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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-22 · Heft 21 (22.5.1914) · p. Seite 248

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 21 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
Seite 248 (sequence 8)
Language
German
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248 In unseren jüdischen Geschichtsbüchern herrschen jedoch meist andere Prinzipien. Entweder sind es gelehrte Kompendien, die zwar der Gelehrsamkeit der Verfasser alle Ehre machen, aber infolge der Fülle des Stoffes und der unübersichtlichen Darstellung die Seele der Jugend nicht erfassen können. Dem „Schüler wird von alledem so dumm, als ging ihm ein Mühlrad im Kopf herum." Oder es sind — und das ist meistens so — Leitfäden. Aber der Leitfaden matzt sich zu Unrecht die Bezeichnung „Lehrbuch" an, das doch lebendige Darstellungen bieten, Begriffe entwickeln und sich einer möglichst lebhaften Sprache bedienen soll, die überall zu gegenständlichem Denken anregt. Ter Leitfaden ist bestenfalls, wie „Neins Encyklopädisches Handbuch der Pädagogik" treffend aussührt, ein logisch geordnetes Verzeichnis von Regeln und Gesetzen, von Namen und Zahlen. Dementsprechend ist auch sein Stil: gedrungen, oft nur andeutend — besserer Telegraphenstil. Kein einziger Lehrer wird es billigen, daß in irgendeinem Fach der Stoff ohne weiteres nach einem Leitfaden eingeprägt werde und zwar weder in, noch außer der Schule. Ob aber in diesem Falle nicht die Theorie der goldene Baum ist und die Wirklichkeit grau? Wir befürchten, das Goethesche Wort kehre um sich. Oder entfließen die hundert und hundert Nanien und Zahlen, welche man in einer Geschichtsprüfung hören kann, aus klaren Anschauungen, aus vollem Verständnis der damit zusammenhängenden Ereignisse? Oder lösen sie im Herzen der Jugend Regungen für Gemüt und Willen aus? Man wende nicht ein, das Leitfadenwissen sei doch nicht so nutzlos, es bilde doch eine „gute Unterlage, aus der später weiter gebaut werden könne." Das ist eine durchaus falsche Meinung. Das Leidsadenwissen ist ein psychisches Gift. Es erzeugt das lebendige Interesse und stumpft den Geist ab. Es erzeugt Wort- und Klopffechter und ertötet alle Lernfreude. Nein, nein! Die Leitfäden sind Leidfäden, sind Fäden für die Schlinge, durch welche das lebendige, weiterstrebende Interesse, das kostbarste Erzeugnis alles Unterrichts, erwürgt wird. Die Schule wird darum zur Mitschuldigen, wenn sie die Leitfäden als Hilfsmittel für den Geschichtsunterricht benutzt, und sie ist dann mitverantwortlich für das geringe Interesse weiter jüdischer Kreise in Fragen, die das Judentum und seine Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart berühren, und sie ist weiterhin mit Schuld an dem aus der Unkenntnis der jüdischen Geschichte und Lehre geborenen Mangel jüdisch-geschichtlichen Bewußtseins, und an dem überzeugungslosen Abfall vom väterlichen Glauben. Um so dankbarer begrüßte man daher in Fachkreisen allenthalben die vor zwei Jahren erschienene „I ü d i s ch e Geschichte in Charakterbildern", von S. Müller, der bereits in seinem biblischen Geschichtswerk neue Bahnen erfolgreich betrat, und nun einmal den ungeheuren Wissensstoff der nachbiblischen jüdischen Geschichte pädagogisch verarbeitete. Bon dieser jüdischen Geschichte, die eine für jüdische Lehrbücher ungewohnte Beachtung auch in nichtjüdischen Kreisen, in der pädagogischen wie in der Laienwelt, erfuhr, liegt bereits eine „Große Ausgabe"*) vor. Das Buch stellt nach der biographischen Methode die großen, führenden Persönlichkeiten in den Vordergrund der Darstellung, wahrt aber doch überall den Chacakter zusammenhängender Geschichtsbetrachtung. Man mag vielleicht wünschen, daß diese oder jene Persönlichkeit eine eingehendere oder kürzere Würdigung gefunden hätte, die Ueberzeugung wird aber jeder, der das Buch ohne Voreingenommenheit prüft oder gar in der Praxis erprobt hat — sofern er nur, um ein Kantsches Wort zu variieren, „nicht fordert, was man selbst nicht leisten, tadelt, was man doch nicht besser y S. Müller: „Jüdische Geschichte von der Zerstörung des ersten Tempels bis zur Gegenwart, in Charakterbildern dargestellt". Große Ausgabe. 