Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ausdruck: „Ich ahnde die Schuld der Väter an den Kindern ... meiner Hasser." Also nicht jedes Vergehen rächt sich später, sondern nur, wenn es sich mit Reuelvsigkeit Paart. Umgekehrt: Nicht jede Guttat lohnt sich bis ins „tausendste" Geschlecht, sondern nur das Vorbild des wahrhaft Frommen. Noch Wichtigeres aber sagt die Strafbcdrohung der drei folgenden Geschlechter. Wenn nicht aller Neberfluß göttlicher Liebe und Gerechtigkeit in der jüdischen Lehre hiervor kapitulieren soll, so muß diese unerklärliche Härte gegen Unschuldige einen anderen Sinn haben. Es kommt Gott wahrlich nicht darauf an, den Guten für den Bösen zu peinigen, sondern mit diesem Satze ergeht an die Welt die Lehre vom großen M u ß, das Memento: Laßt euch warnen, kehret um, denn das Naturgesetz der Vererbung macht euere Deszendenz schlecht und immer schlechter bis zur Ausrottung und Verdammnis, die schließlich die einzig mögliche Form der Erlösung des verderbten Lebens bleibt! Laßt euch für das Gute begeistern, denn der Keim des Guten entfaltet sich stets aufs neue und bleibt unverloren! Tatsächlich enthüllt das zweite Gebot die gewaltigste und erhabenste aller Offenbarungen: das Gesetz der Vererbung, und gibt damit der Menschheit den Schlüssel zum größten irdischen Rätsel, läßt kleinlichen, ungerechten Eifer Gottes oder übermäßige Gunst ganz außer Betracht. Wenn dennoch die bösen Folgen der Vererbung im Bilde des Götzendienstes gezeigt werden, so erinnere man sich, daß diese alte Kultform identisch ist mit der Summe aller heutigen Laster und Untaten: Unzucht, Inzucht, Unnatur, Trunksucht, Zügellosigkeit, Eltern- und Kindesmord seien nur herausgegrifsen. Wie aber bei jeder einzelnen der genannten Verfehlungen naturnvtwendig ähnliche verdammenswerte und strafwürdige Züge, oft in verstärktem Maße bei den Nachkommen wiederkehren, so sproßt auch die einmal eingepflanzte Macht des Guten und wird zur Stammestugend. Warum nur straft Gott, der doch alles vermag, mit dem Gesetz der Vererbung? Warum trägt das unschuldige Kind des Säusers alle Merkmale der Entartung? In seiner Minderwertigkeit liegt der Segen der Abschreckung für uns, die Gnade für den bedauernswerten Menschen selbst. Er hat nicht das volle Empfinden seines Tiefstandes und wird durch vorzeitigen Tod erlöst. Die Ausscheidung dieser Fänlnisstosfe muß erfolgen; sie reinigt und befreit ja die Mit- und Nachwelt von sonst alles vergiftenden Leiden. Wie die unheilbaren Krankheiten, durch Vererbung oder Ansteckung erworben, aller Medizin spotten und mit Gesetzmäßigkeit Lücken reißen müssen, um die Gesunden zu sichern, so herrscht da8 nämliche Gesetz der Vererbung zum Wohle und zur Warnung der Menschheit. Auf der einen Seite winken Tod und Verderben, auf der anderen Leben und Gesundheit. Wer wollte nicht das echte, rechte Leben wählen und so sich und seinen Nachkommen Heil spenden! Denn auch das Gesetz der Vererbung des Guten ist gewißlich wahr, und wer in sich Liebe erzeugen kann über Kinder und Enkel hinaus — für Nachkommen, die sein Auge nicht mehr schaut, wird die Erben seiner Seele und seines Leibes glücklich machen. Nur muß er sich von den modernen großen Götzen fernhalten, die nicht minder gefährdend wirken als ihre einstigen Vorläufer. Die Selbstsucht in allen Schattierungen, die sinnlose Geldanhäufung insbesondere, Ueberhebung und blöde Verwerfung der Religion, die Abschüttelung aller in uns wurzelnden heiligen Gefühle züchten prächtige Degenerationseremplare. Wer noch zweifelt, daß das Gesetz der Vererbung Wahrheit ist, der lenke jetzt, in der Zeit des Blühens, seinen Blick in die uns leider immer fremder