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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-15 · Heft 20 (15.5.1914) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 20 (15.5.1914)
Date
1914-05-15
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
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239 dich eines Dr. Rüting, welcher hier jahrelang als Korrespondent deutscher Zeitungen gelebt -hat? G i u d i t t a: Gewiß. Aber nur dem Namen nach kannte ich ihn. E d g a r >d o : Ich verkehrte viel in dieser Familie, und muß dir gestehen, ich war. vor unserer Trennung, mehr als einmal nahe daran, der Frau Doktor alles zu erzählen und sie um Rat zu fragen, was ich tun solle. Giuditta: Ach hättest du doch das nur getan! Die hätte dir jedenfalls einen vernünftigeren Rat gegeben als den, mich sitzen zu lassen. Edgardo: Da Rütings mich nach unserer definitiven Trennung häufig in so gedrückter Stimmung sahen, boten sie mir ein für allemal an, ich solle nur jedesmal, wenn's mir beliebte, zu ihnen kommen. Als ich nun an einem herrlichen Herbsttage, wie mir Rom solche bieten kann, während da oben im Norden schon der Schnee liegt, über den Korso gehe, bcgcgMt mir Frau Doktor und sagt in ihrer netten, süddeutschen Art, ob ich ihr nicht bei der Wohnungssuche behilflich sein will. Diese sei doch bekanntlich in Rom, bei der unpraktischen Einrichtung so vieler alter Häuser, besonders schwer. Um mich zu zerstreuen und auf andere Gedanken zu bringen, nahm ich den Vorschlag gerne an. Ein Agent hatte Frau Doktor die in Betracht kommenden Wohnungen auf einen Zettel geschrieben und danach richteten wir unsere Suche ein. Nachdem wir zwei Wohnungen angesehen hatten, richtete meine Begleiterin ihre Schritte nach Via Venti Settembre. Ich hatte noch gar keinen Verdacht, denn die Straße ist ja lang. Aber etwas unheimlich wurde mir schon zu Mut, als sie in die Gegend kam, wohin ihr, wie ich einmal ganz unfreiwillig im Telephonbuche gesehen, nach eurer Verheiratung gezogen wäret. (Fortsetzung folgt.) Litrrsrilchr Mitteilungen. — Branders' Illustrierter Israelitischer Volksk a l e n d e r für das Jahr der Welt 5674. 1913—14. Eigentum und Verlag von Jakob B. Brandeis, Buchhandlung, Prag, Zeltuergasse 33. Wir kommen etwas spät zur Anzeige dieses nützlichen Büchleins, das mit dem Porträt des Begründers Jakob B. Brandeis geschmückt ist. Der Inhalt besteht außer einem Kalendarium in der genauen Angabe der Gebete für jeden Tag des Jahres, in einem Verzeichnis der Jahrmärkte, Zinsenberechnungstabelle, Bemerkungen über die österreichische Klassenlotterie und einem Verzeichnis jüdischer Hotels usw. Eine besondere Abteilung des Buches, auf die ich die Aufmerksamkeit der Leser richten möchte, führt den Titel: „Salon für Unterhaltendes und Belehrendes". Sie enthält verschiedene Biographien von Brandeis selbst, ferner die dss Oberrabbiners Brodh und des Dr. Ludwig Bendiner, ferner je eine Geschichte von Babette Fried „Vergeben und Vergessen" und Oskar Stein „Das fünfte Gebot". Die letztere Geschichte ist tief empfunden, einzelne Gedichte und Sentenzen von Brandeis sind lesenswert. Das ganze Büchlein in seiner Mischung von Nützlichem und Unterhaltendem ist der Anerkennung wert. L. G. * — Gekrönte und u n g e k vö n t e I u d e n f r e u nd e. Von Dr. Adolph Kohut. Verlag Dr. Basch & Co., G. m. b. H., Berlin. Preis: brosch. 3 Mark; Ganzleinenband 4 Mark. Eine nützliche Zusammenstellung nach drei Rubriken: 1. Fürsten, Päpste und Staatsmänner in ihrer Stellung zum Judentum, 2. Forscher und Gelehrte in ihren Beziehungen zum Judentum, 3. berühmte Schriftsteller und ihr Standpunkt zur Judenfrage. In der ersten werden Benedikt XIV., Die Emanzipation im Königreich Westfalen, Königin Luise von Preußen, Lord John Rüssel, Maximilian II. von Bayern, Kaiser Friedrich III., Ludwig Kossuth, König Eduard VII. von England, in der zweiten Kant, Schopenhauer, Alexander v. Humboldt, in der dritten Wieland, Herder, Uhland, Hanfs, Tolstoi, vorgeführt. Manche dieser Skizzen sind unseren Lesern schon dadurch bekannt, daß sie zuerst in unserer Zeitung abgedruckt waren. Es läßt sich freilich nicht leugnen, daß diese Skizzen etwas einseitig sind, indem sie eben nur das hervorheben, was Schriftsteller, Fürsten und Staatsmänner günstiges über die Juden sagten oder taten. Auch sind sie