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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-08 · Heft 19 (8.5.1914) · p. Seite 228

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 19 (8.5.1914)
Date
1914-05-08
Page
Seite 228 (sequence 12)
Language
German
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Giuditta: Schreiben Sie es meiner weiblichen Neugier zu, wenn ich auch nur einen dieser Beweise kennen lernen möchte. Edgardo (indem er an eine Truhe geht und Bücher svwie Briefschaften herauswirft): Hier unten ziehe ich den Band Goethe hervor, in dem ich einst in meinen letzten Lebenstagen zn blättern gedenke. Er soll mich an die schönsten, aber auch traurigsten Stunden meines Erdendaseins noch einmal erinnern. Seit zwei Jahrzehnten habe ich nicht mehr gewagt, ihn an,Zusehen, geschweige denn zu berühren. Giuditta (hastig nach dein schlecht gebundenen Buch mit abgeschabtem Einband greifend): Das ist ja der „Torquato Tasso", den du mir — Sie, Herr Professor, mir so gut erklärten wie keiner vorher noch nachher. In welch' weihevolle Stimmung fühlte ich mich jedesmal versetzt! Und wie oft in meiner mädchenhaften Schwärmerei habe ich mir später gewünscht, das alte abgegriffene Büchelchen zu besitzen oder es auch nur einmal wiederzusehen! (Indem sie in dem Buche zu blättern sucht): Da ist ja aber eine Seite versiegelt. Edgardo (ganz rot werdend): Ach, jetzt besinne ich mich erst wieder darauf! Giuditta, gib mir das Buch sofort wieder! G i u d i t t a : Ich denke nicht daran. Nun bin ich gerade neugierig. Vielleicht haben Sie einer anderen, besseren Schülerin als ich, etwas hineingeschrieben. Edgardo: Als ehemaliger Lehrer befehle ich Ihnen, gnädiges Fräulein, wollte sagen gnädige Frau, mir mein Eigentum wiederzugeben. Giuditta: Keine Idee! Da wir das Buch oft zusammen benutzt haben, gehört es eben so mir wie Ihnen. (Indem sie beim Blättern an die versiegelte Stelle kommt): Ach, das ist ja die Szene, wo die Prinzessin zu Tasso sagt: „Ich muß dich lassen, und verlassen kann Mein Herz dich nicht." Die haben wir ja in der letzten Stunde, die ich überhaupt bei Ihnen gehabt, — es war am 9. Mai 1893 — gelesen. (Indem sie das Siegel zerreißt:) Sie erlauben doch? Da steht ja auch am Rande groß geschrieben: 9. Mai 1893, mit drei Ansrufungszeichen. Darin liegt ja aber noch ein Stück Papier. Was steht denn darauf? „Auszug aus meinem Testament vom 3. Juni 1893. Hiermit schärfe ich noch einmal meinem Testamentsvollstrecker ein, sofort nach meinem Tode Fräulein Giuditta Mvrais, Tochter des Kaufmann Riccardo und seiner verstorbenen Ehefrau Rachele Franchetti den größten meiner Kleiderschränke zum Andenken an mich zu übergeben." Edgardo: Ich platze vor Scham und teile Ihnen mit, daß ich natürlich seit meiner Verheiratung das Junggesellenteftament nmgestoßen und durch ein weniger albernes ersetzt habe. Giuditta: Daß du, ehemaliger Geliebter, ein halbes Menschenalter und erst die Verbindung mit einer würdigen Gattin nötig hattest, bis du deine oberflächliche Schülerin, enterbtest, muß die größte Genugtuung in ihr Hervorrufen. Nichts aber ist so bezeichnend für die merkwürdige Art deiner Zuneigung, wie die Gabe, die du mir zugedacht: Noch nach deinem Tode gibst du mir deine Liebe in rührender Weise zu erkennen, demütigst mich aber gleichzeitig, indem du mich als Modedame hinstellst, die nichts anderes als ein Behältnis für ihre umfangreiche Garderobe zu schätzen wüßte. Zur Strafe stecke ich mir jetzt den Torquato Tasso ein, den du viel besser getan hättest, mir zn vermachen als irgend etwas anderes. Nicht dich, sondern mich soll er bis an mein Lebensende begleiten! (Steckt das Buch in ihre Tasche.) llebrigens kann ich nach diesem deutlichen Beweise, daß es dir mit deiner Zuneigung zu mir heiliger Ernst war, wohl nun uni Aufklärung bitten, warum du mich zehn Jahre