach schweren Tagen der Fron auf einen der Ruhe harren, sondern jeder einzelne Mensch. Zähle die Tage. Denn wie kurz ist die Frist, die dir zugebilligt ist; das, was der Sterbende durchsetzen und erlangen möchte, ist so unendlich, gemessen an

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