Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1914)
- Date
- 1914-05-08
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 sich immer weiteren und größeren Aufgaben zuwenden konnte. In dieser Beziehung verdient unter den Unternehmungen des letzten Jahres der Versuch, den Unterricht in der Präparandie weiter auszubauw, besonders erwähnt Zu werden. Die Vorbereitungskurse im Hebräischen, die dazu dienten, die neu eintretenden Hörer in das Studium des biblischen und rabbinischen Schrifttums einzuführen, sollen in Zukunft in besondere Abteilungen für Anfänger und Fortgeschrittene Zerfallen. Außerdem' soll der Unterricht in Bibel und hebräischer Grammatik erheblich umfassender gestaltet und ihm statt wie bisher Zusammen acht. Stunden künftig in jeder Abteilung zehn Stunden gewidmet werden. Auch die weitere Ausgestaltung des vorbereitenden Unterrichts in Talmud und rabbinischer Literatur ist bereits in Aussicht genommen und dürfte recht bald festere Formen gewinnen. Eine gewisse Unterbrechung in die kontinuierliche Entwicklung der Lehranstalt brachte leider im letzten Jahre das rigorose Vorgehen der Behörden bei der Zulassung der Ausländer zum Universitätsstudium. Nahezu die Hälfte der Hörer der Lehranstalt besteht aus Ausländern. Das ist außerordentlich erfreulich, da die Absolventen der Lehranstalt dazu berufen sind, Führer und Erzieher des jüdischen Volkes zu werden. Ein Zurückdämmen der jüdischen Ausländer an den Universitäten wird also notwendigerweise auch eine Einschränkung der Wirksamkeit der Lehranstalt zur Folge haben. Das Kuratorium der Lehranstalt sah sich infolgedessen veranlaßt, zu der Frage der Zulassung von Ausländern an den deutschen Universitäten Stellung zu nehmen und beschloß, sich diesbezüglich mit dem Verband der deutschen Juden, der in der Angelegenheit gleichfalls Schritte zu unternehmen gedenkt, ins Einvernehmen zu setzen. Hoffen wir, daß die Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden. — Dem geschäftlichen Teile des Jahresberichts ist angegliedert: 1. „die Ansprache, die der Vorsitzende des Kuratoriums, Geheimer Justizrat Dr. Heruran Veit S i m o n, bei der Einführung des Dozenten Dr. Baeck" gehalten hat: eine feinsinnige, geistvolle Analyse der bisherigen Inhaber des homiletischen Lehrstuhls an der Lehranstalt; 2. die Antrittsvorlesung „Griechische und jüdische Predigt", die Dr. L. Baeck am 4. Mai v. I. in der Lehranstalt gehalten hat: eine gediegene, tiefgründige und umfassende Studie, deren Lektüre jedem aufs wärmste empfohlen werden kann. B. T. Berlin, 5. Mai. Die 30. Generalversammlung des Vereins Mädchenhort, Berlin, fand am 29. v. M. abends im Hause der Vorsitzenden, Frau Emilie M o s s e, statt. Frau Mosse eröfnete die Versammlung und erteilte Stadtschulrat Dr. Fischer das Wort zum Jahresbericht. Von den 1193 Kindern, die in den 23 Horten des Vereins Mädchenhort erzogen werden, waren 22 Vollwaisen, 302 Töchter von Witwen, 52 Töchter von Witwern, 72 Töchter von eheverlassenen Frauen; 41 waren uneheliche Kinder, 704 hatten beide Eltern; doch war in vielen Fällen der Vater durch Krankheit am Erwerb verhindert oder ganz erwerbsunfähig. Mittagessen erhielten 117 Kinder. — Den Kassenbericht erstattete darauf der Schatzmeister Dr. Ginsberg. Die Einnahmen betrugen 38 304,11 Mark, die Ausgaben 33 573,50 Mark. An größeren Geschenken gingen dem Verein zu: Beihilfe der Stadt Berlin 13 500 Mark, von Herrn Rudolf Mosse aus Anlaß des 70. Geburtstages. 10 00O Mark, aus dem Nachlaß von Fräulein Caro 1500 Mark, aus dem Nachlaß des Herrn Anton Henoch 10OO Mark, von Herrn Karl Schräder 250 Mark. Nach der Entlastung des Schatzmeisters und Feststellung des nächstjährigen Etats wurden einige Statutenänderungen vorgenommen. H. H. Berlin, 5. Mai. In dem Kolleg, welches Geheimrat Professor W i l h e l m F o e r st e r in diesem Semester über die „Geschichte der mittelalterlichen Astronomie" liest, führte er jüngst u. a. folgendes aus: „Wie aus Zahlreichen Stellen der Bibel hervorgeht, waren die Juden schon frühzeitig mit den Errungenschaften der Babylonier auf dem Gebiete der Astronomie bekannt; bereits Abraham hatte Verbindung mit Babylon. Später, als die Juden in Alexandria ansässig wurden, eigneten sie sich die griechisch-hellenistische Kultur an und übertrugen diese nach der Zerstörung Alexandrias in die arabische Welt. So wurden die Schätze griechischer Wissenschaft, darunter auch die schon dem Ptolemäus bekannte Lehre von der Kugelgestalt der Erde, durch die Juden zu den Arabern hinübergerettet." *** Königsberg i. Pr., 1. Mai. Am Donnerstag, den 21. Mai, vormittags 11 Uhr. findet in Insterburg in der „Flora", Bahnhofstraße, die 31. ordentliche Generalversammlung des Verbandes der Synagogengemeinden Ostpreußens statt. Die