Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich frage aber: Ist es denkbar, daß eine Gesetzgebung, die in allem und jedem den Ger dem Israeliten gleichstellt, die. dem Israeliten zuruft, er soll den Ger wie sich selbst lieben, diesem Ger die Wohltat dieses Erlaßjahres versage?! Angesichts der Stellung des Ger in der Bibel ist es einfach unmöglich, Deut. 15, 2 dahin zu deuten, daß die Bibel hier den Ger dem Nochri gleichstellen wollte. Im Gegenteil. Alles spricht dafür, daß die Bibel auch hier, wenn auch stillschweigend, den Ger wie den Israeliten behandelt wissen will. - Warum ist aber der Pentateuch gegen den Nochri so hart? Gewiß, verständlich mag es ja sein vom wirtschaftlichen Standpunkt. Warum jedoch verläßt die Bibel diesen Standpunkt nicht, die Bibel, die sonst die religiöse Sittlichkeit höher stellt als einen wirtschaftlichen Vorteil, denn von einer unerläßlichen wirtschaftlichen Notwendigkeit kann ja in diesen beiden Fällen doch nicht gesprochen werden?! Ich hoffe, auch hierin eine befriedigende Antwort geben zu können. Bezüglich des Ausländers mußte sich die Bibel in die damalige internationale Gesetzgebung einfügen, wie ja auch heute die Ausländergesetze aller Staaten international, reziprok sind. Auchheute würde Deutschland imselben Moment jeden französischen Geschäftsreisenden ausweisen, wenn es Frankreich mit den deutschen täte. So konnte auch die Bibel unmöglich einen Syrer oder einen Aegypter anders behandeln, als der Israelit in Syrien oder in Aegypten behandelt wurde. Welcher Behandlung sich nun die Ausländer in jedem Staat der alten Welt erfreuten, darf ich wohl als bekannt voraussetzen: mehr oder weniger war der Ausländer überall rechtlos, fast vogelfrei. Unter solchen Verhältnissen konnte auch die Bibel gegen ihn nicht anders Vorgehen, als sie eben vorging. Anders der fremdnationale Ansässige, der Ger. Wie ein Land, eine Nation zu diesem sich stellt, ist und wird immer des Landes wie der Nation ureigenste Sache sein, in der sie nach niemandem zu fragen oder sich zu richten braucht. Ta konnte also das Fünfbuch seinem eigenen Geiste folgen, ohne sich um die Gesetze anderer Völker zu kümmern; hier durfte sich die Bibel der eigenen Seele und der ihr tief innewohnenden sittlich-religiösen Intuition rückhaltlos hingeben. Nicht aus den zwei, zwar nicht grausamen, doch jedenfalls harten Satzungen gegen den Nochri — Deut. 15, 3 und 23, 21 — spricht zu uns der Geist der Bibel — aus diesen Vorschriften tönt zu uns herüber nur der Geist der anderen Völker —, sondern aus ihren Satzungen gegen den Ger, die in der Geschichte der Menschheit bis auf den heutigen Tag ihresgleichen nicht finden. & Ist es nun unberechtigt, an allen Stellen, wo die Bibel vom „Nächsten" spricht, auch den Ger miteinzubeziehen? Eine Gesetzgebung, die verordnet, „Liebet den Fremdling", die sollte nicht auch den Ger darunter meinen, wenn sie im selben Kapitel sagt: „Bestehlet nicht, belüget und betrüget nicht einer den anderen" (Lev. 16, 1!)? Einen Vers vorher heißt es: „Deinen Weinberg sollst tm nicht vollends ablesen und den Abfall deines Weinberges nicht auflesen, dem Armen, auch dem fremden Armen, überlasse das", und dann soll schon im Verse daraus das Gebot der Ehrlichkeit nur dem Israeliten zugute kommen? In den Versen 16, 17 und 18 desselben Kapitels sehen wir im ersten Halbvers das Wort ammeplia (deinVolk), a o h i c h a (dein Bruder) bene — ammecha (die Kinder deines Volkes), im anderen Halbvers reacha (dein Näch st e r) und a ni i t h e c h a (der andere). Ist es