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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-22 · Heft 21 (22.5.1914) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 21 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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242 Solches Aussehen hat also die Hilfsvereinsarbeit für den unbeteiligten Zuschauer, und der organisierte Zionismus bekämpft sie unter der Parole, sie verrate das Judentum um deutscher Interessen willen! Es ist wirklich zuweilen sehr schwer, keine Satire zu schreiben! Interessant ist auch, wenn Lorch sagt: „Letztere (die zionistische Partei) glaubt sich als Herrin Palästinas gebärden zu müssen, tritt überall in der Welt mit Selbstbewußtsein als die alleinberechtigte Vertreterin des Judentums auf und führt einen Kampf aufs Messer gegen alle jüdischen Organisationen, die noch eigenen „Willen lind eigene Ziele haben". Wenn man auch in solchen innerjüdischen Angelegenheiten auf Stimmen aus der christlichen Welt nicht allzu viel zu geben braucht, so ist doch interessant zu beobachten, wie jene Kreise genau dasselbe Empfinden haben wie wir. „Eine shstematische Kritik der zionistischen B e w e g u n g ans Grund einer Erkenntnis ihres gedanklichen Aufbau?-" versucht die Broschüre von Herbert Weil und Karl Landauer zu geben, welche ihren ablehnenden Standpunkt schon im Titel: „Die z i o - n i st i s ch e ll t o p i e" zum Ausdruck bringt. Die Stärke dieser Veröffentlichung liegt in der Kritik. Während in der öffentlichen Diskussion in letzter Zeit besonders die religiösen Momente eine Rolle gespielt haben, während man also den Zionismus bekämpft hat rein vom Standpunkt des Indent u m s aus, behandelt diese Schrift die Frage fast nur auf allgemeiner, wirtschaftlicher und rassengeschichtlicher Grundlage. Dem nationalen Gedanken wird die Assimilation als erstrebenswertestes Ideal gegenübergestellt; freilich leidet gerade dieser Begriff in der Arbeit aus Mangel an einer ausreichenden Definition an einer bedauerlichen Unklarheit, auf die wir noch zu sprechen kommen. Was die Verfasser an kritischem Material für die Beurteilung des Zionismus bringen, ist ganz vortrefflich zusammengestellt. Ihre Ausführungen zur Rassenfrage sind maßvoll gehalten, bringen wissenschaftlich zwar nichts Neues, heben aber das für das Judentum Wesentliche geschickt hervor, daß nämlich die sogenannte Rassenkonstanztheorie als abgetan gelten kann und daß „dieMöglichkeiteiner langsamen Assimilation s e l b st ohne jede physische R a s s e n m i s ch u n g l e d i g l i ch als" Wirkung des gemeinsamen Knlturmilieus mind e st e n s wahrscheinlich erscheint". Der Zionismus legt nun — besonders in seinen offiziellen Aeußerungen — weniger Wert aus die Unmöglikcheit einer physischen Angleichung; er behauptet vielmehr, daß vornehmlich soziologisch jede Assimilation ausgeschlossen sei und daß Antisemitismus auf rassenmäßiger Grundlage und Rassenbewußtsein der Inden unüberwindliche Hindernisse darstellen. Dieser Anschauung treten die Verfasser in durchaus überzeugender Weise entgegen. Wenn man auch gerade vom religiösen Standpunkt aus sich durchaus nicht mit allen ihren Meinungen identifizieren wird, so ist es doch sehr nützlich, wenn manche fast dogmatisch gewordene Anschauung RuPPins über Assimilation und Mischehe in ihrem Verhältnis zum Antisemitisvuls und zur Emanzipation hier eine, wenn auch oft nur angedeutete Widerlegung findet. Hoffentlich regen diese Ansätze der Broschüre zu einer wirklich kritischen Bearbeitung der RuPPinschen Lehrsätze au. Weiterhin wird die Frage behandelt, ob der Zionismus eine Lösung der Judenfrage in den Ländern westeuropäischer Kultur bedeute. Hier wird es dem Verfasser nicht schwer, zu zeigen, wie der Zionismus, der ja für die westeuropäische Judenheit als Ganzes nur eine Lösung in der Idee, nie aber in der Praxis zu geben vermag, höchstens dazu beitragen kann, durch Vergrößerung