3,20 Mark. I. B. Metzler, Stuttgart. machen kann, und vorschlägt, wovon man selbst nicht weiß, wo es zu finden ist" — von dem Buche gewinnen, daß mit ihm ein großer Wurf gelungen ist. Da herrscht nicht das leitfadenmäßige Prinzip des Stoffes, da ist die Stoffülle methodisch gemeistert, da weht ein erfrischender, religiöser Hauch uns entgegen, kein enggeistiges Auspeitschen parteireligiöser Gegensätze, sondern ein durch und durch jüdisches, einigendes, versöhnendes Gefühl. Das ist für sich schon ein nicht hoch genug zu wertender Vorzug eines Schulbuches, bestehende Gegensätze, die Anfeindung und soziale Trennung Hervorrufen, zu mildern. Da wird, was in keinem derartigen Lehrbuch bisher zu finden war, endlich der Neuzeit eine klare, geschickt orientierende Behandlung im Lichte der gesamt-geschichtlichen Verhältnisse zuteil. So trägt dieses Buch an sich alle Voraussetzungen, dem Leitfadenunwesen ein Ende zu machen. Wenn ich von Hemmungen spreche, die auf dem jüdischen Geschichtsunterricht lasten, so muß noch aus zwei recht fühlbare Mißstände hingewiesen werden. Es fehlt uns eine pädagogische Instanz für die Beurteilung von N e u e r s ch ei n u n g e n auf dem jüdischen Lehrmittelmarkte. Eine solche Instanz müßte schon in ihrer Zusammensetzung die Gewähr dafür bieten, daß nur bewährte, in der Praxis erprobte Fachmänner, Theologen und Pädagogen, zu Worte kämen. Nicht, als ob sich ihre m Diktum dann die ganze Fachwelt zu unterwerfen hätte! Aber die unverantwortliche Kritik würde sich so leicht nicht breit machen können, und Religionsbehörden, denen kraft ihres Amtes die Beurteilung von Schulbüchern obliegt, könnten nicht achtlos an dem Votum dieser Instanz vorübergehen, ohne sich der Lächerlichkeit der kundigen Fachwelt auszusetzen. Eine solche Instanz würde aber auch von selbst den anderen Uebelstand, daß für die Einführung von Schulbüchern oft ganz äußere Gründe (wie die „guten" Beziehungen des Verlegers zu der Schule, oder Rücksichten auf den einflußreichen Verfasser, oder Pietät gegen den verstorbenen Verfasser) bestimmend sind, auf ein erträgliches Maß zurückführen. Für die Einführung von Schulbüchern sollte nichts anderes als das höhere Interesse der Schule maßgebend sein. Ich hielte es für ein außerordentlich notwendiges und segensreiches Beginnen, wenn der Deutsche Rabbiner- und Lehrerverband sich zu einer solchen p äd a g o g i s ch e n Kommission zusammenfände. Das wäre ein außerordentlicher Schritt, um den jüdischen Religionsunterricht, insbesondere den jüdischen Geschichtsunterricht emporzuheben. Mach zwanzig tzahrml Schauspiel in einem Aufzug von Ermanno Loevinson. gEsggy. r&äm. (2 Fortsetzung.) iuditta: Also, meine Telephonnummer kanntest du! Da hätte doch jeder andere, der so mit mir gestanden wie du, mir einmal telephoniert. Offen gestanden, mir war mehr als einmal so, als ob du es tun m ü ß t e st, besonders wenn ich von einer Stimme mit ausländischem Akzent ans Telephon gerufen wurde. Wie klopfte mir da jedesmal das Herz! Wie einem Backfisch von 14 Jahren. Edgardo: Und mir klopfte es nicht minder, als Frau Rüting in den Hausflur des von euch bewohnten Palazzo trat und den Portier fragte, ob die zweite Etage zu besichtigen sei. In welchem Stockwerk ihr wohntet, wußte ich nicht, hatte es auch absichtlich nie in Erfahrung bringen wollen. Hatte ich doch sogar, soweit wie irgend möglich, jene ganze

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