Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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78. Jahrgang. Nr. 21 Berlin* 22. Mai 1914 Der Gemeindevote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums. SorrrlMNdkn?kn und Sschrichttn. SkUtschlsnlk. L2 Berlin, 19. Mai. Der jüdische Turnverein Bar Kochba, Berlin, hat vergangenen Sonntag mit einem wohlgelungenen Turn- und Sportfest unter Anteilnahme einer großen Menge von Zuschauern seinen neuen Sportplatz „T r e s k o w- Allee" in Karlshorst-Friedrichsfelde eingeweiht. Das 800 Morgen umfassende Terrain des neuen Platzes war von einer dichten Menschenmaffe umsäumt, Vertreter der staatlichen wie kommunalen Behörden Friedrichsfelde, Abgeordnete verschiedener jüdischer Organisationen wohnten der Eröffnungsfeier bei. Der Vorsitzende des Bar Kvchba, Herr Rechtsanwalt G r e i f e n h a g e n begrüßte zunächst die zahlreich Erschienenen, dankte allen, insbesondere der Kommunalbohörde von Friedrichsselde, die durch ihr Eutgegen- - kommen oder Unterstützung die Schaffung des Sportplatzes gefördert haben, und verbreitete sich dann in kurzen Worten über Zweck und Aufgaben jüdischer Turnvereine an sich und des Bar Kochba im besonderen. Er streifte dabei die bekannte Wandervogelresolution in Frankfurt a. O. und verwies darauf, daß der Bar Kochba kein „Salon der Zurückgewieseneu", auch kein „Asyl für Obdachlose" sein wolle, sondern ans sich selbst aus eigenem Streben hervvrgegangen sei und nicht etwa aus Rücksicht aus die Zurücksetzungen, denen jüdische Sportfreunde in den allgemeinen Vereinen ausgesetzt seien. Auch die Schaffung dieses neuen Sportplatzes, das dürfe er aussprechen, verdanke matt am meisten der eigenen Kraft. — Tie eigentliche Festrede hielt dann Herr Dr. Franz Oppenheimer. Er nahm Bezug auf die Anwesenheit staatlicher und kommunaler Behörden und zog daraufhin eine Parallele mit der Zeit vor hundert Jahren. Das Bild dieses Sportplatzes rufe ihm die Erinnerung wach an den ersten deutschetl Turnplatz des Turnvaters Zahn auf der Hasenheide. Damals wurden die Turner von den staatlichen Instanzen als staatsgefährliche Elemente verfolgt, heute sei die Turn- und Sportsache eine Staatsangelegenheit geworden, ein starker Baum, der Deutschland überschatte. Warum verfolgte man damals die Turnerei? Sie wollte doch dem Vaterlande dienen und außerdem die unterdrückten Klassen nach oben führen. Das letztere war wohl der Anlaß, weshalb man den edlen Zweck verkannte. Der jüdische Sportplatz hier erzähle ihm gleichfalls eine große Geschichte. Deutschland lebe im Frieden und es besteht die Hoffnung, daß der Friede uns noch lange erhalten bleibe, aber wenn sich einmal die Notwendigkeit einstellen sollte, zu den Waffen zu greifen, dann würden die Zöglinge des Bar Kochba nicht die schlechtesten Verteidiger des Vaterlandes sein. Des weiteren wolle auch die jüdische Turnerschaft sich die Rechte, die man unseren Glaubensgenossen im staatsbürgerlichen Leben noch vorenthält, erkämpfen. Stolz und frei wollen wir uns zu unserem Stamme halten, und unseren nichtjüdischen Mitbürgern beweisen, daß wir vollkommen ihresgleichen sind. Was hier geschieht, ist jüdisches Deutschtum oder deutsches Judentum. Vielleicht 'habe man, das erkläre der historische Werdegang unserer Geschichte und unseres Schicksals, zuviel Gewicht ’ auf die geistige Betätigung gelegt, jetzt wollen wir auch der physischen Ertüchtigung uns widmen, wollen zeigen, daß wir in Muskel wie Geistestüchtigkeit den anderen gleichwertig sind, ja sie übertreffen wollen. ,;Amico pectus, bosti frontem“, „Dem Freunde das Herz, dem Feinde die Stirn", diesem Wahlspruche zu folgen, sei die Aufgabe des jüdischen Turners. Er schloß mit den Worten: „Möge dem Bar Kochba dieser Sportplatz bald zu enge werden, möge er die ganze jüdische Jugend Berlins in seinen Reihen sehen und wirken zur Ehre des Judentums und zum Nutzen des deutschen Volkes." Dann begann die lange Reihe der turnerischen und sportlichen Vorführungen. Die Freiübungen der Männerriegen wie der Mädchenabteilungen und Jugendabteilungeu zeichneten sich durch Präzision und Akkuratesse aus, die Leistungen im volkstümlichen Turnen, Springen, Stafettenlaufen, Hanteln, Speerwerfen waren vortrefflich, an den Fechtvorführungen interessierten besonders die Damen, die es au Gewandtheit mit den männlichen Fechtern aufnahmen. Ganz hervorragend war die Musterriege am Reck, die teilweise Leistungen allerersten Ranges zeigte. Ein Fußballkampf zwischen Bar Kochba, Berlin und Bar Kochba, Hamburg, der von Hamburg gewonnen wurde, bildete den Abschluß des Festes, das als ein wohlgelungenes nach jeder Richtung bezeichnet werden muß. Wir bedauern nur, daß der Bar Kochba, dessen turnerische und. sportliche Leistungen uneingeschränktes Lob verdienen, nebenbei nationaljüdifche Tendenzen verfolgt, so daß wir nicht umhin können, der Berliner jüdischen Jugend aufs dringendste zu empfehlen, dem Verein und seinen Veranstaltungen, die letzten Endes zionistischer Propaganda dienen, möglichst fern zu bleiben. S£2 Berlin, 19. Mai. Prof. Ferdinand B l it m enthal, über dessen Wahl zürn Leiter der inneren Abteilung des neuen Krankenhauses in Berlin-Lichtenberg wir vor kurzem berichtet haben, ist am 5. Juni 1870 in Berlin als Sohn des Repräsentanten unserer Gemeinde Geheimen Sanitätsrats Blumen t h a l geboren. Er studierte in Freiburg, Straßburg, Zürich und Berlin, wurde 1895 in Freiburg zum Doktor promoviert und erlangte 1896 in Berlin die ärztliche Approbation. Vorher und nachher, im ganzen etwa sechs Jahre, arbeitete er im pathologischen Institut bei Sakowski, dem eine große Zahl von Gelehrten ihre Ausbildtutg in der physiologischen Chemie verdankt. Schön gleich nach seiner Approbation kam er zuerst als Volontärarzt, später als Oberarzt und Leiter des chemischen Laboratoriums zu v. Lehden an die Erste medizinische Klinik der Charite, wo er bis 1907 verblieb. Als auf Betreiben v. Lehdens 1908 in Berlin das Krebsinstitut errichtet worden war, wurde Blumenthal dort bis 1907 stellvertretender Direktor, seit 1904 leitet er ununterbrochen die Ausknnfts- und Fnr'sorgestellen für Krebskranke, zugleich untersteht ihm seit 1903 die innere Abteilung am israelitischen Kraktkenheim in der Elsässer Straße. Im Jahre 1899 wurde er Privatdozent für innere Medizin, 1905 erhielt er den Professortitel. Als wissenschaftlicher Arbeiter hat er sich sehr fruchtbar erwiesen, ein großer Teil seiner Veröffentlichungen betrifft, gemäß feinem Bildungsgänge, die physiologische imb klinische Chemie und die Arzneimittellehre. Von zusammenfassenden Schriften sind hervorzuheben in Notnagels Handbuch, zusammen mit v. Leyden die Abhandlung über Tetanus, die zweibändige „Pathologie des Harns am Krankenbett", „Die Stoffwechselkrankheiten", „Die chemischen Vorgänge bei der Krebskrankheit". Als Folge seiner Krebsstudien veröffentlichte er eine Reihe von Arbeiten über die Behandlung des Krebses mit Arsenik und mit Extrakten der eigenen Geschwulst. Gerade die letzteren Arbeiten haben in jüngster Zeit erhöhte Bedeutung erlangt. Von ihm stammt auch die Einführung des bis jetzt noch besten Mittels gegen die Schlafkrankheit, des Atoxyls, in die Heilkunde. Als Anerkennung hierfür ernannte ihn die Societe tlierapeutique in Paris zum Mitglied. Ferner ist er korrespondierendes Mitglied der Soeiete de biologie in Paris, des deutschen Zentralkomitees und des internationalen Komitees für Krebsforschung. Er ist Mitbegründer und war bis 1911 Mitredaktenr der „Medizinischen Klinik" tmd bearbeitet für Eulenburgs „Realencyklopädie" die Kapitel Pentosurie, Harnfarbstoffe und Tetanus. §2 Berlin, 19. Mai. Im Anschluß an die Mitgliederversammlung der G e s e l t s ch a f t z n r F ö r d e r tt n g d e r W i s s e n s ch a f t des Judentums in Frankfurt a. M. werden in Frankfurt mehrere Ausstellungen veranstaltet. Tie bekannte V e r l a g s s i r m a I. Kauffmaun bietet den Teilnehmern der Versammlung eine Ausstellung ihres bedeutenden Verlages und der sämtlichen Werte, welche von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums heransgegeben worden sind, während eine kunstgewerbliche Firma eiue Ausstellung j ü bischer K u l t u s g e ge tt ft ände veranstaltet. Die F r a n k f n r t c r N u m i §'m wtis ch e Gesellschaft plant eine Ausstellung jüdischer Münzen und Medaillen, welche in drei Abteilungen in lückenloser Weise die in der Bibel und im Talmud erwähnten Münzen, die Münzen von der Makkäbäerzeit bis zum Aufstande des Bartochba, und endlich Denkmünzen enthalten soll, welche aus Frankfurter jüdische Persönlichkeiten oder auf die Frankfurter Juden betreffende Ereignisse geprägt worden sind. —- Zu der Versammlung ist bereits eine große Beteiligung von auswärts gemeldet. W. Aus der Provinz Posen, im Mai. Kosten. Der Vorsitzende des Nepräsentantenkollegiums, Rendant Herr