werdende Natur. Betrachte die Form eines Blattes, seine Zacken, die Verästelung der Adern, sie stellen einen gesetzmäßigen Bau vor! Es gehorchte demselben Gesetz, dem die äußere ititb innere Gestaltung deiner Kinder unterliegt. Der Blick des Auges, die Bildung der Hand, der Klang der Stimme, die Farbe des Haares können dich belehren, ja erbauen! Schau um dich, und überall findest du in der Erkenntnis dieser Erscheinung höchste Wissenschaft vereint mit tiefster Religion! Das viel verlästerte Gebot wird also, richtig erkannt, ein Quell des Segens. Es gewährt Umkehr vom Bösen, Aufstieg zum Guten, Auslöschung des Unrettbaren. Es weckt einen neuen Liebesbegrisf für jene Leidenden, die als schuldlose Opfer Anspruch auf unser Herz haben, in der Wertung ihrer ausgelösten Verbrechen einen besseren Rechtsbegriff, der sich dem alles verstehenden und verzeihenden Gotte nähert. Es ließe sich sehr viel über die Bedeutung der Vererbungslehre für die Religion wie für das Verständnis des Gemütslebens sagen. Aber das geht über diese Skizze hinaus, die lediglich ein Hinweis auf die ewige Wahrheit des zweiten Gebotes sein soll. Doch zwei Punkte, die mit dem Wochenfeste Zusammenhängen, dürfen wohl noch angefügt werden. Zuerst die bemerkenswerte Tatsache, daß unser Festbüchlein Ruth eine klare Tendenzschrist des Vererbungsgesetzes ist, die im Vvlksbewußtsein wurzelnde Anschauung, „den Namen des Toten auf seinem Erbe zu erhalten", weil er selbst fortlebt, und der damit zusammenhängende sinnvolle, lebende Brauch, die Kinder nach verstorbenen Angehörigen zu benennen. Dann aber zum Feste der Gesetzgebung eine Feststellung über das Forterben von Gesetz und Sitte! Wie wir nur Produkt der Vergangenheit sind, nicht aber Summe, so ist die Religion des jeweiligen Geschlechtes nicht gebildet aus Aneinanderreihung der Anschauungen aller Zeiten. Die Maximen, die großen Züge find erhaltenswert und kehren wieder. Nicht aber darf das Abgestorbene, Ausgeschiedene als überflüssiger Ballast mitgeschleppt werden. Wie das Gedächtnis Eindrücke aufnimmt und ausscheidet, wie die Anlagen sich entfalten ltnb verblassen, wie ein ähnliches Naturgesetz Anziehung und Abstoßung lehrt, so beseele uns der Wille zur Veredelung der guten Keime, zur Ausscheidung des Verbrauchten, zur Mehrung alles Lebenskräftigen. Denn darin liegt die Wahrheit des zweiten Gebotes und der ganzen Lehre. „Sie ist ein Baum des Lebens denen, die sich mit ihr stark machen; wer sich auf sie stützt, wird glücklich." Wende sie um und um, denn alles ist in ihr. LairnpreÄigt?um Wochenfelte. Aon Ludwig Geiger. I. as Wochenfest ist das Fest des Sommers und der Weizenerntc. Wir fügen uns gern der Väter Sitte, zu Sommersanfang das Erntefest zu begehen, wenn auch in unseren Ländern die Frucht dann noch nicht reif ist. Das ist unser historisches Verständnis, daß wir die Feste feiern nach der Väter Weise. Aber wie sollen wir das Erntefest begehen? Der Landmann sät und pflügt das Feld, doch kann er allein den Ertrag nicht bestimmen. Er ist vielmehr abhängig von der Eigenheit des Wetters, von der Einwirkung des Regens und der Sonne. Ein ungünstiger Boden vermag nicht viel zu tragen, mag noch so viel Arbeit auf ihn vertvendet worden sein; allzuviel Sonne verbrennt die Frucht und allzu reichlicher Regen verderbt das, was der Boden getragen, und was die Sonne gereift hat. Darum soll ein Erntefest gefeiert werden in gläubigem Aufblick zu der Macht, die hier wie überall das Tun der Menschen beeinflußt, und in der Lobpreisung redlichen Tuns und fleißigen Wirkens. Aber nicht alle sind wie unsere Vorvordern in Palästina Landarbeiter. Ausschließung und Bedrückung haben uns von