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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-29 · Heft 22 (29.5.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 22 (29.5.1914)
Date
1914-05-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 29. Mai 1914 78. Jahrgang. Nr. 22 Allgemerne eitung des Audentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wächenlNch. A bonnement s«p r eis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrriebssteUen) bezogen vierteljährlich 3 1VL. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung der Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag! Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Das Gesetz der Vererbung. Von Robb. Tr. Saiornoil skr, tJIIIJull« Frankfurt a. O. — Laienpredigt zum Wochenseste. Von Ludwig Geiger. — Die Woche. — Rabbiner Dr. Moritz Guttmann. Von Dr. N. Hol persotz n, Myslowitz. — Ein Littlichkeitskougretz in Neapel. Von Tr. Emmanuel Schwartz. — Feuilleton: Ter Auszug. Von Martha Hellmuth. — An Goethes Sarg. Von Emil Spiegel, Prag. — Literarische Mitteilungen. — Lefefrüchte. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Genretndebote (Beilage zur Zeitung des »Allgemeinen Judentums"). Berlin, Frankfurt a. O., Aus Westpreußen, Rvgasen, Hamburg, München, Frankfurt a. M., Wien, Petersburg. — Bon Nah und Fern. Das Grlry Äer Vererbung. Eine Betrachtung zum Wvcheufeste von Robb. Dr. S n 11> m o n s k i, Frankfurt a. Oder. s ist nicht nur Aufgabe der Prediger, den Festen neuen Inhalt abzugewinnen. Ein jeder tut gut, sich in ihr Wesen zu versenken, soll sich nicht bald das geistiger Trägheit znneigende Gefühl der Sättigung einstellen, dem die Feiertage nur willkommene Unterbrechung des Kalenders als Ueberlieferungen des Nichtstuns oder gar der Magenanfüllung bedeuten, darüber hinaus nichts zu sagen haben. Wer aber bedenkt, daß ein Fest in der Regel die Zusammenfassung vieler bedeutsamer, wenn auch nicht immer offenbarer Begebenheiten, Sitten vder Lehren darstellt und sich müht zu rekonstruieren, der gewinnt ergiebige Ernte, und nirgends klarer als in diesem Bemühen erweist sich die Wahrheit des Väterspruches über das Geheimnis unserer Lehre: „Wende sie um und um, denn alles ist in ihr, du schaust es darin. Alt und grau werde in ihr, von ihr weiche nie. Es gibt ja nichts Besseres als fiel" Gilt das schon von dom gesamten Schrifttum, so mit besonderer Betonung von seinen bedeutsamsten Bestandteilen, die die Grundsteine des Judentums bilden. Sie sind gewaltige Verankerungen des großen Baues, aber wie die Fundamente der Häuser dem Vorübergehenden nicht sichtbar. Man hört nur immer von den riesigen Quadersteinen und spricht schließlich nach, daß sie da sind. Was sie aber auf starkem Rücken tragen, wer schaut nach? Wie der Marmorblock erst durch Meißeln und Glätten in seiner Schönheit bastelst, so muß man schvn in die Keller steigen, wenn man die Tragpfeiler der Religion sehen will; darf man die Feste nicht oberflächlich nehmen, wenn sie wirkliche Feste sein sollen und mehr als Herkommen. Der Kerngedanke des Wochensestes, das Zehnwort, begegnet der gerügten Unterschätzung, je mehr es Allgemeingut geworden ist, in steigendem Maße. Es scheint durch seine Verbreitung und Anerkennung eum grano salis jenem Schicksal der Abnutzung zu unterliegen, das uns beispielsweise auf dem Gebiete der Musik nicht verwundert. Die schönste Melodie wird durch ihren Wohlklang zum Gassenhauer. Sie hat natürlich nichts von ihrem Wert verloren, aber weil jeder sie hört und kennt und singt und pfeift und spielt, muß sie dem Neuen und oft Minderwertigen weichen. Ein Anflug dieses herbstlichen Reifes bedeckt auch die zehn Gebote. Und nicht mehr fragt man staunend: Wie konnte die Welt ohne sie leben? Man achtet nicht bewundernd auf die Wucht ihres Gefüges, ihren erschöpfenden Inhalt, Geschlossenheit und Tiefe. Weil sie uns das Dasein geebnet und leicht gemacht haben, ist alles selbstverständlich. Man betet ja auch nicht mehr Sternbilder an, und den Meineid bestraft der Staat mit Zuchthaus. Auch haben wir die Sonntagsruhe und genügende Paragraphen des Strafgesetzbuches, die uns vor Lieblosigkeit gegen die Eltern, Mord, Ehebruch, Diebstahl und Verleumdung warnen. Daß das öffentliche Recht bisher keine Argumente gegen Neid oder Atheismus fand, wollen wir zart übergehen und nur beweisen, daß der Dekalog mehr bietet als einen Entwurf unserer gesellschaftlichen Ordnung. Wir begegnen in ihm nämlich nicht bloßen Geboten oder Vorschriften, die lediglich den Geist der Zweckmäßigkeit oder etwa den Gedanken der Autorität verkörpern, sondern Naturgesetzen, ewig gültigen, göttlichen Wahrheiten. Das am zweiten Gebote zu beweisen, wird genügen, denn wenn dieses hartnäckig angegriffene, als „charakteristisch für das Judentum" von Unverständigen und Böswilligen gescholtene Gesetz unserer Behauptung standhält und gewaltigere Probleme birgt und löst als die Stellung der Religion zum Götzendienst oder gar die Fabel vom „Gott der Rache" entkräftet, dann sind auch die anderen Gebote vom Vorwurf der Antiquiertheit befreit. „Du sollst keine anderen Götter haben vor meinem Angesichte. Du sollst dir kein Bildnis machen und keine Gestalt von dem, was im Himmel oben, aus der Erde unten und im Wasser unter der Erde ist. Bete dergleichen nicht an und diene ihnen nicht, denn ich, der Ewige, dein Gott, bin ein eifervoller Gott. Ich ahnde die Schuld der Väter an den Kindern, Enkeln und Urenkeln meiner Hasser, schenke aber Liebe bis ins tausendste Geschlecht denen, die mich lieben und meine Gebote bewahren." Dieses Gebot untersagt den Götzendienst in jeder Form und bedroht den Widersätzlichen mit Bestrafung seiner Nachkommen, verspricht aber den Frommen Gottes ewige Gnade. Der schon angedeutete Haupteinwurf richtet sich gegen den Passus: „Gott ahndet die Schuld der Väter an den Kindern," und zweifellos ist dieser Satz, den es nnr richtig zu verstehen gilt, der Schwerpunkt des Gebotes. Man deutet ihn aber nicht glücklich mit der beliebten Erklärung: Gott ahndet die Schuld der Väter nur dann, wenn auch das zweite, dritte und vierte Geschlecht bösartig sind. Das wäre doch nur gerecht, aber leider widerspricht diese Auslegung dem Geist der hebräischen Sprache. Es ist tatsächlich gemeint, daß auch die unschuldigen Kinder und Nachkommen der Gotteshasser leiden werden, die Sprößlinge der Frommen aber Lohn empfangen. Sollten demnach die Ankläger des „Gottes der Rache" nicht recht behalten, so muß das Gebot etwas anderes in sich bergen. Einmal ist nun Wert zu legen auf den scheinbar doppelten

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