Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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und aus sich selbst heraus zu einer Kraft wurde. Um so betrübender sei die jetzige Entwicklung, die dahin zu führen drohe, daß auch diese Bewegung ihren eigentlichen Charakter verliere und in ein einseitiges, ödes Cliquenwesen verstrickt werde. Gegen diese Entwicklung müsse angekämpst werden, und zwar innerhalb der Organisation selbst, der die jungen Deutschen jüdischen Glaubens nur dann den Rücken kehren sollen, wenn sie der Neutralität untreu werde. (Lebhafter Beisall.) Geschäftsführer Wilhelm Fecht erklärte, als Christ aussprechcn zu müssen, daß der Frankfurter Beschluß überaus traurig sei. Deutsch sein, heißt ehrlich sein! Und jener Beschluß war alles eher, als ehrlich. Wenn die Inden nach zionistischem Rezept aus allen paritätischen Organisationen ausscheiden, dann hätten die Hetzer ihr Ziel erreicht. Eine solche Entwicklung wäre aufs tiefste zu beklagen. Es wäre richtiger. wenn die dcutschnationälen Antisemiten aus dem Wandervogel austreien und otm eigene Organisation gründen würden. (Beifall und Widersprucb.) Das hätte den großen Vorteil, daß man im deutschen Volk sähe, wie bedeutungslos der Antisemitismus auch in der deutschen Jugend ist. (Stürmischer Beisall und Zischen.) Zahnarzt Hans Nathan verteidigte den zionistischen Standpunkt und erklärte sich unter Berufung aus die „Frankfurter Zeitung" für den Austritt aus dem Wandervogel. Paul Vanderey berichtete aus Grund eigener Beobachtung, in der Wandervogelbelv-egung sei früher nie ein Unterschied der Konfession gemacht worden. Arm und reich, Jude und Christ seien in seiner Organisation stets gleich geachtet worden. (Beisall.) Jur selben Sinne sprach Hermann Ritter. Ein Wandervogelführer, Hans Thiele, erklärte, der Waudervogel- Antiscmitismus sei nicht politisch; er sei vielmehr entstanden durch den Anschluß an das alte Germanentrrm. Eine Sonnwendfeier mit Juden ist für uns einfach undenkbar. (Heilrufe.) Wir sind Antisemiten aus Instinkt. Ein Kampfverein waren wir bis jetzt nicht, aber wenn wir keine Ruhe bekommen, werden wir durchgreifen. (Lächert und Heilrufe.) Justizrat Dr. Ernst Auerbach mahnte, wiederholt von den jugendlichen Gästen unterbrochen, die Wandervogelführer, sich ihrer Verantwortung bewußt zu sein und an der Erziehung der Jugend zu gerecht denkenden Staatsbürgern zu arbeiten. An der weiteren Diskussion beteiligten sich noch mehrere Redner der verschiedenen Richtungen. Unter anderem wies Dr. med. Löffler, Vorsitzender des Vereins Montefiore, darauf hin, daß im Wandervogel auch jüdische Führer tätig fiitb, die man in ihrem Kampf für die Gleichberechtigung nicht im Stich lassen dürfe. Ehe nicht die Masse der Jugend gesprochen habe, wäre es falsch, der Organisation den Rücken zu kehren. Arisch-Heidnische Anschauungen, wie sie heute vorgetragen wurden, sind zwar höchst bedenklich, vor allem auch vom Standpunkt der Schule aus, aber sie werden sicher nicht die Mehrheit der Jugend gewinnen. Im Schlußwort bezeichnete Fräulein Berliner als den springenden Punkt die Tatsache, daß sich eine Organisation an die Schulkinder wende mit dem Anspruch, eine bestimmte Kategorie zurückzuweisen. Das müsse Zwietracht in die Schule tragen und die jugendliche Kameradschaftlichkeit zerstören. Soidann teilen wir eine Erklärung mit, die sich gegen den Beschluß des „Wandervogel" vom 11. und 12. April richtet: „Zur Charakterisierung dieses Beschlusses, seiner Doppelzüngigkeit und inneren Unwahrheit ist bereits so viel gesagt worden, daß es sich erübrigt, noch etwas hinzuzufügen. Für uns erhebt sich die Frage, welche praktischen Konsequenzen ergeben sich aus diesem Beschluß. Da muß zuerst klar und deutlich ausgesprochen werden, was an sich eine Selbstverständlichkeit ist: Kein Jude kann länger im Wandervogel bleiben, noch sich zur Ausnahme melden, denn ob er ausgenommen wird oder abgelehnt, beides trifft in gleichem Maße seine jüdische Gemeinschaft. Gewiß gibt es Ortsgruppen des Wandesvogels, die sich allen Lockungen des Hammer-Bundes zum Trotz bisher von allen antisemitischen Tendenzen freigehalten haben und es, wenngleich der Vertreter ihres Gaues dem Frankfurter Beschluß zugestimmt hat, auch weiterhin tun werden. Diese aber werden es ihren jüdischen Mitgliedern nicht verübeln können, wenn sie eine klare und unzweideutige Kundgebung der Leitung ihrer Gruppe verlangen, daß sie gewillt ist, bei Aufnahme oder Ablehnung, bei Besetzung aller Ehrenämter lediglich die persönlichen Fähigkeiten entscheiden zu lassen und sich für die Durchführung dieses ehrlichen Prinzips der Neutralität in der Gesamtorganisation des Wandervogels einzusetzen. Für die in unserem Verbände organisierte jüdische Jugend erhebt sich aber noch eine andere ernste Frage: Sollen die jüdischen Kinder in Zukunft ausgeschlossen sein von all den Lebensfreude und Lebenskraft spendenden Bestrebungen, die bisher dem Wandervogel die ehrliche Bewunderung aller freiheitlich Gesinnten abzwangen. Es ist tief zu beklagen, daß diese Frage überhaupt gestellt werden muß, daß in die Kameradschaftlichkeit der Kinder derselben Schule, in der sie friedlich miteinander arbeiten, dieser Keil getrieben wird, daß die Harmlosigkeit, dieses erste Vorrecht der Jugend, durch die vergiftete Hetze zerstört wird. Wir tragen daran keine Schuld. An unsere Wanderer aber muß jetzt der Ruf ein leichtes sein, unsere so gut organisierten Wandergruppen tu dieser Richtung auszubauen. Die Reifsten, Besten und Idealgesinntesten sollen die Führer sein. Wobei wir es allerdings ans das entschiedenste ablehnen, nach dem Muster unserer Feinde, der Antisemiten, diese Tüchtigkeit mit der Zugehörigkeit zu irgendeiner Gruppe in Beziehung zu setzen. Der Vorstand des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands. Gknerslorrssmnrlmi§ der Deutschen Zentral stellr kür jüdische SAguderarmenkürsurge. y. Berlin. 10. Mm 1914. ie außerordentlich stark besuchte Mitgliederversammlung der Z e n t r a.l st e l l e f ü r jüdische Wanderarmenfürsorge wurde von dem stellvertretenden Vorsitzenden Herrn Dr. Mar G i n s b e r g mit herzlichen Begrüßungsworten an die Erschienenen eröffnet. Sein besonderes Willkommen galt den Herren aus Rußland, aus Oesterreich und Herrn Lucien Picard, Frankfurt a. M. Herr Generalsekretär Dr. N e u m a n n erstattete sodann den Jahresbericht, der gedruckt vorlag und dessen wesentlichster Inhalt bekannt ist. In der allgemeinen Besprechung verwies Herr Rabbiner Dr. Tänzer auf die dringende Notwendigkeit einer Zentrale für das ganze Reich mit Einschluß von Süddeutschland, um dessen Beitritt er sich besonders bemühte. Die nichtjüdische Oefsentlichkeit habe auch schon Notiz genouunen von der Zentralstelle. Drei Anstände müsse er Vorbringen, einmal sei das Meldewefen an die Zentralstelle zu lückenhaft, denn von den 43 Abfertigungsstellen seien nicht weniger als 17 000 gar nicht an die Zentrale gemeldet, auch Berlin erscheine mit einigen Tausenden im Manko. Des weiteren müsse er den Mangel an Disziplin bedauern, der darin sich zeige, daß das statutenmäßige Fünftel der Einnahmen nicht an die Zentrale abgeführt wird, und schließlich sei die mangelhafte statistische Berichterstattung an die Zentrale zu rügen. Jede Kasse tue, was sie wolle, das wirke nicht gerade animierend auf die anderen. Eine von ihm in diesem Sinne beantragte Resolution wird zurückgezogen, nachdem Herr Senator Fischer dargelegt hatte, daß diese Resolution über das Ziel hinausschieße und deren Annahme die Organisation schädigen würde. Dr. Tänzer habe zu wenig den historischen Werdegang und die historische Entwicklung berücksichtigt. Wenn hier von Unstimmigkeiten gesprochen worden sei, so sage er, solche existieren nicht, alle wünschten den Fortschritt, aber es gehe das nur langsam, man habe noch nicht überall das Verständnis für die größte Tat, die Begründung der Zentrale, die dem Berdienstkonto Philipp so ns gutzuschreiben sei, und für die „man uns segnen werde in der Zukunft". Was die Autorität beeinträchtigen könne, solle vermieden werden, man möge den Gegnern keine Waffe in die Hand geben und die Resolution ablehnen, Herr I e i l ch e n f e l d, Köln, erwartet von dem Anschluß Süddentschlands einen bedeutenden Fortschritt. Herr'Dr. Kahn betont die Notwendigkeit eines bedächtigen, allmählichen Voranschreiteus und weist auf das unendlich langsamere und vorsichtige Vorgehen der staatlichen Gesetzgebung in dieser Materie hin. — Den Kassenbericht erstattet Herr M ei s e l. Die Bermögensbilanz schließt mit 22 010 Mark, die Jahresrechnung pro 1913 balanciert mit 43 236 Mark in Einnahmen und Ausgaben. Nach kurzer Debatte wird der Kassenbericht genehmigt und die beantragte Decharge erteilt. — Es folgen Wahlen. Herr Dr. Max Ginsberg erklärt, sein Amt als stellvertretender Vorsitzender aus Arbeitsüberhäufung und Mangel an Zeit, niederlegen zu müssen. Er bedauere das, denn er verkenne nicht, welchen großen Segen gerade diese