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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-22 · Heft 21 (22.5.1914) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 21 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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249 Gegend von Via Venti Settembre gemieden, um keinem von euch zu begegnen. Ich glaubte auch nicht, daß es sich um eure Wohnung handle. Sonst wäre ich meiner Begleiterin noch unten irgendwie entschlüpft. Mit neugieriger Scheu betrat ich die Treppe, von der ich wußte, du gingst sie so oft am Arme deines Gatten hinauf. Im zweiten Stockwerk angel-angt, war ich froh, euren Namen nicht am Eingang zu lesen, da überhaupt kein Schild dort angebracht war. Ein Diener öffnete uns, um uns durch die ganze große Wohnung zu führen. Aber sofort wurde mir nur allzu klar, wo ich mich befand. Meine Kehle schnürte sich mir zu. Da hing im Korridor das seidene Kopftuch von dir, in dem ich dich wenige Wochen nach eurer Hochzeit nachts ans dem Teatro Costanzi hatte kommen sehen. Nur dein Kopf konnte da hinein gehören. Am liebsten wäre ich umgekehrt, wußte aber keinen Vorwand zu finden, um mich von Frau Doktor Rüting zu verabschieden, die ich doch auch unmöglich in der fremden Wohnung allein lassen konnte. Eine Schilderung der inneren Leiden, die ich durchmachte, als ich von Zimmer zu Zimmer mehr erkannte, du hattest die Einrichtung genau so getroffen, .wie ich dir einmal ausgeschrieben, als du bei mir eine Uebungsavbeit zu machen hattest mit dem Titel: „Wie richte ich meine Wohnung ein?", erlasse ich dir und mir. Ich ging wie im Traume weiter. Jahrelang schien mir die Wanderung durch die Wohnung 31t dauern. Nur hin und wieder hörte ich die Stimme meiner Begleiterin: „Aber, Herr Doktor, Sie sagen ja gar nichts zu der geschmackvollen Einrichtung!" Sollte ich ihr zurufen: „Die ist ja von mir entworfen?!" Aber ich sollte den Leidenskelch bis zur Neige Leeren. Im letzten Zimmer, eurem Schlafzimmer, sehe ich aus dem Bilderrahmen deine dunklen Augen, die mich so oft fragend angeschaut, ob ich mich nicht endlich erklären wollte, wie vorwurfsvoll aus mich gerichtet. Doch nicht genug damit! Darunter steht in echt römischem Pergamentrahmen die Photographie des Reliefs vom Triumphbogen des Titus mit dem siebenarmigen Leuchter daraus. Dabei -das Datum 9. Mai 1893. Die Photographie war mir aus rätselhafte Weise verloren gegangen. Giuditta: Ja, für dich, Aermster, war ihr Verschwinden rätselhaft. Für mich nicht, denn ich hatte sie mir einfach angeeignet, als du -sie aus Versehen bei uns liegen ließest, nachdem du uns die Darstellung auf dem Relief so sachgemäß erklärt hattest. Da dir selbst mir nie auch nur das kleinste Andenken oder Geschenk gegeben hast, habe ich mir einfach eins genommen. Ich glaube, mit gutem Recht. Edgardo: Als ich so sah, welchen Kultus du aud) nad) deiner Eheschließung mit den wenigen originellen Gedanken, die ich dir hatte bieten können, triebst, war meine Widerstandskraft erschöpft. Ich hatte nur noch die wirre Vorstellung, unrecht gehandelt zu haben, indem ich dich nicht zur Meinigen gemacht, trotz aller entgegenstehenden Bedenken. Dann fiel ich auf ein weiches Lager; und als ich wieder zur Besinnung kam, befand ich mich auf Piazza Barberini, in einer Droschke fahrend, an der Seite von Frau Dr. Rüting. Wir bogen gerade in Via Sistina ein, in der Richtung des Pincio. Mit großer Umsicht und kaltem Blute hat diese Dame gehandelt, so daß von dem Vorfälle nichts in die Zeitungen kam, und ich mich auch vor ihr nick)t allzu sehr zu schämen brauchte. Mir gegenüber machte sie von der Sache gar nichts her -und sagte nur: „Sehen Sie, Herr Doktor, sie sollten sich nicht so überarbeiten. Dadurch wird man nervös." Als wir nad) wenigen Minuten aus dem