Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
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245 und Liebermann v. Sonnenberg sind längst vergessen und auch die neue Namenstause der versprengten Teutonen wird die „Deutschvölkischen" nicht mehr auf die Beine bringen; trotz Herrn Bruhn, M. d. R., der noch alle acht Tage in seiner „Wahrheit" das Sündenregister des Judentums aufzeigt. Bei dieser Sachlage ist es verständlich, daß unbedingt irgend etwas geschehen muß, um das „wahre Deutschtum" wieder zu Ehren zu bringen. Diesem Zwecke dient die sogenannte „Sigfridsgilde Deutschen Ordens" und die „Deutschreligiöse Gemeinde in Berlin". Bor kurzem hat die einem „dringenden Bedürfnisse" entsprungene Gründung den Versuch gemacht, Mitglieder zu werben. Es ergingen Einladungen in großer Zahl zu einer Morgensprache im Landwehrossizierkasino, welche mit der Anrede begannen: „Ew. Deutschgeboren" und die Bemerkung enthielten: „Sippenangehörige und sonstige Gäste deutschen Blutes und Willens sind willkommen; zu ihrer Einführung wolle man sich beiliegender Karte bedienen." Die beiliegende Karte hate folgenden Inhalt: „Die werten Gäste der Sigsridsgilde Deutschen Ordens und der Deutschreligiösen Gemeinde zu Berlin werden gebeten, die nachstehende Erklärung genau und deutlich zu unterschreiben und diese Karte beim ersten Besuch am Eingang abzugeben, wo weitere Vordrucke zur Verfügung stehen. Geladen ist nur, wer mit gutem Gewissen bekennen kann: Ich versichere an Eides Statt, daß ich deutscher, d. i. germanischer Abkunst und meines besten Wissens von jüdischem und farbigem Bluts-- einschlage frei bin, auch meine Nachkommen aus gleichem, reinem Geblüte habe oder haben werde." Die verlangte Erklärung ist recht belästigend. Sie soll an Eides Statt abgegeben werden. Ob da jeder „Gesinnungsgenosse" erst eine Blutuntersuchung an sich wird vornehmen lassen müssen? * Aus Petersburg wird uns geschrieben: Die Judenfrage wird von Tag zu Tag akuter. Jeder Tag bringt neue Beschränkungen nnd Maßregeln, die den einzigen Zweck haben, den Juden das Leben unerträglich zu machen. Es ist das beliebteste, einfachste Mittel, sich lieb Kind bei der Regierung zu machen. Will ein Beamter Karriere machen, so muß er bloß sich „an die Juden machen", wie der klassische Ausdruck lautet. Und die Verwaltungsbeamten aller Kategorien zeigen eine wahrhafte Virtuosität auf diesem Gebiete. Ausweisungen, Rechtsverletzungen, Rechtsverweigerungen sind an der Tagesordnung. Jeder Gouverneur, ja jeder Polizeikommissar wird zum unverantwortlichen Gesetzgeber und Gesetzesdeuter in der Judensrage. Jede noch so grausame, sinnlose monströse Versügung gegen Juden wird von der Zentralregierung gutgeheißen und entsprechend belohnt. Nun hat die Regierung selbst einen neuen Feldzug gegen die Juden eröffnet, und zwar auf dem wirtschaftlichen Gebiet. Das ist das „Programm" des neuen Ministers Bark. Wenn sonst alle neuen Besen gut kehren, so bildet Bark eine Ausnahme. Seine Ministertütigkeit hat recht unglücklich begonnen. Er hat in der Duma ein Programm entwickelt, das alle verständigen Menschen in Rußland stutzig machte. Leere Phraseologie, nichtssagende Floskeln, aufs Geradewohl zusammengeslickte Ziffern und — Potemkinsche Dörfer. Nun heißt es in seiner Rede, das Ziel der Regierung bestehe darin, die Genossenschaften auf dem Lande zu fördern, die Schnapsbuden aber zu bekämpfen. Das klingt sehr schön, aber wer die Negierung am Werke sieht, wer da sieht, wie die Genossenschaftsbewegung unterdrückt, gedämpft, verfolgt wird, dem klingen die Worte des neuen Ministers wie ein schlechter Scherz. Aber — einen Clou hat Bark doch auf Lager — die Nationalisierung des Handels, das heißt die Verdrängung der Juden aus dem Geschäftsleben. Und wie soll dies zu erreichen sein? Aus eine ganz einfache Weise. Es sollen die anonymen Aktiengesellschaften verboten werden. Jede Aktie muß eben den Namen des Inhabers tragen. Und damit die Juden nicht in den Besitz dieser Aktien gelangen, so soll die Verfügung in Kraft treten, wonach Juden nur an solchen Aktiengesellschaften sich beteiligen dürfen, die über nicht mehr als 200 Deßjatinen Grund oder Jmmobilien versügen. Mit anderen Worten — die Juden