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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-15 · Heft 20 (15.5.1914) · p. Seite 235

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 20 (15.5.1914)
Date
1914-05-15
Page
Seite 235 (sequence 7)
Language
German
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235 allseitig gewünschten Anschlusses von Frankfurt u. M. und der ihm angegliederten Vereine an die Organisation der Zentrale, soll auf die langjährig bewahrte Selbständigkeit und die lokalen Interessen jener Vereine nach Möglichkeit Rücksicht genommen werden. Der Vorstand wird ersucht, diesbezügliche Verhandlungen zu führen." — Hieraus folgten die Referate der Herren Julius R o s e n t h a l, Lodz, itnb Iysthlier, Wtvclawek, über „Möglichkeit der Arbeitsbeschäftigung Armer in Rußlands Herr Rosenthal führte aus, daß man den deutschen Juden iuid besonders dem Hilfsverein unendlich Dank schulde für das Güte, das er den russischen Juden erwiesen habe. Die Schattenseite sei der Wanderbettel, wodurch die Armen die Marke: „polnischer Schnorrer" erhalten hätten. Aber doch sei dies nur ein ganz kleiner Teil der russischen Glaubensbrüder. Die Verhältnisse in Rußland gestalten sich für die Juden von Tag zu Tag schlechter und die zwingende Folge dieser Verhältnisse sei die Auswanderung. Sie sei notwendig, denn wenn „wir den Abzug nicht haben, sind auch die wohlhabenderen Elemente der russischen Judenheit verloren." Kommt ein Wanderarmer aber nach Fürth oder Mainz, so könne man ruhig annehmen, daß er kein Emigrant sei, denn wie käme er sonst dorthin? Man weise ihn dann glatt zurück. Heben wir die Emigration, Unterdrücken wir den Wanderbettel. Besonders die armen verlassenen Frauen, die mit Kindern ihre Ehemänner suchen gehen, müßten belehrt werden, daß Organisationen bestehen, au die sie sich wenden können, ohne selbst auf die Wanderschaft gehen zu müssen. Er schildert sodann in drastrsch-htlmoristischer Weise die Praktiken der berufsmäßigen Schnorrer, und verspricht sich eine Abhilfe, wenn durch die Jargonzeitungeil für hinreichende Aufklärung darüber gesorgt würde, daß sie nichts in Deutschland zu erwarten haben. Die Aussteller voll Empfehlungsschreiben sollten zur Vorsicht gemahnt werden, den eheverlassenen Fraüen Adressen angegeben lverden, an die sie sich wenden könnten unter Angabe der Adresse ihres Mannes, einer Photographie desselben und sonstiger Papiere. Die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten sei möglich, man habe die Sache bereits in Lodz in Angriff genomuren. Aus kleinen Anfängen hervorgegangen, gebe es jetzt bereits 140 Fabriken, die 2223 jüdische Arbeiter beschäftigen, die Löhne von 9—26 Rubel pro Woche erhielten. 250 ansgelernte Arbeiter seien eingestellt, etwa 100 würden zurzeit untergebracht werden. 3000 jüdische Mädchen mit einem Wochenverdienst von 5 bis 7 Rubel seien die Ernährer resp. Stützen von 2000 Familien. Freilich sei es zu beklagen, daß jüdische Fabrikherren mit großen Weltetablissements leider jüdische Arbeiter nicht beschäftigen, da sollten die deutschen Juden ihren Einfluß geltend machen, um eine Aenderung herbeizuführen. Abgesehen von Lodz und Warschau gibt es nur Hausindustrie. Arbeitsstätten ä La Weißensee wären für Rußland wünschenswert, allein, der Hauptmangel bestehe im Fehlen jüdischer Instrukteure. — Herr Dystylier: Seine Heimatstadt von etwa 40 000 bis 45 000 Einwohnern, darunter etwa 8000 bis 9000 jüdische Seelen, verausgabe für Armenzwecke jährlich 13 413 Rubel. Seit November vorigen Jahres habe man eine Arbeiterkolonie begründet. Eine Filiale der jüdischen Ackerbailschule in Warschau sei aus Betreiben des Vereins, mit Genehmigung der Regierung dorthin verlegt. Leider habe der Verein nur 50 Mitglieder, die Zdoko Gedanlo, die Zentrale aller Wohltätigkeitsoereine habe sich leider nicht angefchlossen und die ganzen Einnahmen belaufen sich einstweilen nur auf 600 Rubel. Es ist in der Arbeiterkolonie eine Korbfabrik eingerichtet, wer das Handwerk erlernt, erhält den Befähigungsnachweis der Innung und dadurch das Wohnrecht für ganz Rußland. Die Talmud-Thoraschule soll in eine Handwerkerschule umgewandelt lverden, allein es fehlen Instrukteure, um die er bitte. Im Anschluß an diese Vorträge wurden die folgenden Anträge des Herrn Rosenthal, Lodz, denen sich Herr Dhstylier anschloß, angenommen: 1. Die deutschen Gemeinden bzw. Provinzialkassen sind aufzuklären und anzuhalten, nicht ausnahmslos an Wanderarme Unterstützungen zu geben, vielmehr planlos reisende arbeitsunwillige Elemente rücksichtslos abzuweisen. 2. In sämtlichen in Rußland erscheinenden, den Israeliten zugänglichen Zeitungen soll die russisch-jüdische Bevölkerung aufgeklärt werden, daß planlos nuswandernde Personen in Deutschland eine Unterstützung nicht mehr finden. Insbesondere sollen die von den Ehegatten verlassenen Frauen veranlaßt werden, durch die bestehenden Hilfsorganisationen (Hilssverein, Frauenbund usw.) im Inland und Ausland ihre Männer an der Hand von Photographien und jeglichem Beweismaterial ausfindig machen zu lassen und nicht plan- und mittellos mit der Familie auszuwandern, um den Mann zu suchen. 3. Den mittellosen Russen, die im Besitz von Schiffskarten, aber sonst mittellos sind, soll in weitinvglichst entgegenkommender Weise die Auswanderung ermöglicht werden. 4. Für die Arbeitskolonien möglichst Instrukteure zu besorgen oder von drüben Hergssandte zu Instrukteuren auszubilden. — Einen sehr instruktiven und interessanten Vortrag über den Stand der österreichischen Organisation und die Möglichkeiten der Arbeitsbeschäftigung in Oesterreich hielt dann Herr Generalsekretär Dr. Fleischer, Wien. Er schilderte die besonderen schweren Hemmnisse der Organisation in Oesterreich, die nun endlich am 1. Juli dieses Jichres in Wirksamkeit treten werde, lieber die Arbeitsmöglichkeiten in Galizien, dem Hauptsitze der Wanderarmen, äußert sich Herr Fleischer dahin, daß die Versuche mit der Hausindustrie ein Fiasko ergeben hätten und geradezu schädlich gewesen seien. Nur eine großzügig angelegte industrielle Beschäftigung, deren Möglichkeiten aber von der Gesamtheit der großen jüdischen Organisationen ins Werk gesetzt werden sollte, könne erfolgversprechend sein. Eine Besprechung der Vorträge, die mit größtem Beifall ausgenommen wurden, erfolgte nicht, sie wurden dem Vorstand als Material überwiesen. Zu den einzelnen Ausführungen sprachen Herr Dr. Neuhaus, der die Veröffentlichung der unlauteren Gewohnheitsbettler in der Heimatgemeinde anregte, Herr Chaim und Herr Feilchenfeld, Köln. Angenommen wurde sodann noch ein Antrag Dr. Tänzer, der eine regere Wirksamkeit der Zentrale auf dem Gebiete der eigentlichen Fürsorge und den Ausbau der Arbeitsnachweise verlangt. Dann folgten noch ein Referat des Herrn Dr. N e u m a n n über die Durchbeförderilng über die Grenzen der Provinzialkassen auf den alten und neuen Routen, das sich mit der Repartition der Kosten durch die Kassen der durchfahrenden Strecken besonders eingehend beschäftigte, und ein ganz kurzes Referat des Herrn Dr. B. Kahn über die reichsgesetzliche Regelung der Wanderarmenfürsorge und die jüdische Wanderarmenfürsorge. Der Vortragende verwies darauf, daß wir Inden vorangezgangen sind, daß die wesentlichsten Grundsätze des staatlichen Gesetzentwurfes dieselben sind, von denen unsere Wanderarmensürsorge ausgehe. — Herr Elkeles, Hamburg, sprach dann noch den Wunsch aus, daß die Wanderarmen, die aus den Missionsnnstalten kommen, möglichst schnell und direkt nach Hause befördert lverden sollen, um deren Einfluß auf andere zu verhindern. — Mit den üblichen Dankesworten wurde dann die Sitzung, die bis gegen sechs Uhr dauerte, geschlossen. lSedsmtk Verliner Glsubensgenolkm. IV. ^^ulius Jsaac, am 4. Januar 1843 geboren, entm flammte einer alten Berliner Familie, die durch Frömmigkeit, Bildung und Wohltätigkeit ausgezeichnet war. Die gute Erziehung und vorzügliche Ausbildung, die er genossen, sowie die jüdische Gesinnung, die in seinem Elternhause herrschte, weckten in ihm schon frühzeitig das Interesse für ideale Bestrebungen, die Liebe und Treue zum Väterglaubeii, die die Richtschnur seines späteren Lebens bildeten. Der anderen Richtung seiner Neigung, dem wissenschaftlichen Streben, mußte er — wir folgen hier den Ausführungen von, Professor M. Schäfer in seinem, in den Mitteilungen des D. I. 8. B. Nr. 52, Dezember 1899, erschienenen Nachruf — schon in frühen Jahren entsagen, da die Krankheit des Vaters ihn zwang, an Stelle des Studiums den Kaufmannsberuf zu ergreifen und in das väterliche Handelshaus zurückzukehren. Ein Jahr nach dem Tode des Vaters trat er als Chef an die Spitze der Firma Mann Jsaac, die sich in der kommerziellen Welt eines wvhlbegründeten Rufes erfreute. Indessen führte ihn seine nunmehrige Berufstätigkeit auf einen merkwürdigen Umweg zur Wissenschaft zurück. Die Eigenartigkeit seines Handelsartikels flößte ihm nämlich Interesse für die Zoologie ein, eine Vorliebe, die dem Berliner Zoologischen Garten in der Form wertvoller Geschenke zugute gekommen ist. Neben der Zoologie zogen ihn mächtig diejenigen Wissenschaften an, die sich mit dem Menschen hinsichtlich seiner geographischen und historischen Lebensbedingungen und mit seiner Kulturgeschichte beschäftigen.

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