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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-08 · Heft 19 (8.5.1914) · p. Seite 225

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 19 (8.5.1914)
Date
1914-05-08
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
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' '•" ■ " ■ '■^" - 225 Gottes Wegen zu wandeln, d. h. Liebe und Barmherzigkeit als Richtschnur des Lebens zu wühlen. Adolf G i n s b e r g har diese Forderung alle Zeit seines erfolgreichen Lebens gewissenhaft erfüllt. Er war ein treuer Sohn seines Stammes, ein begeisterter Anhänger seiner Religion, die er kannte und lieble, und darum auch im vollsten Sinne des Wortes ein Menschenfreund, dem Not zu bindern, Tränen zu stillen und Trost zu spenden ein Herzensbedürfnis war. Das wissen alle diejenigen, denen er ein treuer Helfer in der Not war, das bezeugen verschiedene in den letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts in unserer Gemeinde entstandene kulturelle und Wohlfahrtseinrichtungen, die zum Teil aus seiner Initiative hervorgegangen find und zu deren finanzieller Sicherstellung er in hochherziger Weise beigetragen hat. Ich nenne nur den Wanderrednerfonds des Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland, die jüdische Lesehalle und Bibliochek, die israelitische Taubstummenanstalt in Weißensee, das Lehrlingsheim in Pankow, den Arbeitsnachweis, die alle mit dem Namen Adolf Ginsberg aufs innigste verknüpft sind und von seinen Hinterbliebenen in der ihnen eigenen Munifizenz noch jetzt unterstützt und gefördert werden. Ich kann das Bild des unvergeßlichen Entschlafenen nicht besser zeichnen, als mit der Wiedergabe der trefflichen Worrr, die Rabbiner Professor Dr. May bäum an seiner Bahre gesprochen hat: „Und wir denken daran, was er uns, seinen Glaubens- und Stammesgenossen, in zwei Ländern gewesen ist. Dort, in seiner früheren Heimat, wandten sich an ihn alle Verfolgten und Bedrückten, und er ward ihnen zum Annehmer und Beschützer durch seinen weitreichenden Einfluß; hier, in unserer Mitte, war er das tätigste Mitglied all der Vereinigungen, die wiederholt zum Schutze der Verfolgten entstanden, und der eifrigste und wirksamste Berater jener kleinen Schar opfermutiger Männer, die sich zur Abwehr des Judenhasses zufammengetan und durch ihre geräuschlose Tätigkeit gar manches Verderben von unserer Gesamtheit abgewender hatten. Wir werden es nie vergessen, mit welcher Begeisterung er uns zum Ausharren in dem Kampfe aufrief, als das Interesse für unsere Gesamtheit in unserer eigenen Mitte zu schwinden begann, wie er uns ermutigte durch seinen Glauben an die Menschen, und wie er in uns weckte das Vertrauen aus den Sieg der Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit." Das Andenken dieses am 22. Mai 1898 verstorbenen Mannes, dessen Geist in der ausgezeichneten Familie, deren Haupt er war, fortlebt und fortwirkt, wird auch von späteren Generationen in Ehren gehalten, als ein von Gott gesegnetes bezeichnet werden. A. K. Xtonor Nrichmhnm. Ein Gedenkblatt zu seinem 100. Geburtstage am 8. Mai d. I. Von Dr. Ad o l p h K o h u t (Nachdruck verboten.) s gibt einige glänzende Namen im deutschen Judentum, die gleichsam eine Dynastie des Geistes beziehungsweise der Wissenschaft, Literatur, Kunst, des Handels oder Industrie bilden. Das heißt, daß sie sich dessen rühmen können, daß schon ihre Ahnen ein Scherflein dazu beigetragen haben, die geistigen oder materiellen Güter Israels zu mehren. Ein solch ruhmreiches Geschlecht ist dasjenige des am 3. Mai 1814 — also genau vor einem Jahrhundert — geborenen und am 26. Januar 1868 in Berlin gestorbenen Leono r Reichen heim. Als Großindustrieller, Abgeordneter, Philanthrop gehörte er zu den geachtetsten Persönlichkeiten seiner Zeit, und sein Name ist noch jetzt mit zahlreichen von ihm ins Leben gerufenen WohltätigkeitSanstalten aufs innigste verknüpft. Die Gedächtnisrede, die der damalige Rektor der jüdischen Religionsschule Berlins an der Bahre des Verblichenen hielt, und die mir jj zur Verfügung gestellt wurde, gibt in so anschaulicher und zugleich wohltuender Weise ein Lebens- und Charakterbild des i| verdienstvollen Mannes, daß eine auszugsweise Wiedergabe jf dieser Gedächtnisrede die Bedeutung Leonor Reichenheims am ' ■ besten kennzeichnet. „An der Bahre", so führte Dr. Kirschstein H unter anderem aus, „trauern zahlreiche Menschen, denen er im s Leben nahegestanden, weil sie wissen, daß sein Herz voll Liebe und Zärtlichkeit für sie zu schlagen aufgehört. Es trauern ferner um ihn die Genossen seiner vielverzweigten Wirksamkeit,!. sowie die große Schar derer, die einen liebevollen und hilfsjj bereiten Wohltäter in ihm verloren." Vor allem seien es sein ij großer Arbeitstrieb und Arbeitslust gewesen, die man habe be- I; wundern müssen. In der Arbeit (so sagte, der Redner wörtlich) fand Reichenheim den größten Reiz seines Lebens, in der Arbeit .,i den einzigen Genuß. Seine edle Natur gewann die Arbeit lieb, und als sie nicht mehr für das eigene Haus vonnöten war, als sie ihm selbst die süßeste, der eigenen Tätigkeit abgewonnene ' n Frucht getragen, als die das große, weltberühmte Haus, eine; I Musterstätte des Gewerbefleißes in unserem Vaterlande, auf- ’j gerichtet, da stellte sich die in ununterbrochener Arbeit gestählte Kraft in den Dienst des Vaterlandes, die der Bürger Tugend i wachgerufen, die edelsten Gemüter mit dem Feuer der Begeiste-;; rung für der Bürger Freiheit und Bürger Glück entzündete, | das dem Ehrgeiz die edelste Pflicht und das höchste Ziel gegeben. >! Das Jahr 1848 eröffnete auch ihm eine neue Laufbahn. h Er begrüßte es mit einer Schrift über die Arbeiterfrage, und - von jener Zeit an wirkte er fast ungeteilt als Priester in dem ) heiligen Bürgertempel. Mit bewundernswertem Fleiße wußte er bereits im Mannesalter auch wissenschaftlich für den hohen ■ Beruf sich zu vervollkommnen. Der Klarheit seines Geistes,! verbunden mit einem ungewöhnlichen Gedächtnis, gelang es, i manche Lücken auszufüllen. Was er Großes und Segensreiches in seiner achtzehnjährigen parlamentarischen Tätigkeit für die politische Freiheit und die soziale Hebung in unserem großen Vaterlande und was er Großes und Segensreiches in den engeren Kreisen der Stadt Berlin getan, davon legt ein beredtes Zeugnis der Umstand ab, daß alle Ehrenämter, die aus der freien Wahl der Bürger hervorgehen, auf ihn gehäust worden sind. Sie ehren in ihm den würdigen Mitarbeiter an den hochherzigsten Bestrebungen, sie ehren in ihm den unbeugsamen Mannesmut und die edelste Bürgertugend. Die rastlose Tätigkeit, die leine Erholung, kein Vergnügen, ja die nötigste Ruhe sich nicht gegönnt, die in eifervoller Aufopferung des Lebens ihn nur zu früh zerstört hat; die rastlose Tätigkeit, die in der kurzen Spanne Zeit mehr Unvergängliches geschaffen, als ein langes Menschenleben sonst vermag." Die Eltern Leonor Reichenheims zeichneten sich von jeher durch einen religiösen Sinn aus, der auch maßgebend in der Erziehung ihrer Kinder war und sich dauernd in der hochherzigen Teilnahme derselben an allen Bestrebungen im Judentum bekundete. Im Sinne seiner Eltern war auch er bemüht, die hochherzigen Grundsätze auf dem Gebiete der Wohltätigkeit, speziell im Interesse seiner Glaubensgenossen, zu betätigen. Die innerlichen Interessen des Judentums förderte er stets mit dem ihm eigenen leidenschaftlichen Eifer. An allen Gemeindeeinrichtungen, sowohl den wissenschaftlichen wie denen der Wohltätigkeit, nahm er den wärmsten Anteil, gar viele verdanken ihm teilweise ihr Entstehen und seiner ungewöhnlichen und viel erprobten organisatorischen Wirksamkeit ihre Blüte. Ein geradezu erhebender Wohltütigkeitssinn zog sich wie ein roter Faden durch alle die Handlungen Leonor Reichenheims hindurch. Dieser Wohltätigkeitssinn war eben dem Juden Reichenheim geradezu typisch; gewissermaßen auch ein altes, von seinen Vorjahren ererbtes Gut. Wie er, der Edle, gab, wie

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