Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1914)
- Date
- 1914-05-08
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229143--70402-3282745- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rawicz 1× ep/1048078
OCR text
2 inzwischen, während man hier noch berate, bereits die Uebergabe des pneumatischen Kabinetts an die Landwirtschaftliche Hochschule erfolgt sei. Sollte es wahr sein, dann finde er keinen Parlamentarischen Ausdruck über eine solche Behandlung der Nepräsentanteuversammlung und Nichtachtung ihrer Beschlüsse; gegen eine solche Behandlung müßte er den schärfsten Protest erheben. Herr Geh. Rat Stern vom Vorstand erwidert: „Selbstverständlich hat der Gemeindevorstand die Überweisung des Kabinetts nicht angeordnet, offiziell sei ihm davon, daß dies geschehen sei, nichts bekannt. Herr Sanitätsrat Dr. Feilchenf e l d bestätigt das, gibt aber zu, daß auch ihm bekannt sei, daß ohne Wissen und Willen des Borstandes und ohne daß ihm ossiziell eine Anzeige gemacht wurde, >in der Tat das Kabmett bereits übergeben sei. Als die Verhandlungen mit der Landwirtschaftlichen Hochschule eingeleitet wurden, war der 1. Mai als Zeitpunkt der Uebergabe in Aussicht genommen worden, es mußte Platz geschaffen werden, und niemand konnte voraussehen, daß die Beratungen in der Versammlung so lange dauern würden. Im übrigen lag der Beschluß, das pneumatische Kabinett nicht in das neue Krankenhaus mit hinüberzunehmen, vor, die Schenkung an das Landwirtschaftliche Hochschulinstitut war beschlossen, und es handelte sich doch nur um eine unwichtige, unbedeutende Formalität. Die „Bedingung" zu stellen, halte er für der Gemeinde nicht würdig, für nicht vornehm. Herr Dr. Ginsberg stellt zunächst fest, daß er also richtig informiert war, die Uebergabe >ist tatsächlich, wenn auch offiziell nichts bekannt, bereits erfolgt. Er ersieht darin eine unzulässige Geringschätzung der Arbeit der Versammlung. Wer für die Uebergabe verantwortlich sei, wäre gleichgültig, der Repräsentantenversammlung gegenüber wäre nur der Vorstand verantwortlich. Der Vorsitzende Herr Louis Sachs betont, daß der Krankenhausvorstand gleichfalls mit der Sache nichts zu tun hat. Eine Bedingung zu stellen. Halte er gleichfalls für nicht angemessen. Im übrigen stehe man jetzt vor einer Zwangslage, das Kabinett sei übergeben und man könne es doch nicht zurückfordern. Justizrat Breslauer bezeichnet die Sache als eine überaus kleinliche, und bemerkt, es sei nicht angängig, daß der Vorstand in der Öffentlichkeit angegriffen werde. „Wir sind nicht dazu da, immer angegriffen zu werden. Der Vorstand hat niemals auch nur den leisesten Versuch gemacht, in die Rechte der Versammlung einzugreifen." Es sprechen dann noch die Herren Sanitätsrat F e i l ch e n f e l d, Louis Sachs im Sinne des Vorstandsantrages. Herr Professor Türk führte aus: Es handle sich jetzt gar nicht mehr um das pneumatische Kabinett, sondern um eine andere prinzipielle Frage. In den gegebenen Darstellungen befinde sich eine Lücke. In welcher Form ist die Uebergabe erfolgt, ist ein Schreiben mitgegeben, und welchen Inhalts? Welchen Zweck hat es denn noch, daß wir diese Vorlage erhalten haben? Dr. Ginsberg möge in der Form vielleicht etwas scharf gewesen sein, aber in der Sache selbst habe auch er das Gefühl, daß etwas nicht in der Ordnung sei. Aus der weiteren Debatte sei noch die Erklärung des Herrn Geheimrat Stern erwähnt: Offiziell hat der Vorstand die Uebergabe nicht verfügt und würde sie nicht verfügt haben, sie ist aber faktisch erfolgt. Sollte ein Fehler vorgekommen sein, so werden wir Remedur zu schaffen versuchen. Schließlich wurde Schluß der Debatte beantragt und der Antrag des Vorstandes angenonrmen. Die Anfrage Dr. Ginsbergs, wer die Uebergabe vorgenommen habe, wird dahin beantwortet, daß der Vorstand das nicht wisse, (sie!) — Zum Ankauf einer Thorarvlle werden 500 Mark bewilligt. Dabei wird von Herrn Benas Levy die Bitte ausgesprochen, daß bei weiteren Ankäufen darauf geachtet werden möge, daß die Thorarollen nicht zu schwer seien. — Für Renovierung der Turnhalle und der Kegelbahn im II. Waisenhaus werden nachträglich 734 Mark, für die Anfertigung von Kopien der Tassaertschen Mendelssohn-Büste für die Ausstellung „Deutsche Kunst 1650—1800" in Darmstadt nachträglich 500 Mark, zur Vermehrung des Religionsunterrichts an der Religionsschule Steglitz 280 Mark jährlich, zur Beköstigung jüdischer Gefangener in Rawitsch nachträglich 640 Mark bewilligt. — Der Mietung des Saales des Marinehauses, der Wilmersdorfer Festsäle, des kleinen Festsaales im Schöneberger Gesellschaftshaus des Westens zu Fest- resp. Jugendgottesdiensten an den hohen Festen wird zugestimmt. — Dem Religionsverein Agudath Achim in Pankow wird die bisherige Jahressubvention von 4000 Mark, dem Jüdischen Volksverein wieder 3000 Mark Subvention, dem Verein für Statistik der Juden 