Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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und bildhaft sichtbar kommt darin das Sichdurchdringen und Sichdurchsetzen, das Sichemporarbeiten und Sichbehaupten zum Ausdruck. Man glaubt förmlich den Prozeß zu erleben, den gewaltigen Kraftaufwand direkt wahrzunehmen. Allein, schwerer noch als die Erringung einer ökonomischen Position war dem Juden der Kampf um die soziale Stellung. Der Platz an der Wirtschaftssonne ist groß und im allgemeinen für den Tüchtigen erreichbar; der Platz am Gesellschaftstische ist von geringem Umfang und zudem durch Vorurteile schwer zugänglich. Hohe Intelligenz, bedeutendes Können, starkes Pflichtbewußtsein, untadeliger Charakter bilden in diesem Falle die unerläßlichen Voraussetzungen, die erst erfüllt sein müssen, wenn überhaupt nur mit der Möglichkeit eines Erfolges gerechnet werden soll. Gewiß gehören auch Glück und Zufall dazu, denen, wie gewöhnlich im Leben, vielfach ja doch die entscheidende Rolle zu spielen Vorbehalten bleibt. Aber Glück und Zufall vollziehen hier nur die Auslese, geben nur den letzten Ausschlag in dem Prozeß, der aus der Schar der Berufenen die geringe Zahl der Auserwählten heraushebt. So darf bezüglich der wenigen Juden, die im Gesellschasts- und Staatsleben zu hoher Stellung gelangt sind, mit vollem Recht gesagt werden, daß allein die Tatsache, eine solche Stellung erreicht zu haben, bei ihnen von vornherein und gleichsam deduktiv auf den Besitz hervorragender Qualitäten schließen läßt. Und zu diesen wenigen zählt auch O b e r r e g i e r u n g s - rat D r. P a u l M e h e r. Am 18. Mai 1844 als Sohn des Stadtrats und Stadtältesten Moritz Meyer in Berlin geboren, besuchte er hier zunächst das Friedrich-Wilhelmsgymnasium, und widmete sich dann dem Studium der Rechtswissenschaft. Während des Krieges von 1870/71 war er bei der Zentralstelle des Kommissars und Militärinspekteurs der freiwilligen Krankenpflege tätig. Im Januar 1872 legte er sein Examen als Gerichtsassefsor ab und trat zwei Jahre daraus in die Staatseisenbahnverwaltung bei der Direktion der Main-Weser-Bahn in Kassel ein. Als Regierungsassessor war er zunächst bei dem Betriebsamt der Lstbahn in Berlin beschäftigt, wurde hieraus 187!» zum Direktor des Betriebsamts der Berg.-Märkischen Bahn in Kassel ernannt und dann 1885 unter Ernennung zum Regieruugsratdirektionsmitglied der Eisenbahndirektion in Köln a. Rh. Im Jahre 1895 wurde er bei der Neuorganisation der Eisenbahnverwaltung als Oberregierungsrat an die Eisenbahndirektion in Elberfeld und 1901 an die Direktion in Frankfurt a. M. versetzt, wo ihm zugleich die Funktionen eines stellvertretenden Präsidenten der Eisenbahndirektion zufielen. Auch nach seinem im Jahre 1907 erfolgten Uebertritt in den Ruhestand behielt er Frankfurt zu dauerndem Wohnsitz. Geh. (dberregierungsrat Dr. Paul Meyer geb. 18. Mai 1844. Neben seiner beruflichen Tätigkeit wirkte Oberregierungsrat Dr. Paul Meyer überaus segensreich auch auf sozialem Gebiete, für das er von jeher lebhaftes Interesse an den Tag legte. Während seines Aufenthaltes in der Reichshauptstadt war er Mitbegründer des Berliner Vereins für Ferienkolonien, dessen erster Vorsitzender er mehrere Jahre hindurch war, und in dieser Eigenschaft sich sehr rege betätigte. In Frankfurt gehörte er dem Vorstand des Vaterländischen Frauenvereins an. Außerdem ist er Mitglied des Berliner Vorstandes und Vorsitzender der durch die Zugehörigkeit Paul Ehrlichs besonders hochgewerteten Frankfurter Ortsgruppe der Internationalen Gesellschaft zur Bekämpfung der Malaria in Jerusalem. All das freilich wird weit übertroffen durch sein Wirken im Dienste der LehranstaltfürdieWissenschast des Judent u m s, an die ihn neben dem innigen persönlichen Interesse auch noch ein starkes Gefühl kindlicher Pietät fesselt. Denn ohne Uebertreibung dürfen wir sagen, daß die Begründung und spätere Ausgestaltung dieses Instituts, sowohl in materieller wie in moralischer Beziehung, zum überwiegend großen Teile das Werk der Eltern unseres Jubilars waren. Die Schaffung einer Pslegestätte für jüdische Wissenschaft, einer „jüdisch-theologischen Fakultät", wie man sich gern auszudrücken pflegte, wurde seit dem Eintritt der Juden in die bürgerliche Oiemeinschaft allgemein als dringendes Bedürfnis empfunden. Aber indem gerade unter diesem Gesichtswinkel die Idee von Anfang an sehr großzügig erschien, mußte ihre Ausführnng auf immer unüberwindlichere Schwierigkeiten stoßen und immer weitere Verzögerungen erfahren. Je höher das Ideal, um so unsicherer bekanntlich seine Verwirklichung. Biele Jahre waren auf diese Weise verstrichen, ohne daß die Angelegenheit ihrem Ziele näherkommen zu wollen schien. Erst als der Stadtrat Moritz Meyer in Berlin für den Plan gewonnen war, vermochte er Gestalt und Leben anzunehmen. Der Gedanke der „Errichtung einer höheren' Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" fand in Moritz Meyer einen warmherzigen, hingebenden Förderer, der mit edlem Enthusiasmus die Beratungen über die Angelegenheit aufnahm und in hochsinniger Bereitwilligkeit sofort den Grundstock für die Mittel der Stiftung zur Verfügung stellte. Leider war es dem hochedlen, vom Glauben seiner Väter völlig durchdrungenen und auf dessen Erhaltung und Vertiefung stets bedachten Mann nicht vergönnt, die Früchte seiner Bemühungen selber zu schauen; noch ganz inmitten der Vorbereitungen wurde er aus dem Leben abberufen. Aber an seine Stelle trat seine Familie, die das begonnene Werk hinfort wie ein heiliges Vermächtnis ansah und in pietätvoller Treue sich dessen weitere Ausgestaltung stets angelegen sein ließ. Frau Nanny Meyer, die Witwe des Verstorbenen,