Pincio angellrngt waren, entließ sie den Kutscher, ging mit mir etwas spazieren, stieg dann von der anderen Seite des Hügels hinab und nahm unten auf Piazza del Popolo einen anderen Wagen. Wir fuhren dann bei meiner Wohnung vor, und sie schickte mich hinauf mit der Empfehlung, xd) sollte mich nur sofort zu Bett legen und tüchtig ausruhen. Nad) zwei Stunden erschien ihr Hausarzt bei mir, um nach mir zu sehen. Er konstatierte nur, id) wäre etwas überanstrengt, sollte weniger arbeiten und riet mir, aus einige Wochen in die Albanerberge zu -gehen. G i u d i t t a : Hat die Dame denn aber später nicht zu forschen gesucht, ob deine Ohnmacht vielleicht mit einer Herzensangelegenheit in Zusammenhang stünde. Edgardo: Nein, mit großem Takt ist sie nie mehr auf die Sache zurückgekommen. Nur einmal verriet sie sich durch eine Frage, aus der id) ersah, sie hatte sich alles so ziemlich glsammengereimt. Giuditta: Wie und wann denn? Edgardo: Als id) einmal mit ihr und ihrem Manne in einer Loge im Teatro Walle sitze und von Frauenschönheiten rede, sagt sie mir: „Sehen Sie, in der Loge im ersten Rang, das junge Mädchen muß Ihnen gefallen." Ich wurde ganz rot und stotterte nur: „Ja, ja, Sie haben reck)t." Denn sie hatte auf die einzige Dame angespielt, die damals in Rom dir ähnlich sah. G i u d i 11 a : Und das war? Edgardo: Ist dir nie in Gesellschaft die Marchesina Marezzi begegnet? Giuditta: Wem nid)t? Man -sieht sie ans allen möglichen Wohliätigkeitsfesten und bei offiziellen Empfängen. Mir ist sd)on mehr als einmal ihre Aehnlichkeit mit mir auf-gefallen, besonders in der Figur. Edgardo: Du meinst in der junonischen Erscheinung. Giuditta: Hast du die etwa and) sitzen lassen, wie mich? Edgardo: Nein, so weit wie bei dir habe id) es, durch die Erfahrung gewitzigt, glücklicherweise gar nicht kommen lassen. Aber ick) Protestiere von neuem gegen deine Behauptung, id) hätte did) sitzen lassen, oder wie man es hier nennt, piantata. Giuditta: Doch den Kopf wirst du wohl der armen Marchesina verdreht haben. Edgardo: Auch so weit kam es gar nid)t. Von meiner Erholungsreise in die Albanerberge zurück-gekehrt, sah id) sie zum erstenmal auf der Straße, und, wegen ihrer A-ehnlichkeit mit dir, war id) fest überzeugt, es müßte eine Stammesgenossin sein. Aber, wie groß war meine Enttäuschung, als id) sie bald darauf — es war an einem hohen katholischen Feiertag - - die Stufen zilr Kird)e des heiligen Ignatius hinaufgehen sehe: von da an kreuzten -sich unsere Wege nicht mehr. Bald darauf erfuhr id) and) ihren Namen durch einen Freund, der sie kannte. Giuditta: Also dem Stammesunterschied verdankt es die Glückliche, daß es ihr nicht ähnlich gegangen wie mir. Worüber ich mich übrigens stets gewundert habe, wenn ich did) nad) langem Zwischenraum wieder einmal vom Wagen aus ans der Straße erblickte, war dein gleichmäßiges Allssehen; und auch jetzt, wo ich nach einem Jahrzehnt zum erstenmal wieder mit dir sprechen kann, muß ich gestehen, die Zeit ist fast spurlos an dir vorübergegangen. Edgardo: Und an dir wohl nicht! Natürlich hat sich deine damals erst knospende Anmut zur Reife entwickelt. Unser beider Fall zeigt wieder einmal, wie falsch heute von Schriftstellern ähnliche Verhältnisse wie das unserige dargestellt werden. Da heißt es, jeder der beiden, der den andern stark, fast übermensd)lid) geliebt, schäme sich, ihm wieder nad) vielen Jahren unter die Augen zu kommen, um nicht selbst schöne Illusionen zu verlieren und sie nicht dem früheren Geliebten zu rauben. Giuditta: Dir hast ganz recht: eine wirklich starke Liebe konserviert beide Teile. Bewußt und unbewußt habe ich stets Mlf Erhaltung meines Aeußeren gesehen, um dir zu gefallen, sollte ich dir noch einmal in diesem Leben nahekommen. Aber

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