1000 Mark, dem Gesamtarchiv der deutschen Juden 2500 Mark, der David Herzogschen Freistiftstiftung ein Zuschuß von 800 Mark, dem Israelitischen Religionsverein Charlottenburg unter Zurückstellung der Bewilligung pro 1913/14 zur Deckung eines Defizits 4476 Mark und pro 1912/13 9000 Mark bewilligt. Zur Veranstaltung von Festgottesdienst für das Vorjahr und als Beitrag für den Religionsunterricht pro 1914/15 werden der jüdischen Vereinigung Tempelhof-Mariendorf 175 Mark und 500 Mark, der Witwen- und Waisenkasse der Rabbiner Deutschlands 300 Mark und der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge für die Zeit vom 1. Oktober 1913 bis 1. April 1914 2500 Mark bewilligt. — Die Vorlage, die Subvention für die Reformgemeinde, die bisher 20 000 Mark betrug, für das nächste Jahr aus 18 000 Mark zu bemessen, wurde vertagt, weil die Belege für die Rechnungsaufstellung nicht zur Stelle waren. Damit schloß die öffentliche Sitzung, der noch eine geheime folgte. 8. Berlin, 5. Mai. Am 26. v. M. fand die Generalversammlungder Lehranstalt für die Wi s s e n s ch a f t des Judentums statt. Der Vorsitzende des Kuratoriums, Herr Geheimer Justizrat Dr. Hermen Veit Simon, eröfnete um 10% Uhr die Versammlung, und verwies beim ersten Punkt der Tagesordnung, „Erstattung des Verwaltungsberichts", auf den gedruckt vorliegenden Jahresbericht, auf den wir noch ausführlicher zu sprechen kommen. Den zweiten Punkt der Tagesordnung bildete der „Bericht der Revisoren", die Dechargeerteilung beantragten. Die statutenmäßig ausscheidenden Mitglieder des Kuratoriums, die Herren Justizrat L i l i e n t h a l und Justizrat Dr. Seligsohn, wurden einstimmig wiedergewählt. Ferner wurde an Stelle des während des Berichtsjahres verstorbenen Geheimen Kommerzienrats Ludwig Max Goldberger, Herr Bankdirektor Oscar Wassermann, der vor einem Jahre aus dem Kuratorium ausgeschieden war, wieder ins Kuratorium gewählt. Außerdem wurde die im Laufe des Geschäftsjahres durch Kooptation erfolgte Wahl des Herrn Professors Dr. Martin Philkppson von der Generalversammlung einstimmig genehmigt. Dev Vorschlag des Kuratoriums, den Kuratoriumsmitgliedern Herren Siegfried Brünn, Oberregierungsrat Dr. Paul Meyer, Frankfurt und Max Weiß, die sich um die Entwicklung der Lehranstalt außerordentliche Verdienste erworben haben, die immerwährende E h r e n m i t g l i e d s ch a f t zu verleihen, wurde einstimmig und mit großem Beifall angenommen. — Nach dem Jahresbericht war das abgelaufene Berichtsjahr für die Lehranstalt sehr ereignisreich und bedeutungsvoll. Wie kaum in einem Jahre zuvor hatte das Kuratorium seine „Geschichte". Schon im Beginn des Berichtsjahres legte Herr Direktor Wassermann sein Amt als Kurator nieder. Wie schwer sein Scheiden empfunden wurde, erhellt aus den folgenden Ausführungen im Jahresberichte: „In langjähriger, durch energischen Eifer wie durch gedeihliche Einsicht sich gleich anszeichnender Mitarbeit," heißt es darin, „hat er unserer Anstalt unschätzbare Dienste geleistet. In der Bibliotheks- und Schristenkommission ebenso wie in der Kommission zur Veranstaltung der Montagsvorlesungen war seine Tätigkeit dank seines seinen Verständnisses, seines maßvollen Urteils und seines umfassenden Wissens auch auf talmudischem Gebiet vorbildlich. Sein Ausscheiden ließ im Kuratorium eine unausfüllbare Lücke." Diese „Lücke" ist nun durch seine inzwischen erfolgte Wiederwahl „ausgefüllt". Einen schweren Verlust hat dann die Lehranstalt durch den Tod des Geheimen Kommerzienrats Goldberger erlitten, der stets eine starke geistige und materielle Stütze des Institutes war, und durch seine Mitwirkung zur Errichtung und Erhaltung des „Louis-Simonschen Lehrstuhles" sein Andenken dauernd in die Annalen der Hochschule eingegraben hat. Einen wertvollen Zuwachs erhielt freilich die Lehranstalt durch den Eintritt des Professors Philippson in das Kuratorium. Der Name Philippson ist ja mit der Lehranstalt seit ihrer Begründung aufs engste verbunden. Ludwig Philippson, der Vater des Kurators, hat an der Wiege der Lehranstalt gestanden. Franz Philippson, der Bruder des Kurators, hat durch eine Stiftung von 100 000 Franken den Ludwig-Philippson-Lehrstuhl errichtet. Professor Philippson selbst hat bereits einmal dem Kuratorium der Lehranstalt angehört. So hat er auch diesmal nicht gezögert, dem an ihn ergangenen Rufe Folge zu leisten und neben seinen sonstigen zahlreichen Pflichten auch die eines Kurators der Lehranstalt auf sich zu nehmen. — Zu einem ganz besonderen Ereignis für die Lehranstalt gestaltete sich die siebzigjährige Geburtstagsfeier ihres Schatzmeisters, des Herrn Max Weiß. Die Tätigkeit des Herrn Weiß symbolisiert sozusagen die gedeihliche Entwicklung der Lehranstalt in den letzten 15 Jahren. In der Tat ist es in erster Linie seinem eifrigen Bemühen um die finanzielle Ausgestaltung der Lehranstalt zu verdanken, wenn diese