Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang. Nr. 21 Berlin, 22. Mai 1914 Allgemeine eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 JYl. — Postscheckkonto 324. begründet von Rabbiner Dr. Ludwig PHMppson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Neues über den Zionismus. Von Dr. Felix Goldmann. IflllJllU« — Die Woche. — Overrestierungsrcü Dr. Paul Meyer. Von Dr. Alphons I. Snßnitzki. — Jüdischer Geschichtsunterricht. Von Oberlehrer D. Sommer, Pforzheim. — Feuilleton: Nach zwanzig Jahren! Von Erman n o Loevinson. — Literatur. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur Zeitung des »Allgemeinen Judentums"). Berlin, Aus der Provinz Posen, Hamburg, Beruburg, Leipzig, Augsburg, Hannover, Stuttgart, Petersburg. — Von Nah und Fern. Krurs über iitn Zionismus”. Von Dr. Felix Goldman». ei der Beurteilung der praktischen Zukunstsausstchten des Zionismus pflegt man gewöhnlich den Fehler zu machen, die Judcnfrage im Orient losgelöst von all jenen Tendenzen zu betrachten, welche die Politik der europäischen Großmächte im Orient verfolgt. Fritz Lorch hat in seinem Buche: „E ng land und der Zionismus in Palästina" sich der Aufgabe unterziehen wollen, diese Lücke auszufüllen. Daß der Versuch zu einem irgendwie befriedigenden Ergebnis gekommen sei, wird man freilich nicht behaupten können, doch besteht der Wert seiner Veröffentlichung darin, daß sie zur ernstlichen Betrachtung dieser Frage anregt. Es würde für den Zionisnms wie für jenen Teil der Jndenheit überhaupt, der an der Kolonisation Palästinas Interesse hat, von außerordentlichem Vorteil sein, diesen weiter ansschauenden, höheren politischen Interessen der Mächte mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. Inhaltlich zerfällt das Buch von Lorch in zwei Teile. Der eine gibt ein anschauliches Bild der Kolonisationsentwicklung, und zwar, wie man zngestehen muß, ein recht objektives. Das gilt von der Darstellung sowohl der nichtzionistischen wie der zionistischen Kolonisation. Die Schilderungen halten sich fern von dem übertriebenen Optimismus zionistischer Volksversammlungsredner, sie sind auch nicht auf den pessimistischen Ton gestimmt, den die all jüdische Bewegung bei der Beschreibung des Ansiedlungswerks und seiner Aussichten anschlägt. Ohne die Schattenseiten, die besonders in der Arbeiterfrage zu suchen sind, irgendwie zu verkennen, zeigt Lorch — ohne es vielleicht zu wollen — wie die jüdische Kolonisation heutzutage eine wirkliche kleine Macht in Palästina darstellk, die weit gesünder und darum beachtenswerter ist als die nur zahlenmäßige Macht des Chalukajudentums. Und es stimmt nicht recht mit dem wirklichen Ergebnis seiner Darstellung überein, wenn er zum Schluß seinem Urteil folgende Fassung *) Engl a » d und der Zionismus i » P a l ä st i n n von Fritz Lorch. (Beiträge zur Orientpolitik II.) Berlin SW. Verlag der Beiträge zur Orientpolitik 1913. — Die zionistische Utopie von Dr. Earl Landauer und Tr. Herbert W e i l. Hugo Schmidt, München 1914. gibt: „Wie die Kolonien selbst, so leben auch die Kolonisationsgesellschaften in Stadt und Land von dem Gelds, das ohne Unterlaß aus der Ferne nach Palästina strömt. Würden sie sich selbst überlassen, so bliebe nur recht wenig von dem übrig, was man heute in Palästina stolz national-jüdische Kulturarbeit nennt." Freilich enthalten diese Sätze trotz aller Uebertreibung auch einen wahren Kern, und sie sind geeignet, recht nachdenklich zu machen. Die politischen Anschauungen des Verfassers, die den anderen Teil des Buches ausmachen, sind dagegen sehr anfechtbar. In den großen Zügen hat er unbestrittenermaße« recht, wenn er darauf hinweist, daß England der zuverlässigste Schutz aller jüdischen Bestrebungen ist, wenn er ferner meint, daß England aus Gründen der Selbsterhaltung das Bestreben zeigen müsse, in Palästina Einfluß zu gewinnen, schon um den Suezkanal, den Weg nach Indien, zu schützen. Eine so enge Bundesgenosscnschast jedoch zwischen England und dem Zionismus, wie Lorch sie wahr haben will, besteht keinesfalls: sie entspringt blühendster Phantasie und einer Tendenz, die sofort durchsichtig wird, wenn man daran denkt, daß das Buch für deutsche Leser geschrieben ist. Lorch unterschätzt — vielleicht dieser Tendenz zuliebe — durchaus den fran zö fischen Einfluß, der ja in Syrien wie in Kleinasien immer stärker wird. Er irrt sich auch, wenn er in der Besprechung der Stellung Rußlands den Judenhaß der Heimat auch in der Fremde feststellen will. Der Antisemitismus Rußlands hört bekanntlich in vielen Dingen an der Grenze des Reiches auf, und das Zarenreich sucht im Gegenteil häufig die russischen Juden im Orient als seine Kinder zu reklamieren und zu schützen, gewiß nicht aus Liebe zu den Juden, aber um sich leichter.in die inneren Angelegenheiten der Türkei mischen zu können. Wie es um den Antisemitismus Rußlands im Aus- ' lande bestellt ist, möge beispielsweise die Anekdote beleuchten, die über den berühmten Chirurgen B„ den Leibarzt des früheren Sultans, im Umlauf ist. Er ist deutsch, aber am deutschen Krankenhaus in Konstantinopel konnte er nicht angestellt werden, weil er Jude ist. Er fand jedoch sofort nach dieser Zurückweisung eine leitende Stellung am russischen Hospital! Lorchs weitere Tendenz geht dahin, etwas wie eine „e ng - tisch-jüdische Gefahr" für die deutschen Interessen im Orient zu konstruieren. Leiden auch seine Ausführungen sehrunter dieser Voreingenommenheit, so bleiben sie doch stets interessant, vor allem auch dort, wo sie auf innerjüdische Fragen Streiflichter werfen. Vielleicht interessiert den „Hilssverein der deutschen Juden" folgende Beurteilung: „Der Hilssverein deutscher Juden ist eine Hilfstruppe des nationalen Zionismus, das Deutschtum hat von ihm nichts zu erwarten. Im Gegenteil: Durch seine Unterstützung des Nationaljudentums in Palästina trägt er ein gut Teil zur Gefährdung des Deutschtums im heiligen Lande bei."