werden von sämtlichen großen Geschäftsunternehmungen ausgeschlossen. Nun bedeutet diese Maßregel einen Ruin der russischen Volkswirtschaft und des russischen Handels. Professor Bernatzki hat im „Rutzkoje Slowo" sich dahin geäußert, daß in dem Augenblicke, wo dieses Regierungsprojekt Gesetz wird, Rußland in wirtschaftlicher Hinsicht auf viele Jahre hinaus zurückgeworfen wird. Aber was kümmert die Regierung der Volkswohlstand? Die Hauptsache ist, dem Juden am Zeug zu flicken. In den fortschrittlichen russischen Kreisen ist man nun zur Erkenntnis gekommen, daß die russische Gesellschaft sich endlich mit größerem Nachdruck der Judenfrage annehmen muß. Dies war auch der Grund der ungewöhnlichen, außerordentlich packenden Rede, die der Abgeordnete Nekrassow vor einigen Tagen, über die Judenfrage hielt. Besonders hinreißend war der Schluß der Rede, als er die Juden apostrophierte und ihnen die Sympathie und die Achtung des progressiven russischen Volkes aussprach. Es war eine erschütternde Rede. Der Redner selbst war so stark ergriffen, daß er nach der Rede in Ohnmacht gefallen ist. Gewiß, tiefempfundene Worte sind doch nur Worte, und den Inden wird wenig geholfen, aber diese Rede hat eine enorme Wichtigkeit für die russische Gesellschaft. Denn in den russischen Kreisen — sogar in den liberalen — hat sich allmählich die Ansicht festgesetzt, daß die Juden recht- und schutzlos sind und sein sollen, daß eine Verfassung sich ganz gut mit der Rechtlosigkeit der Juden verträgt. Muß doch jede Regel eine Ausnahme haben! Bei der Passivität des russischen Charakters ist eine solche Stimmung sehr gefährlich. Es war also ein Verdienst Nekrassows, die Judensrage wieder aufgerollt und in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt zu haben. * lieber eine plötzliche Reise des russischen Finanzministers zum Zaren, die vermutlich mit den neuen Rechtsbeschränkungen der Juden im Zusammenhänge steht, wird dem „B. T." aus Petersburg, den 16. Mai, gedrahtet: Iinanzminister Burk ist heute abend, einer plötzlichen, ihm gänzlich unerwarteten Aufforderung folgend, nach Livadia abgereist. In Regierungs- und Finanzkreisen mißt man der Reise große Bedeutung bei und erklärt sie einerseits mit den letzten Projekten neuer Rechtsbeschränkungen der Juden bei Aktiengesellschaften, die eine direkte Panik an der Börse zur Folge hatten, andererseits mit neuen Ernennungen im Finanzressort. * Die „N. I. K." berichtet über die Bestrafung einer judenfeindlichen Zeitschrift: Der Großrabbiner der Türkei, Haim Nahum, hat beim Minister des Innern, Talaal Bei, Vorstellungen erhoben, wegen der gehässigen Kampagne einzelner arabischer Zeitungen in Palästina gegen die dortige jüdische Bevölkerung und insbesondere gegen das jüdische Kvlvnisationswerk. Rabbi Nahum wies namentlich aus die judenfeindliche Hetze der Zeitung „Philistin" (Palästina) in Jaffa hin, und hob hervor, daß solche Preßtreibereien geeignet seien, das gute Einvernehmen zwischen der jüdischen und der arabischen Bevölkerung des Landes empfindlich zu stören und unter Umständen ernste Unruhen hervorzurufen. Der Minister des Innern wies daraufhin die Jaffaer Lokalbehörde telegraphisch an, ein Strafverfahren gegen die Zeitung „Philistin" einzuleiteu. Gleichzeitig ging eine Verfügung an die palästinensischen Behörden, in der ihnen aufgetragen wird, mit aller Strenge gegen Personen vorzugehen, die in der Presse feindselige Artikel gegen einzelne Volksstämme ltnb Glaubensgemeinschaften veröffentlichen. MrrregieruusOrst Sr. Oaul Meyrr. (Zum 70. Geburtstage *8. Mai 1914.) Bon Dr. Alphons I. Sußnitzki. eusiedler müssen die Augen offenhalten, damit sie sich in der neuen Lage rasch zurechtsinden; müssen achlhaben auf ihr Vorgehen, damit sie sich unter den neuen Verhältnissen ihren Unterhalt erwerben. Wenn die Alteingesessenen in ihren warmen Betten liegen, stehen sie draußen in der frischen Morgenluft und müssen erst trachten, sich ein Nest zu bauen. Draußen stehen sie: allen Eingesessenen gegenüber als Eindringlinge. Und in freier Luft stehen sie: ihre wirtschaftliche Energie wird stärker angespornt." Es ist eine der wenigen mir sympathischen Wendungen in dem sonst recht unerquicklichen Judenbuche Sombarts. Schön