nicht vollständig — denn Vollständigkeit läßt sich nur bei einer sehr gründlichen Durcharbeitung des gesamten Materials erlangen, auch nicht so tief eingehend wie man wünschen möchte, denn bei einzelnen Männern müßte die ganze Zeit, durch die sie bestimmt wurden, erörtert werden. Aber alle Abhandlungen enthalten in lesbarer Zusammenstellung gar manches wenig Bekannte und sind von einem so humanen menschenfreundlichen Geist getragen, daß sie als sehr erwünschtes Material im Kampfe gegen den Antisemitismus bezeichnet werden müssen. L. G. ¥ F ü r und w i d e r die jüdische Volksschule in P r cu ß e n. Von Realschuldirektor Dr. S. Adler in Frankfurt a. M. Mit einem zweitel! Teil: „Die jüdische Volksschule in Süddeutschland" von Lehrer S. Dingfelder in München. Herausgegeben von dem Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche. Druck von Joh. Streuber, Kellinghusen i. H. Frankfurt a. M. bei I. Kaufsmann. 1913. Preis 0,80 Mark. Da der lebhafte geführte Streit über die jüdische Volksschule nun einigermaßen zum Stillstand gelangt ist, so kann man nun ein ruhiges Wort gern vernehmen. Die Verfasser der zwei Abhandlungen, die in unserem Büchlein vereinigt sind, zählen zu den lebhaften Befürwortern der jüdischen Volksschule. Dingfelder geht in einzelne Verhältnisse ein und schließt mit der Forderung, daß jeder Jude für die Errichtung jüdischer Volksschulen auch in Großgemeinden eintreten nlüsse — eine Forderung, der viele unter uns nicht beipslichten können. Adler will das Für und Wider sprechen lassen. Ich gestehe aber, das; das „Wider" etwas zn kurz kommt. Er untersucht den religiösen, pädagogischen und utitaristischen Gesichtspunkt und kommt zu dem Schlußergebnis, das so lautet: „Die Erwägung aller Gründe wird sicherlich jeden objektiv Denkenden zn der Ueberzeugnng führen, daß die deutschen Juden nachdrücklich darauf hinzuarbeiten haben, die bestehenden öffentlichen Volksschulen zu erhalten, und, wo es sich irgend ermöglichen läßt, die Kommunen zur Einrichtung neuer jüdischer Volksschulen 311 veranlassen. 11 eberall da, wo sich diesem Streben unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstellen, ist zunächst die Errichtung öffentlicher christlich-jüdischer Schulen zn betreiben; ist auch diese Schulreform nicht zn erlangen, dann muß mindestens durchgesetzt werden, daß an den christlichen Konsesstonsschulen, die von jüdischen Kindern besucht werden, auch jüdische Lehrer zur Anstellung gelangen, und daß diesen Lehrern, um ihnen von vornherein eine gleichberechtigte Stellung mit ihren Amtsgenoffen zn gewährleisten, höchstens zwölf Religionsstunden übertragen werden und ihnen so die Möglichkeit zur Uebernahme eines Ordinariats gewahrt bleibt. In allen Orten, die Simnltanschnlen besitzen, muß es Pflicht der jüdischen Bewohner sein, falls die Errichtung einer eigenen öffentlichen jüdischen Schule durchaus nicht durchführbar ist, mtf eine möglichste Annäherung der simultanen Form an die paritätische hinznarbeiten, indem für jede Schule der Stadt, die von jüdischen Kindern besucht wird, die Anstellung auch jüdischer Lehrkräfte gefordert wird, schon damit der Religionsunterricht auch der jüdischen Kinder in dieselbe Zeit gelegt werden kann, in der ihn die evangelischen und katholischen Kinder der Simultanschule erhalten. Me diese Schulen aber — das haben wohl die vorstehenden Ausführungen ergeben — können nie und nimmermehr unseren Kindern die Erziehungswerte ersetzen, die ihnen die öffentliche jüdische Volksschule bieten kann: ihre Erhaltung und Förderung müssen deshalb nachdrückliche Sorgen aller derjenigen sein, denen das Wohl unserer Glaubensgemeinschaft, die Stärkung des Judentums in unserem Vatertande am Herzen liegt!" Mit Ausnahme des letzteren Satzes, dessen Schluß gesperrt gedruckt ist, werden wohl die meisten dieses Ergebnis unterschreiben. Dagegen läßt sich der Standpunkt von sehr vielen unter uns dahin präzisieren, daß wir zwar ans die Anstellung möglichst vieler jüdischer Lehrer an öffentlichen Schulen, für die Einführung des obligatorischen Religionsunterrichts an allen Schulen eintreten, die Erhaltung jüdischer Schulen befürworten, soweit sie bestehen, daß wir dagegen keinerlei Bemühungen fördern llnd unterstützen wollen, neue derartige Anstalten zu schaffen. G. G.

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