Tagesordnung, die 18 Punkte umfaßt, kündigt folgende Referate an: Bericht über die Tätigkeit der Verbandsschulinspektion von Stadtrat Eichelbaum. Bericht über das Altersheim und Siechenhaus in Allenstein von Rechtsanwalt W i st i n e tz k i. Bericht über die Wanderarmenfürsorge-Organisation in Ostpreußen von Rechtsanwalt Hirsch. Bericht über die Pensions- und Hilfskasse von Geheimem Justizrat Blumenfeld. Vortrag „Ueber jüdische Lektüre" von Rabbiner Dr. Perl es. Referat „Ueber die religiöse Fürsorge für jüdische Soldaten" von L o e w e - Rastenburg. Normalvertrag und Schiedsgerichtsordnnng, Referenten Justizrat Holz und Direktor Peritz. Die Verhandlungen werden durch ein gemeinsames Mittagessen unterbrochen. Anmeldungen zur Versammlung und zum Mittagessen werden bis spätestens den 15. Mai an Herrn Bernh. Holz, Insterburg, erbeten. Am Donnerstag, den 21. Mai, nachmittags 4 Uhr, findet im gleichen Lokal die Generalversammlung der Pensionskasse statt. A. B. Beuthen, O.-S., 1. Mai. Zu einer imposanten Trauerkundgebung gestaltete sich am 23. v. M. die Beisetzungsfeierlichkeit des Rabbiners der Shnagogengemeinde Culm, Dr. Moritz G n t t - mann. Der Verklärte entstammte einer hiesigen Familie, in der die Pflege der Thora und des überlieferten Schrifttums gewissermaßen traditionell gewesen ist, und ans der auch in ihren Zweigen bedeutende Rabbiner hervorgegangen sind. Im Trauerkondukt waren fast alle Rabbiner Oberschlesiens, die Vorsteher und Repräsentanten der Nachbargemeinden vertreten, ein unübersehbares Trauergefolge, cm dessen Spitze die Deputierten, Vertreter der Gemeinde Culm, gab Zeugnis von der hohen Verehrung, deren sich der Heimgegangene durch sein segensreiches Wirken erfreute. Nachdem auf dem Friedhof der hiesige Synagogenchor die Liturgie der Seelengedenkfeier vorgetragen hatte, hielt zunächst Rabbiner Dr. Kopfstein die gedanken- und trostreiche Trauerrede; ein Vetter des Verklärten, Herr Rabbiner Professor Dr. Guttmann, Breslau, der selbst ergriffen, gab dem Schmerz und dem herben Verlust tut Anschluß an den letzten Teil des Bibeltextes 3. Moses, Vers 6 im Namen der großen Familie Ausdruck. Als dritter Redner sprach Herr Rabbiner Dr. Cohn, Eschwege, im Namen des Deutschen RabbinÄverbandes. Was der Entschlafene seiner Gemeinde Culm, in welches er 27 Jahre gewirkt, gewesen, ist bereits in der vorigen Nummer gewürdigt worden. Möge dem Heimgegangenen die Erde leicht sein. — Bveslait, 1. Mai. Die E i n w e i h u n g s f e i e r der neuen Frauen- und Augenabteilung der hiesigen Israelitischen Kranken- Verpflegungs-Anstalt fand am Porigen Montag statt. Regierungsbaumeisten a. D. Paul Ehrlich und der Vorsitzende des Vorstandes, Eduard Sachs, hielten Ansprachen. Chorgesänge umrahmten die Feier. Durch' die Errichtung des Neubaues sollte nicht nur die Schaffung einer weiteren Anzahl von Krankenbetten erreicht, sondern vor allen Dingen mehr Einzelzimmer und eine größere Menge von Räumen für Behandlungszwecke gewonnen werden. Die gynäkologische Abteilung, geleitet von Sanitätsrat Dr. Rosenstein, erhält im Erdgeschoß einen zirka 9X12 Meter großen Saal für 10 Betten und drei Krankenzimmer 3. Klasse mit je zwei Betten, so daß im ganzen mindestens 16 Betten für die Patienten der 3. Klasse vorhanden sind. Im ersten Obergeschoß sind 12 Zimmer mit je ein und zwei Betten für die Kranken 1. und 2. Klasse mit zusammen 19 Betten eingerichtet worden. Ferner wurde ein besonderes Gebärzirnmer mit Vorbereitungsraum angelegt. Die Frauenäbteilung umfaßt also außer dem septischen und dem aseptischen Operationsraum und dem Gebärzinnner zirka 35 Betten nebst den erforderlichen Nebenräumen. Die Augenabteilung, geleitet von Dr. Jungmann, enthält in fünf Krankenzimmern zirka 12 Betten, ein eigenes Operationszimmer nebst Nebenräumen und nimmt beinahe das ganze zweite Obergeschoß ein. Im Dachgeschoß befinden sich die Röntgenabteilung, ein chemisches und bakteriologisches Laboratorium sowie Wohnungen für Aerzte und Personal. Nach Inbetriebnahme des Neubaues wird die Krankenanstalt im ganzen etwa 245 Betten zur Verfügung haben. Weiterhin ergab sich die Notwendigkeit, des sparsameren Betriebes wegen eine eigene Apotheke zu errichten, welche als „Dispensieranstalt" lediglich für den Krankenhausbetrieb von der Regierung genehmigt wurde. Der gesamte Erweiterungsbau ist mit'einer Warmwasserheizung versehen, die elektrische Beleuchtung erfolgt von der eigenen Zentrale aus; Gas ist nur für Arbeits- und Kochzwecke vorgesehen. Selbstverständlich erforderte die Vergrößerung des Krankenhaüses bedeutende materielle Mittel. Die Grundlage zur Beschaffung der Kapitalien für den Neubau bildete eine von dem verstorbenen Gönner der Anstalt Emanuel Breslauer und seinem Bruder Herrn Max Breslauer gestiftete