nach unserer Trennung auf der Elektrischen, nein, damals noch Pferdebahn, ansprichst, eine lange Strecke mit mir fährst, aber jeder Aussprache geschickt aus dem Wege gehst. Edgardo: Du hast ganz recht: kaum haben wohl je zwei geschicktere Diplomaten einander gegenübergestanden, wie wir zwei auf dem Vorderperron jenes alten Vehikels. D u wolltest durchaus eine Erklärung aus mir herausbekommen, i ch aber suchte dir begreiflich zu machen, ohne es auszusprechen, daß du nie auf mich zu rechnen hättest. Du scheutest sogar nicht davor zurück, mir gewissermaßen die Pistole auf die Brust zu setzen, indem du mir von fern eure Villa zeigtest und sagtest: „In zwei Minuten bin ich zu Hause angelangt." Giuditta: Ja, ich merkte wohl, du w o l l t e st das alles nicht verstehen . . . Edgardo (dazwischen redend): Aber du verstandest mich: wenige Wochen darauf warst du verlobt und nach noch nicht zwei Monaten verheiratet. Ich hatte meinen Zweck erreicht. Aber wie schwer habe ich selbst dabei gelitten! Giuditta: Also hast du wirklich nur darum das Gespräch auf der Bahn mit mir angesangen? Du Aermster, das muß ja der reine Selbstmord für dich gewesen sein! Edgardo: Das ist die richtige Bezeichnung dafür. Ich hatte nämlich damals so von fernher die Glocken läuten hören, dir böte sich eine glänzende Partie, aber du hättest dir eine Jugendliebe in den Kopf gesetzt und deshalb könntest du dich nicht entschließen, „ja" zu sagen. Da hielt ich es denn für meine Pflicht, das zu tun, was ich getan. Wie ein Schüler oder Student lauerte ich dir auf, als du aus dem Vortrag kamst, und stieg eigens in dieselbe Bahn wie du. Giuditta: Aber ganz hattest du deinen Zweck doch nicht erreicht; das kann ich dir sagen. Denn wärst du am Tage, als ich zur Eheschließung aufs Kapitol fuhr, erschienenwie gern und schnell hätte ich alles Vergangene vergessen und wäre lieber dir in die Arme gesunken als jenem! Einen Brautraub durch Auto vom Kapitol hinweg stellte ich mir so schön romantisch vor! Edgardo (mit dem Finger drohend): Also noch immer die Madame suns gßne von damals, welche schon nach der dritten Stunde ihrem Lehrer vom Fenster aus Rosen nachwirft. Giuditta: Du könntest noch hinzufügen: Und bereits nach der ersten Stunde fest entschlossen war: diesen oder keinen. Doch es sollte so ganz anders kommen . . . Dein ganzes Benehmen und die Art, wie du dich von mir losgesagt, ließ weder mir noch den Meinigen den geringsten Zweifel, daß dir der Schritt sehr, sehr schwer geworden sein mußte. Da du ferner die wenigen Male, wo wir uns zufällig auf der Straße sahen, mir den Gruß nicht verweigertest, während du von den Meinigen niemand zu kennen schienst, tauchte in den langen Jahren mehr als einmal der Wunsch in mir auf, dir doch noch wenigstens einmal Gelegenheit zu einer Aussprache mit mir zu geben. Bei deinem letzten Besuch oder vielmehr in der letzten Unterrichtsstunde an jenem Maientage hattest du ja der Hoffnung Ausdruck gegeben, wir würden uns im Herbst Wiedersehen, — und dann hattest du nichts wieder von dir hören lassen. Es lebte darum in mir noch ein Funken von Hoffnung, es handle sich um irgendein Mißverständnis, das durch eine Aussprache behoben werden könnte. Meine Tante veranlaßte darum Papa, hin und wieder bei Freunden und Bekannten von dir Nachfrage halten zu lassen, warum du eigentlich nicht heiratetest. Aber nie war etwas aus ihnen herauszubringen. Es hieß immer, du wärst ein verschlossener Mensch, wenigstens in Herzensangelegenheit. Du hättest überhaupt nie eine ernste Liebschaft gehabt. Sv viel mußte uns mit der Zeitklar werden: duhattest—wenigstens in Rom — nie einem von der Angelegenheit mit mir geredet. War das nun Gleichgültigkeit oder kluge Berechnung, damit nichts von deinen Gedanken an uns gelangen sollte? (Fortsetzung lolgt.)

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