des Kulturäbstaudes die kritische Lage von heute noch mehr zu erschweren. In der Tat ist es nach jeder Richtung — politisch wie wirtschaftlich und kulturell — eine Torheit, sofern man nicht bereits die sichere Aussicht hat, ein befriedigendes Unterkommen und Arbeitsgebiete für die nicht unerheblichen Judenmassen des Westens zu haben, sie noch mehr ihrer Umgebung zu entfremden, sie also zunächst einmal kulturell lahmzulegen. Es ist auch vollständig richtig hervorgehoben, daß selbst nach der Schaffung eines solchen Kulturzentrums sich für jene, die auf seinem Boden nie gelebt haben, die innerlichen und äußeren Schwierigkeiten nur noch vermehren würden. Die Verfasser behaupten mit Recht, daß es keinen Ersatz für das nationale und kulturelle Solidaritätsempfinden mit dem Volke bieten könne, unter dem man lebt, für alle jene Gefühlsbeziehungen, die den Juden und den Nichtjuden trotz aller Verschiedenheit miteinander und mit dem Heimatbvden verknüpfen. Auch für die Ostjuden sehen die Verfasser im Zionismus keinen irgendwie erheblichen Fortschritt. Bestenfalls kann der praktische Zionismus in absehbarer Zeit bei noch so kräftiger Entwicklung nur eine Hilfe für einen ganz geringen Bruchteil der Ostjuden bringen. Und so sehr man diese praktische Kolonisationsarbeit wie jede andere im Interesse der Ostjuden begrüßen mag, eine L ö s u n g der Judensrage stellt sie keineswegs dar. Auch für diesen Teil der Judenheit bedeutet die Schaffung des Kulturzentrums nichts, da den Ostjuden zunächst einmal nicht mit Universitäten und Bibliotheken, sondern mit Arbeitsgelegenheit und Brot gedient ist. Das Buch wendet sich sodann der Möglichkeit einer Verwirklichung des z i o n i st i s ch en P r o g r a m m s zu und zerlegt die Frage in zwei Teile. Es wird untersucht, ob das zionistische Gemeinwesen in Palästina lebensfähig ist, und ob cs möglich ist, die in Europa zurückbleibenden Juden vor Assimilation zu bewahren. In der ersten Frage sehen die Verfasser die Hauptschwierigkeiten in den wirtschaftlichen Verhältnissen, in der Arbeiterfrage, in der Kluft, die zwischen Ost- und Westjuden gegenwärtig kulturell besteht, und die sich im Gemeinwesen in einen wirtschaftlichen Gegensatz verwandeln inüßte, indem jene die Proletarier, diese die kapitalistischen Unternehmer darstellen würden. Die zweite Frage verneinen die Verfasser kurzweg, und so hält nach ihrer Anschauung, der man abgesehen von Einzelheiten durchaus beistimmen kann, vom zionistischen Programm nur eins der Kritik stand, nämlich d,e r a u ch au s r e i n h u ma nitären Gründen zu rechtfertigende Versuch, o st - jüdische Auswanderer in Palästina a n zusiedeln. Dieses unbestreitbare Verdienst könne aber die Kritik nicht abschwächen, die an der alljüdischen Kulturpolitik des Zionismus geübt werden müsse. Wo das Buch eine Kritik des Zionismus enthält, kann man ihm im allgemeinen beipflichten. Was es aber an positiven Hinweisen und Vorschlägen für die Zukunft des Judentums gibt, ist entschieden zil bekämpfen. Man mag dem Nationalismus vorwerfen tvas man will, jedenfalls ist er ein positiv gedachtes Ideal. Wenn aber die Verfasser die Assimilation zu einem positiven Ideal erheben, das sie im Gegensatz zum Nationalismus befürworten, in dem sie — so hat es oft den Anschein — geradezu Inhalt und Ziel des Judentums erblicken, so genügt es wohl, wenn man kopfschüttelnd diese Tatsache feststellt. Die Verfasser haben — und das ist der Kardinalfehler des Buches — den Leser durchaus im Unklaren gelassen, was sie unter Assimilation verstehen. Nach einigen Bemerkungen, die sich gegen das Taufjudentum wenden, die ferner die nachdrücklichste Betonung der jüdischen Abkunft und würdevolles Auftreten verlangen, darf man keinesfalls annehmen, daß sie einem ehrlosen Antertauchen das Wort reden. Was sie aber eigentlich wollen, versteht man deshalb nicht recht, weil sie die reliüsiM

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