Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- Seite 238 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229144--70417-3282761- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
288 spanische Literatur veröffentlicht habe." Da ich nun wußte, dein Papa hatte Beziehungen zu den Kanzleien verschiedener Botschaften und Gesandtschaften, kam mir der Verdacht, ihr würdet auch dort anwesend sein, ja, das Ganze wäre vielleicht nur eine Falle für mich. Ich fühlte auch, bei einer Begegnung mit dir in Gesellschaft würde ich es nicht über's Hetz bringen, nicht zu dir heranzugehen, und dann wäre ich wahrscheinlich verlobt von der Gesandtschaft heimgekommen. Es war alsö beschlossene Sache, der Einladung nicht nachzukommen, getreu meinem Grundsatz, nur dort zu erscheinen, wo ich vorher selbst Besuch gemacht oder wenigstens meine Karte abgegeben habe. Wie aber konstatieren, ohne mich Bekannten gegenüber zu verraten, ob mein Verdacht gerechtfertigt war? In möglichst einfacher Kleidung stelle ich mich unter die Menge, welche von ü Uhr an der Auffahrt zu dem Abendempfang zuschaut. Ueber eine Stunde stehe ich so da im Portone des Palazzo Barberini lind höre, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, wie im Traume den gewohnten Gesprächen zu, die von den Neugierigen aus dem Volk bei solchen Gelegenheiten geführt werden. Da endlich fährt ein eleganter Zweispänner in den Torweg hinein, der Schein der Laterne fällt auf dein blasses, aber rundes Gesicht. Ich weiß genug und entferne mich ... Zu Hause auf dem Tische finde ich noch die Einladungskarte. Aber nur einen Augenblick zaudere ich, ob ich mich doch noch gesellschaftsmäßig ankleiden lind zum Empfang fahren soll. Zeit wäre noch gewesen. Doch ich fühle meine Schwäche: Ich will und kann dir eben nicht angchören. Wieder schreckt mich der Gedanke an den Schwiegervater. Giuditta: Wieso denn das? Papa war doch ebenso lvie wir alle so sehr für deine Verbindung mit mir? Edgardo: Ich kann dir das jetzt nicht mehr so genau erklären. Genug! Mit einer Kraftanstrengung, die mir übermenschlich dünkte, halte ich die Einladung über die Lampe. Als sie verbrannt ist, versuche ich zu schlafen. Natürlich vergeblich! Tenn ich vergegenwärtige mir deine Triumphe auf dem Feste. Arge Täuschung: als ich am nächsten Abend in den Colvnnette, der bekannten Künstlerkneipe, speise, muß ich unfreiwilligerweise die ungenierten Gespräche der spanischen Maler am Nebentische mitanhören, und wenn ich sie auch nur ungenügend verstehe, so höre ich doch so viel heraus, daß die durch ihre Figur, ihre Eleganz und ihren echt spanischen Namen auffallende bella Judia sich fast den ganzen Abend über in den ersten Zimmern aufgehalten habe, wie wenn sie auf jemand wartete, unb das; sie fast nur mit ihrem Vater konferiert habe. Giuditta: Das war wirklich ein langweiliger Empfang an jenem Abend. Und ich hatte mich doch so darauf gefreut! Tciln Tante hatte mir gesagt, sie hätte zufällig gehört, du wärest arich geladen. — Nach meiner Verheiratung hast! du danir jede Begegnling, jedes Zusammentreffen mit mir womöglich noch ängstlicher vermieden als vorher! Edgardo: Wie kannst du das nur sagen! Es bot sich eben keine passende Gelegenheit. Und mir eine unpassende künstlich zu schaffen, — davon, weißt du ja, bin ich nie ein Freund gewesen! Giuditta: Wie erklärst du aber den merkwürdigen Umstand, daß du in dem Frauenverein, welcher jedes Jahr den besuchtesten Vortragszyklus in der Hauptstadt veranstaltet, nie gesprochen hast, während man mehr als einmal von deinen rednerischen Erfolgen in Provinzialstädten gelesen hat. Edgardo: Das ist reiner Zufall, pura combinazione, wie man hierzulande sagt. Giuditta: Nein, mein lieber Lehrer, ich werde es Ihnen sagen, im hiesigen Frauenverein gehöre ich zum Vorstand. Ed g a r d v : Nun ja: meinst du, ich hätte so ruhig und ungezwungen hier reden können wie in der Provinz, wenn ich so die ganze Zeit deine großen schwarzen Augen ans mich gerichtet sähe? . . . Nein, wie du in diesem Augenblicke aussiehst, ganz wie aus dem Bilde. Giuditta: Auf welchem denn? Auch das ist ja eine deiner Eigentümlichkeiten gewesen, daß du mich nie Um eine Photographie gebeten Und mir nie die deinige gegeben hast. E d.g ä r d or Auf delli großen LelbilVe- Giuditta: Das ist ja erst nach meiner Hochzeit voll einer Freundin von mir gemalt worden, aber in meiner Wohnung. Und mein Mann hat nie erlaubt, daß es auf irgendeine Kunstausstellung käme. Ja, damit es keiner vom großen Publikum zu sehen bekäme, durfte es nie in unseren Gesellschaftsräumen hängen, sondern ist stets in unserem Schlafzimmer geblieben. (Edgar d o : wird rot und dann ganz blaß.) Also heraus mit der Sprache, wo hast du das lebensgroße Oelbild zu Gesicht bekommen? Heute ist nun einmal der Tag, an dem ich alle Geheimnisse meines ungetreuen Lehrers hcräusbkkvmme- Edgardo: In deiner ersten WohnUng nach deiner Verheiratung, aber ich kann nicht sägen, wie. Giuditta: Halt, jetzt weiß ich cs. Nur dü kannst der Fremde gewesen sein, welcher, kürz bevör wir aüszogen, in dem Zimmer, wo das Bild hing, ohnmächtig züsammengedrochen ist. Ich erinnere mich ganz genau. Es war um die Mittagszeit, wo weder mein Mann noch ich je zu Hause sind. Deshalb hatten wir dem Hauswirt sagen lassen, nur um diese Stunde wäre die Wohnung zu besichtigen. Als wir den einen Tag nach Hause kommen, wird uns erzählt, eine junge Frau mit einem^ Herrn, der aber nicht ihr Mann gewesen sein kann, beide Ausländer, hätten die Wohnung genau besichtigt, und als sie in unser Schlafzimmer kamen, wo eben das große Bild hing, da hätte der junge, kräftig aussehende Mann einen Ohnmachtsanfall bekommen und wäre zufällig auf meinem Bett zusammengesunken. Die junge Frau in seiner Begleitung hätte sehr resolut durch unseren Diener und den Portier eine Droschke kommen und den halb Ohnmächtigen von beiden Männern dort hineinbringen lassen. Dann hätte sie dem Kutscher zugevufen, er solle nach dem Monte Pincio fahren, vielleicht um den halb Ohnmächtigen durch die frische Luft wieder auf den Damm zu bringen, oder aber auch, wie mein Diener meinte, um nicht die Wohnung des Leidenden zu verraten. Mein Mann, und besonders ich. haben sogar durch Polizei und unser Dienstpersonal Nachforschungen nach dem mysteriösen Paar anstellen lassen, aber offenbar hatten sie selbst alle Spuren sorgfältig verwischt. Die Polizei konnte nur ermitteln, daß die Leutchen auf den Monte Pincio fuhren, dort den vor unserem Hause gemieteten Wagen verließen, um nach kurzer Zeit ein anderes öffentliches Fuhrwerk zu besteigen, dessen Nummer aber unbekannt geblieben. Nach langer Zeit erzählte mir mein Diener, er glaubte bestimmt, er hätte den Herrn einmal aus dem Ministerium des Aeußern herauskommen sehen, wäre rasch zu dem Portier des Palastes gelaufen, um ihn Zu fragen, wie -der Herr heiße. Der hätte aber geantwortet, das sei kein Beamter seiner Verwaltung, der müsse wohl nur zu einer Kommisstonssitznng dorthin gekommen sein. Nun erzähle mir, du Ungetreuer, wer die Dame in deiner Begleitung war, und wieso du dich bei uns eingeschlichen. Dich hatte ich damals, um ganz offen zu sein, nicht in Verdacht, weil ich dich nicht für so unternehmend hielt, daß du in Begleitung .der Frau eines anderen meine Wohnung, und noch dazu mein Schlafzimmer, besichtigt hättest. Edgardo: Nur, um mich von jedem Verdachte dir gegenüber zu reinigen, und auch in moralischer Hinsicht meine Autorität als Lehrer zu wahren, will ich dir erzählen, auf wie natürliche Weise das alles gekommen ist. Entsinnst du