nicht wahrscheinlich, zum m i n d e st e n wahrscheinlich, daß der Pentateuch hier absichtlich die Klimax im Parallelismus anwendet, um zu sagen: nicht nur gegen dein Volk, deinen Volksgenossen, sondern auch gegen den rea, mag er auch ein Ger sein, hast du der sittlichen Welt deines Gottes Folge zu leisten. Ist diese Erklärung so gezwungen, ergibt sie sich nicht von selbst aus dem Geist, der in der Bibel gegen den Ger waltet? . Das will natürlich nicht sagen, daß her Pentateuch Betrug und Raub und Mord gegen den Ausländer ja gestatte. Die vorsinaitischen Erzählungen lasten, wie ich es schon betont habe, eine solche Deutung einfach nicht zu. Ich erinnere nur an den Schwur, den die von Josua ausgesandten Kundschafter der R a h a b leisten (Josua Kap. 2), oder an den Schwur, den die Gibeoniten von Josua sich erschlichen haben (ib. Kap. 9). Wenn irgendein Unterschied in diesen und ähnlichen Dingen bestanden hätte zwischen Israeliten und Ausländern, hätte der Erzähler es unterlassen, gerade an diesen Stellen davon ausgiebigen Gebrauch zu machen? Daß die Bibel die Gleichheit zwischen Nochri und Israelit im religiös-sittlichen Leben nicht ebenso klar verkündet, wie sie es beim Ger tut, hat eben seine Ursache darin, daß in altbiblischen Tagen der Nochri in Israel selten war — höchstens als Sklave war er öfters zu finden — so daß sich die Bibel mit ihm eingehender zu befassen nicht nötig hatte und eventuell vorkommende Fälle getrost den israelitischen Richtern aller Zeiten überlassen konnte. Daß die Bibel unter dem „N ä ch st e n" auch den Ger meint, ist auch aus dem Umstand ersichtlich, daß die spätere Zeit für den Proselyten kein neues Wort schuf, sondern ihn einfach Ger nannte, mit diesem Wort den zum Judentum Uebertretenen bezeichnend. Hätte das Wort jemals in diesem Sinn übernommen werden können, wenn nicht schon lange vorher der Ger fast als Israelit angesehen und behandelt worden wäre? Nur die Gleichheit zwischen fremdnationalen Ansässigen und Israeliten in allem und jedem brachte es zuwege, Haß später der Proselyt einfach Ger genannt wurde. So dürfen wir auch heute noch stolz sein auf die Fremdengesetze der Bibel. Sie sind getragen von tiefer Sittlichkeit, wahre Religion und Kultur durchziehen alle ihre Satzungen, Gehässigkeit und Uebelwollen, Lüge und Unterschlagung, wie sie die Schriften fast sämtlicher Judenfeinde aller Zeiten und aller Zonen charakterisieren, sind ihrem Geiste fremd. Ja, hart, schroff, unbarmherzig kann auch unsere alte Bibel im Kampfe sein, wo es sich um Sein oder Nichtsein handelt, aber nie ist sie verlogen. Unterschlagung, Fälschung kennt sie nicht. Man kann noch immer von diesem alten Gvttesbuch lernen. Ich empfehle es Herrn Chamberlain aufs angelegentlichste. Wie sein Hinweis aus den Talmudtraktat Sanhedrin 86 a eine plumpe Unterschlagung ist, so kann nur unverantwortliche Unwissenheit, verbunden mit blindem Haß, immer wieder aus Leviticus 19, 11 sich stützen in der lügenhaften Beschuldigung, dem Juden wäre der Betrug an Nichtjuden gestattet. Dir Woche. Berlin, den 12. Mai 1914. ährend in der letzten Ueberstcht viel vom preußischen Landtag die Rede sein mußte, ist heute vom deutschen Reichstag zu berichten. Die Angelegenheit, um die es sich hier handelte, die Zurücksetzung, ja Ausschließung der Juden vom Reserveoffiziersstande ist so oft in diesen Blättern erörtert worden, daß wir kurz sein können, und nicht nötig haben, auch den stenographischen Bericht zu rekurrieren. In der Sitzung vom 8. Mai bemerkte der A b g e ordnete G o t hein: