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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-08 · Heft 19 (8.5.1914) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 19 (8.5.1914)
Date
1914-05-08
Page
Seite 226 (sequence 10)
Language
German
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226 er bei feinen Hilfeleistungen und Unterstützungen so liebevoll die zartesten Regungen der Seele schonte, wie er so hochherzig nicht sich, sondern dem es als Verdienst anrechnete, der seiner Wohltätigkeitsakte sich erfreute, das war es, was ihn so besonders auszeichnete. In seinen Gaben Prägte sich seine eigenste Natur aus. Nicht Almosen wollte er schenken. Vielmehr schenkte er mit vollen Händen in solchen Fällen, wo er dadurch selbständiger Tätigkeit aufyalf und wo er damit eine freie und unabhängige Stellung aufrichten konnte. Groß war die Zahl derjenigen, die er auf solche Weise förderte und beglückte und die ihm fast alles zu verdanken haben. Leonor Reichenheim wurde auf dem Gymnasium in seiner Vaterstadt wissenschaftlich vorgebildet und brachte dann im Verein mit seinen Brüdern das von seinem Vater in Magdeburg gegründete Geschäft zur Blüte. 1839 siedelte er nach Berlin über, wo seitdem die Firma zu den bedeutendsten des Handels zählt. Bereits 1846 brachte die Firma Reichenheim von der Königlichen Seehandlung die bedeutende Wollen- und Garnspinnerei und Weberei Wüstegiersdorf in Schlesien käuflich an sich, die sich bald unter der Leitung des neuen Chefs zu einem Weltgeschäft entwickelte. Wüstegiersdorf selbst nahm mit seinen Webereien, seinen vielen hunderten Maschinen, Stühlen, seinen Wollspinnereien und seinen fast 20 000 Spindeln, seinen Webereien, 'Appreturanstalt usw. und seiner Armee von Arbeitern einen ganz außerordentlichen Aufschwung. Die Bedeutung Leonor Reichenheims auf dem Gebiete der Industrie und des Handels wies ihm einen bevorzugten Platz in der Kommission des Abgeordnetenhauses für Handel und Gewerbe. Als ausgezeichneter Berater, scharfer Kritiker und klarer Kopf beleuchtete er die Handels- und finanzpolitischen, die industriellen und gewerblichen Fragen sehr eingehend, aber in ruhigem Tone und stets von dem Gedanken beseelt, einerseits dem Staate und andererseits den Bürgern zu dienen und im Interesse beider sie harmonisch zu vereinen. Ein Berichterstatter jener Zeit urteilte über die Jungfernrede des Vertreters von Reichenbach und Waldenburg im preußischen Abgeordnetenhaus mit folgenden Worten: „Seine erste Parlamentsrede dokumentierte schon den klaren Kopf des hervorragenden Industriellen, aber auch den Mann des Volkes, der die Schäden der Regierung offen darlegte und den Wert eines treuergebenen Volkes nachdrücklich betonte. Bei Gelegenheit der Debatte über die Beschaffung der Geldmittel zur vollständigen Ausnützung der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn mit einem Doppelgleis erklärte er, daß es keine Notwendigkeit wäre, die Kosten dafür durch eine Anleihe zu decken, sondern, daß die dazu erforderliche Summe aus den Erträgen der Niederschlesischen Eisenbahn selbst genommen werden müßten, um nicht durch fortwährende Anleihen die Staatsschuld immer mehr zu vergrößern. Als es sich hingegen um die Gewähr einer Zinsenbürgschaft seitens des Staates für eine Prioritätsanleihe der Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft handelte, befürwortete er den betreffenden Gesetzentwurf, weil er überall die Privatunternehmungen gefördert wissen wollte und die freie Bewegung auf ökonomischem Gebiet segensreich erachtete." Ein Feind von allen exklusiveren Rechten, sei es Staats- oder privaten Besitzes, befürwortete er stets Ausgleichungen, die von seiner maßvollen Denkungsart Zeugnis ablegten. Immer plädierte er für den mittleren und kleineren Geschäftsmann. So erklärte er sich zum Beispiel gegen die Gewerbesteuer der Reisenden, weil dadurch nach seiner Ansicht der Zwischenhandel des kleinen Geschäftsmannes, der durch Reisende mit seinem Kapital sich an die Großfabrikation anschließe, über Gebühr belastet werde. Mit warmen Worten befürwortete er die Gewerbefreiheit. Mit Hohn und Spott wies er auf die reaktionären Redner hin, die nur Schlimmes von der Gewerbefreiheit erwarteten. Nicht minder warm nahm er sich der Handwerker an, die er keiner Meisterprüfung unterworfen wissen wollte. „Ich wünschte — so rief er einmal aus —, daß den Handwerkern Gelegenheit gegeben werde, ebenso den Chancen des Marktes zu folgen und ebenso jede Gelegenheit zu benutzen, um ihren Wohlstand zu fördern, der durch die Abgrenzungen der Gewerbe durch die Gewerbebeschränkung überhaupt in seinen Grundfesten für die Dauer tief erschüttert sein würde. Deshalb kann ich keinerlei Beschränkungen wollen, sondern volle Gewerbefreiheit, daß der Handwerkerstand dann von der Freiheit der Bewegung denselben Nutzen ziehe, den die Großindustriellen von derselben gezogen. Der Großindustrielle muß bestrebt sech, sein Interesse mit dem seiner Arbeiter eng und innig zu verschmelzen; er hat dahin zu wirken, daß nicht nur das sittliche Gefühl in dem Arbeiter gehoben, sondern daß auch der innere Mensch zur Erkenntnis gelange, daß er nicht als Sklave, sondern als Mensch dastehe." Reichenheim sorgte auch für die pädagogische, moralische und materielle Wohlfahrt des Heeres von Arbeitern, die er beschäftigte. Er gründete für die Fabrik eine eigene Schule und ein Waisenhaus, beide der Bildung und Erziehung der Arbeiterkinder gewidmet. Die Wüstegiersdorf-Sonntagsschule unterstützte er durch einen reichtichen jährlichen Beitrag und auch diejenigen zu Waldenburg und Reichenbach hatten seiner Munisizenz viel zu danken. Wüstegiersdorf erhielt infolge seiner Fürsprache beim Handelsminister und seiner Geldbeiträge schöne physikalische und chemische Apparate. Durch seine Geldspenden war die Kommune Reichenbach in der Lage, eine Realschule zu errichten, wie er denn auch das Königliche Gewerbeinstitut in Berlin und die dortige Universität mit vielen reichen Stiftungen bedachte. Neben der rastlosen industriellen gewerblichen Arbeit fand er noch Muße, seine hervorragenden Geisteskräfte dem kommunalen Leben Berlins zu widmen. 1864 zum Mitglied der Stadtverordnetenversammlung gewählt, wurde er 1867 Stadtrat und Mitglied des Magistrats zu Berlin. Ueberdies war er viele Jahre Vorsitzender des jüdischen Krankenhauses und Direktor des Brüdervereins. Daher ließen es sich auch die Mitglieder des Berliner Brüdervereins nicht nehmen, am 29. Januar 1868 die sterblichen Ueberreste des Abgeordneten, Kommissions- und Stadtrats Leonor Reichenheim zur letzten Ruhe zu bestatten. Der Sarg wurde durch die Reihen der Bürgerschützen getragen, aus den Leichenwagen gehoben und von einer unübersehbaren Wagenreihe gefolgt nach dem Friedhof der jüdischen Gemeinde gebracht, wo der Rabbiner Dr. Aub die Weihrede hielt und die Bestattung an dem von der Gemeinde gewählten Ehrenplatz in der vordersten Gräberreihe erfolgte. Reichenheim gehörte seit 1858 dem Abgeordnetenhause als Vertreter des Wahlkreises Waldenburg und Reichenbach an; 1867 wurde er von demselben Kreise als Mitglied des konstitutionellen Reichstages gewählt. Als Parlamentarier erwarb er sich durch seinen klaren Blick, seine Einsicht und seine nie ermüdende Arbeitskraft bald die Anerkennung seiner politischen Gegner. Beiden Kreisen Schlesiens, die ihn als Vertreter ihrer Interessen im Parlament gewählt, war er mehr als dieses: ein treuer Fürsorger, stets bereit, dem Ganzen und dem einzelnen zu dienen, und das Gute zu fördern. Natürlich befürwortete er auch die Zollfreiheit, indem er sich auf das entschiedenste gegen Schutzzoll erklärte. Besonders markant war seine Rede, die er 1862 anläßlich der vom 6. Juni bis 25. Juli währenden Verhandlung über den Handesvertrag mit Frankreich hielt. Für alle Verhältnisse des preußischen Staates beziehungsweise des deutschen Zollvereins

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