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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-15 · Heft 20 (15.5.1914) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 20 (15.5.1914)
Date
1914-05-15
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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ersten Male zu, daß -durch die Zurücksetzung der Juden eine VerfassungsverIetzung gefchche. Von dieser Erklärung nehmen wir freudig Akt. Man kann sich nicht denken, daß bei solcher Auffassung der leitenden Kreise derartige Zustände fortdauern. Ob eine Besserung sofort eintreten würde, wenn der Kaiser von seinem Recht Gebrauch machen würde, Juden zu Offizieren im stehenden Heere zu ernennen, steht dahin. Aber man darf die Hoffnung hegen, daß die Offizierkorps endlich ihren Widerstand mufgeben und aufhören werden, sich weiter in Widerspruch mit der Verfassung zu setzen. In einer Kommission des Reichstags ist das Gesetz über die Sonntagsruhe beraten worden. Bei dieser Verhandlung ist der Paragraph abgelehnt worden, der den Inden, die den Sabbat halten, Sonderrechte anweist. Die Angelegenheit ist von uns in Nr. 17 Seite 196 behandelt worden. Wir kommen gelegentlich der Verhandlung im Reichstag darauf zurück. # Das Abgeordnetenhaus beschäftigte sich gestern, am 13. Tage der Debatte über den Kultusetat, beim Kapitel „Förderung der Pflege der schulentlassenen Jugend", mit der viel besprochenen Jugendbewegung, wobei es zu einer einmütigen Verurteilung der antisemitischen Jngendvergistung im „Wandervogel" kam. Abgeordneter Dr. v. S ch e n k e n d o r f f von den Nationalliberalen war es, wie das „Berliner Tageblatt" berichtet, der als erster vorging. Er bedauerte lebhaft die antisemitischen Strömungen im „Wandervogel", und vorurteilslos erkannte er auch an, daß die freideutsche Jugend sich auf dem hohen Meißner durchaus würdig verhalten habe. Fast noch um einen Ton schärfer rückte Graf M o l t k e vorn Antisemitismus ab. Der freikonservative Redner wollte es noch verstehen, wenn unreife junge Leute auf dem Boden von Houston Steward Ehambertain ständen, aber mit der Jugendpflege dürfe der Antisemitismus nichts zu tun haben. Von der Fortschrittlichen Bvlkspartei sprach unter großem Beifall des ganzen Hauses Abgeordneter Kanzow jeglicher politisch tendentiösen Jugendpflege das Verdammungsurteil. Er lehnte rundweg die sozialdemokratische Jugendbewegung ab, und ebenso bekämpfte er die hurrapatriotische und byzantinische Jugenderziehung. Vaterländischer und sozialer Geist müssen in der Jugend entwickelt und ihr Verantwortlichkeitsgesnhl ausgeprägt werden. Der Kampf für die Jugend dürfe nicht zu einem politischen Kampfe um die Jugend herabsinken. In welcher Weise eine solche Herabzerrung von den Antisemiten versucht worden ist, das belegte Abgeordneter Kanzow mit Zitaten ails den „Hammers- Flugblättern und mit hier schon wiedergegebenen Aeußerungen des Herrn Stausf in der Führer-Zeitung der antisemitischen Wandervogel -Agitatoren. Unter steigender Entrüstung des ganzen Hauses über die antisemitische Jugendvergiftung wies er nach, wie nicht nur die wüstesten antisemitischen Ideen, sondern auch die Fabeln von der V e r j u d u n g der preußischen Regierung und des K a i s e r h a u s e s in die jugendlichen Köpfe verpflanzt werden. Den ablehnenden Beschluß der Bnndesleitung des Wandervogels, gegen den Antisemitismus in den Ortsvereinen vorzu- | gehen, verurteilte Landgerichtsdirektor Kanzow darum entschieden, und auch hier hatte er Zustimmung auf allen Bänken des Hauses, als er diese ganze antisemitische Hetzerei für geeignet erklärte, die gesamte Jugendbewegung auseinanderzureißen. — In der heutigen Sitzung brachte auch der Kultusminister sein Bedauern über die im „Wandervogel" vorgekommenen Ausschreitungen zum Ausdruck. „Ich kann nur wünschen", bemerkte er, „daß den Männern, die im „Wandervogel" tätig sind, gelingen möge, dauernd Abhilfe zu schaffen und die Sicherheit, daß sich solche Ausschreitungen nicht w i e de r hole n." # Im Anschluß an das Obige lassen wir hier den Bericht aus der „Frankfurter Zeitung" über eine in Frankfurt a. Nt. stattgehabte Versammlung folgen, die sich gleichfalls mit den antisemitischen Strömungen im „Wandervogel" beschäftigte. Die Beschlüsse des Wandervogels E. V. ans seiner Tagung in Frankfurt a. O., die bestimmt waren, die Judenfvage durch ein Kompromiß aus der Welt zu schassen, haben nicht beruhigend gewirkt, sondern die Diskussion eher noch verschärft. In einer sehr stark besuchten Versammlung, die vom Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und dem Jugendverein Montefiore in den Börsensaal einberufen war, hatte sich gestern auch' eine große Anzahl von jugendlichen Wandervögeln eingesunden, die sich teilweise störend bemerkbar machten. Den Vorsitz führte Dr. med. Max Mainzer, der in seiner Begrüßungsansprache die geänderte Kampfesweise des Antisemitismus schilderte und auf die Gefahr der antisemitischen Verseuchung der Jugendbewegung hinwies. Frl. Cora Berliner, die jugendliche und beredte Geschäftsführerin des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, bezeichnet die Wandervogelbewegung als eine Notwendigkeit, geboren aus dem Drang der Jugend nach einer freien, nicht von oben her schematisierten Betätigung. Die Gefahr besteht, daß die gesunde Jugendbewegung sich von einer bestimmten Richtung einfangen läßt, die Dinge in den Wandervogel hineinträgt, die nicht das mindeste mit ihm zu tun haben. <Beifall.) Mit unglaublicher Rührigkeit nnd Gewissenlosigkeit hat der Antisemitismus seine Agitation betrieben und bis in die Schulen die schamlosesten Hetzereien getragen. Diese Arbeit blieb nicht ohne Eindruck auf die jugendlichen Gemüter, zumal man die Gefahr in den frei gerichteten Kreisen des Wandervogels unterschätzte. Trotzdem kann nicht gesagt werden, daß der ganze Wandervogel einen antisemitischen Charakter angenommen habe, vielmehr hat eine ganze Anzahl von Organisationen Protest gegen die antisemitische Agitation eingelegt. Der Frankfurter Beschluß aber, der zwischen den beiden Richtungen „vermitteln" sollte, bedeutet in Wahrheit eine Förderung des Antisemitismus, die von der Bundesleitnng auch beabsichtigt war, denn diese Bnndesleitung ist durch und durch antisemitisch. (Zustimmung.) Der Beschluß, dessen Verlogenheit ins Auge springt, will es den Ortsgruppen überlassen, Inden mit besonders hervortretenden Rassenmerkmalen auszuschließen. Ja, glaubt man denn, daß die Inden sich diese Unterscheidung gefallen lassen können, die ihre uralte heilige Gemeinschaft dem Urteil vierzehn- und fünfzehnjähriger Jungen unterstellt, die von gewissenlosen Demagogen verhetzt sind? (Beifall.) Der deutsche Wald, die deutsche Wiese, die deutsche Dichtung üben ihren erziehlichen Einfluß ohne Unterschied der Konfession und der Abstammung. Wir wollen auch in Zukunft unsere ganze Kraft, unseren ganzen Idealismus einsetzen für die Idee der freien Persönlichkeit, für die Idee der Humanität, für die Idee, daß jeder zum deutschen Volk gehört, der sich frei und freudig und aus innerstem Herzen heraus zu den deutschen Aufgaben bekennt. Und känrpfen wollen wir, nicht mit den Mitteln des Hasses, sondern der Liebe. Denn nicht mitzuhassen, mitzulieben sind wir da! (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Rechtsanwalt Dr. I. Kahn, Köln, der zweite Referent, wies auf das Pädagogische Verbrechen hin, das darin liege, daß man die unreife Jugend in einseitiger Weise Politisch beeinflusse. Die Organisationen der jüdischen Jugend erstreben einen Zusammenschluß zur Abwehr der Gegner, nicht aber einen Abschluß gegenüber der übrigen Jugend, denn wir wollen nicht zurück ins Ghetto. Im Gegensatz zum Wandervogel hat die Deutsche Turnerschaft unter der Führung des urdeutschen Dr. Götz dem antisemitischen Oesterreichischen Gau die Türe verschlossen, und niemand wird es wagen dürfen, die Deutsche Turnerschaft als weniger vollwertig hinzustellen. Die Frage, ob die Juden im Wandervogel bleiben sollen, kann nicht allgemein ententschieden werden. Wer mit uns den optimistischen Glanben an die Zukunft des deutschen Volkes teilt, sollte nicht ohne Not eine Position aufgeben. Z)ie jüdischen Mitglieder müssen deshalb in den einzelnen Ortsgruppen die Frage zur Entscheidung bringen, ob Juden ausgenommen werden oder nicht. Wo der Wandervogel sich noch frei von dem antisemitischen Gift gehalten hat, da sollen die jungen Juden nach wie vor Mitarbeiten und zusammen mit ihren gleichgesinnten Kameraden für die Idee der Gleichberechtigung wirken. (Starker Beifall.) In der Diskussion sprach Direktor Dr. Adler, der erklärte, er habe von jeher es als seine höchste Ausgabe angesehen, ein deutscher Lehrer zu sein. Mit besonderer Freude habe er vor einigen Jahren die Bewegung in der Jugend beobachtet, die sich, des Parieihaders müde, zusammenscharte

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