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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-22 · Heft 21 (22.5.1914) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 21 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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247 bewies durch Stiftungen und Zuwendungen ihre nie ermüdende werktätige Anteilnahme; Dr. Paul Meyer, der älteste Sohn, gehört seit Begründung der Anstalt ununterbrochen dem Kuratorium an, dessen Schriftführer er eine Zeitlang war und an dessen Geschäften er selbst nach seinem Wegzüge aus Berlin bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit aufs eifrigste teilzunehmen sich bemüht zeigte; auch der zweite Sohn, Georg Meyer, war viele Jahre hindurch Mitglied des Kuratoriums, in welchem er das Amt des Kontrolleurs bekleidete und dabei eine lebhafte und ersprießliche Tätigkeit entfaltete. Mit Recht betrachtete die Lehranstalt die Geburtstagsfeier des Oberregierungsrats Dr. Paul Meyer als eine Anstaltsseier. Sie benutzte die Gelegenheit, ihrem Mitbegründer und eifrigen Förderer ihre Anhänglichkeit und Dankbarkeit zu beweisen, indem sie ihn zum immerwährenden Ehrenmitglieds ernannte. Wir bringen im folgenden die Adresse, in der dem Jubilar von der Ehrung Kenntnis gegeben wurde, zum Abdruck, weil darin seine und seiner Familie hohen Verdienste um die Hochschule in besonders prägnanter Weise gekennzeichnet werden. Die Ueberreichung der Adresse erfolgte durch den Vorsitzenden des Kuratoriums, Herrn Geheimen Justizrat Dr. Herman Veit Simon, der zur Feier nach Frankfurt reiste, um aus diese Weise auch äußerlich die lebhafte und unmittelbare Anteilnahme der Lehranstalt zu dokumentieren. Die Adresse lautet: Hochzuverehvender Herr Oberregierungsrat! In inniger Dankbarkeit bringt Ihnen die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu Ihrem heutigen siebzigsten Geburtstage tiefempfundene Glückwünsche dar. Sind Sie doch, als ältestes Mitglied unserer Körperschaft, mit unserer Anstalt seit den ersten Tagen ihres Bestehens bis auf den heutigen Tag durch eifrigste Anteilnahme an ihrer Begründung und dann später an ihrer Verwaltung aufs engste verknüpft. Im Hause Ihrer in der Geschichte der Lehranstalt -unvergeßlichen Eltern hat der Plan der Errichtung einer Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zuerst feste Gestalt gewonnen. Als es Ihrem in Gott ruhenden -Vater, infolge seines allzu frühen Todes nicht vergönnt war, seine hochherzigen Gedanken zu verwirklichen, haben Sie im Verein mit Ihrer edlen Mutter die Fürsorge für das junge Institut als teures Vermächtnis übernommen. Unsere Anstalt hatte in der Folge nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte schwerer Kämpfe zu bestehen, und in ernster Sorge um ihre Existenz zu ringen; immer wieder war es die Familie Moritz Meyer, deren stete Fürsorge und unverdrossene Hilfe ihr die Existenz und eine gesteigerte Wirksamkeit möglich machten. Auch seitdem die Lage der Lehranstalt eine bessere geworden ist, haben Sie uns Ihren sachkundigen Rat und Ihre reiche Erfahrung nicht entzogen und durch Ihre werktätige Hilfe die Anstalt und ihre Hörer in reichem Maße gefördert. Zu unserer und" zu Ihrer Freude können wir heut mit größerer Zuversicht in die Zukunft blicken — können wir hoffen, daß die Saat, die Sie und die Ihrigen mit anderen edlen Männern und Frauen gepflanzt, aufgehen wird. Der mitunterzeichnete Vorsitzende des Kuratoriums hat bei der Trauerfeier für Ihre Heimgegangene Frau Mutter es ausgesprochen: „Die Geschichte der Lehranstalt ist bis auf den heutigen Tag zugleich die Geschichte der werktätigen Teilnahme, welche die Familie Moritz Meyer unserer Lehranstalt widmete". Dies Wort hat auch jetzt noch vor allem Geltung für Sie, hochverehrter Jubilar. Ihre Tätigkeit in unserem Kuratorium hatte gerade in den letzten Jahren für uns einen besonderen Wert. Alles Menschliche ist einem danernden Wechsel unterworfen. Die Entwicklung kennt keinen Stillstand, die der Gesamtheit dienenden Einrichtungen sind dem Fortschritt ebenso unterworfen, wie die Individuen. Aber eine gesunde Entwicklung darf nicht sprunghaft oder stoßweise, sondern nur organisch geschehen, und dies bedingt bei Institutionen, wie der unsrigen, eine gewisse Tradition, die weiter ausgebaut, aber doch in ihren Grundzügen festgehalten werden muß. Sie, hochverehrter Herr Oberregierungsrat, der Sie an der Wiege der Lehranstalt standen und ihr inneres und äußeres Wachstum verständnisvoll förderten und begleiteten, waren der lebendige und selbstbewußte Träger dieser Tradition und hielten vor allem an dem Grundsatz fest, daß nur eine selbständige, von den Parteigestaltungen der Gemeinden unabhängige Pflegeftätte voraussetzungsloser Wissenschaft des Judentums den Idealen der Gründer unserer Hochschule und den Lebenserfordernissen unserer Gemeinschaft entspricht. Das danken wir Ihnen noch besonders und wollen nicht verfehlen, es am heutigen Tage auszusprechen. Aus Anlaß Ihres bevorstehenden 70.jährigen Geburtstages und in Würdigung Ihrer unvergänglichen Verdienste um unsere Lehranstalt, hat die am 26. April stattgeh-abte Generalversammlung einstimmig beschlossen. Ihnen die immerwährende Ehrenmitgliedschaft zu verleihen. Indem wir Ihnen davon Mitteilung machen, verbinden wir damit zugleich den innigen Wunsch, daß Sie Ihrer Familie und unserer Anstalt noch recht lange in gewohnter Kraft und Frische erhalten bleiben, und daß es Ihnen vergönnt sein möge, nachdem Sie die Leidensjahre und den glücklichen Ausstieg der Anstalt mitgemacht haben, in Freude an der weiteren Festigung unseres Instituts teilzunehmen. Das walte Gott! Jüdischer Geschichtsunterricht. Von Oberlehrer D. S o m m e r, Pforzheim. osegger hat einmal bitter darüber geklagt, daß die Art der Geschichtsbehandlung in der Schule unfruchtbar sei und das natürliche Interesse an diesem an sich so interessanten Unterrichtsgebiet nicht selten geradezu ersticke. Da werde Zahl an Zahl gereiht und ein Ereignis aus das andere gehäuft, die Geschichte als eine Kette ununterbrochener Kriege dargestellt. Das, was wirklich groß ist und dauernden Werk hat, das Kulturgeschichtliche, die großen Persönlichkeiten, die ihrer Zeit das Gepräge gaben und die Jugend wirklich mit Bewunderung und Begeisterung erfüllen können, tritt weit zurück hinter dem gedächtnismäßig-passiven Wissensstoff. Rosegger hat recht. Der von ihm gezeichnete Geschichtsunterricht entspricht nicht den Anforderungen der Pädagogik; er wird Steine reichen statt Brot. Noch unfruchtbarer ist dieser Weg bei der Behandlung der jüdischen Geschichte, die doch vor allem Geistesgeschichte und darum für die Charakterbildung besonders geeignet und wertvoll ist. Jeder Praktiker -- ich sehe dabei von jener gewissenlosen, aber bequemen und darum so lieb gewordenen Praktik ab, die sich darin Genüge tut, ein Pensum in der Schule zur gedächtnismäßigen Aneignung „auszugeben", und dann in der nächsten Stunde „abzuhören" — weiß es, mit welcher Aufmerksamkeit die Schüler, kleine und große, aushorchen, und wie ihre Augen leuchten, wenn ihnen ein Charakterbild vorgeführt wird, das aus dem geistigen, religiösen, politischen und sozialen Milieu seiner Zeit herauswächst, seine Mitwelt bald überragt und der Nachwelt ein Beispiel an Fleiß und Tatkraft, an Ausdauer und standhaftem Dulden ist. Aber auch der beste Geschichtsunterricht wird nur einen Augenblickserfolg, keine nachhaltige Wirkung erzielen, wenn für die Befestigung und Vertiefung der im mündlichen Unterricht gewonnenen Kenntnisse und Gefühls- und Willenseindrücke dem Schüler nicht ein Lehrbuch geboten ist, das nach denselben Grundsätzen bearbeitet ist, die für die mündliche n Darbietungen maßgebend sind.

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