Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1914)
- Date
- 1914-05-08
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229143--70396-3282739- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- 224 - 1896 „Ein Trias von Willensmetaphysikern", populär-philosophische Essays, 1902 „Psychologisch-ästhetische Fragmente". Seitdem hatte Fräulein Rubinstein, wie sie mir vor längerer Zeit selbst berichtete, hauptsächlich in Zeitschriften, in erster Reihe in einer von Professor Rein in Jena herausgegebenen Zeitschrift, Arbeiten veröffentlicht. Insbesondere hatte sie sich als Schillerforscherin einen bedeutenden Namen gemacht. Das Thema einer Anzahl ihrer Abhandlungen bildete: „Probleme zu Schillers philosophischem Denken." Gerade die Schilleraufsätze, von denen gar manche auch in der „Vossischen Zeitung" erschienen, gehören zu dem Reifsten, was die Verstorbene geschrieben hat. Als Berufsphilosophin trat sie den Problemen Schillerschen Denkens ganz anders gerüstet als die eigentlichen Schillerforscher gegenüber; ihr seiner ästhetischer Sinn befähigte sie zu gleicher Zeit, die poetischen Schönheiten voll zu würdigen. Sämtliche Schriften der verewigten Philosophin, von der wir mit freudigem Hochgefühl sagen können: „sie war unser!", enthalten eine Fülle von Gedanken, von Wissen und Beobachtungen; die elegante Sprache, die feinsinnige und frische Darstellung lassen nicht ahnen, daß die Verfasserin ein von der gesellschaftlichen Welt fast abgeschiedenes Leben als Kranke hinbrachte. Vor mir liegt «ein vergilbtes Blatt. Nach ihrem 60. Geburtstage schrieb mir Fräulein Dr. Susanna Rubinstein am 24. September 1907 aus Bad Kissingen: „Ob zwar ich nur zu lebhaft das Bewußtsein habe, wie sehr Sie mich überschätzen, so beeinträchtigt dies nicht die Herzenswärme des Dankes, den ich Ihnen hiermit ausspreche. Man ringt, will und möchte aus sich heraus gestalten, wird aber doch durch das nagende Gefühl seiner Mangelhaftigkeit gar oft entmutigt. Bald ist es aus. Ihr Brief fiel in dieser kahlen, hoffnungsöden Lebenswende, wie ein Sonnenschein über ein starres, bleiches Winterbild." Lekamrte Berliner Glaubensgenossen. III. dolf Ginsberg wurde am 4. Mai 1838 zuCzenstochau an der preußisch-schlesischen Grenze geboren. Er entstammte einer alten, bekannten und geachteten Familie, die vor der napoleonischen Zeit aus Süddeutschland, vermutlich aus dem Elsaß, in Polen eingewandert war und vornehme Gesinnung und edle Lebensführung als Produkt deutsch-jüdischer Erziehung'mitgebracht hatte. Sein Vater, Meyer Ginsber.g, dessen Schreiber dieser Zeilen aus seiner frühesten Kindheit sich noch genau erinnert, lebte anfangs der sechziger Jahre vorübergehend in Lodz und erfreute sich gleich einigen anderen aus Deutschland und dem Innern Rußlands eingewanderten jüdischen Familien des Vorzugs, auf der Wulka, einer von deutschen Webern angelegten Straße, jetzt Petrikauer Straße genannt, wohnen zu dürfen. Dieses Recht besaßen zu jener Zeit nur diejenigen Juden, die von der Regierung als der Stadt und dem Lande nutzbringende Kaufleute und Industrielle anerkannt waren, zu denen auch Meyer Ginsberg zählte. Er galt schon damals als reicher Mann und genoß den Ruf eines ebenso klugen und weitblickenden erfahrenen Kaufmanns wie eines aufgeklärten, treuen und warmherzigen Juden. Meyer Ginsberg hatte fünf Söhne: Bernhard, Adolf, Wilhelm, Julius und Joseph, die, in echt jüdischem Geiste zu modernen Menschen von ihm erzogen und frühzeitig einem gesicherten Erwerbsleben zugeführt, zu den Höhen des Lebens emporstiegen und dem alten, klangvollen Familiennamen neuen Ruhm und Glanz verschafften. Der zweitälteste Sohn, Adolf, kam, nachdem er einige Jahre in einem großen Hause in Warschau einen Vertrauensposten bekleidet hatte, Mitte der sechziger Jahre nach Berlin und gründete 1870 von hier aus zusammen mit seinem Bruder Bernhard jenes große gewerbliche Unternehmen in Zawieroie, das in der Folgezeit die Firma Gebrüder Ginsberg zu den angesehensten des In- und Auslandes erhob und eine Quelle des Segens für viele Tausende von Angestellten- und Arbeiterfamilien wurde. Hier in Berlin lernte Adolf Ginsberg auch seine spätere Gattin, die Tochter von Julius Sachs, eine Schwester der in unserer Gemeinde segensreich wirkenden Herren Louis und G u st a v Sachs, kennen und lieben, vermählte sich mit ihr im Jahre 1866 und gründete so in seiner nunmehrigen Heimat ein Haus, das bald zu den angesehensten und vornehmsten der Berliner jüdischen Gesellschaft zählte, und in dem, den Traditionen der Familie Ginsberg getreu, Bildung und Religiosität, Schönheitssinn und Begeisterung für alles Gute und Edle das Zepter führten. In seiner Gattin fand Adolf Ginsberg nicht bloß eine treue Lebensgefährtin, sondern auch eine verständnisvolle Gesinnungsgenossin, eine begeisterte und opferfreudige Mitarbeiterin an der Verwirklichung seiner Ideale, die ihm während seines Lebens als erstrebenswertestesZielgalten und nach seinem Hinscheiden die Richtlinien ihrer humanitären Wirksamkeit bilden. Der glücklichen, vom Segen des Allgütigen begleiteten Ehe sind sechs Kinder, vier Söhne und zwei Töchter, entsprossen, die gleich der edlen Mutter Frau Franziska Ginsberg im Sinne des Heimgegangenen Familienhauptes zum Wohle der Armen und Bedürftigen, zum Segen und Heile ihrer verfolgten und bedrängten Glaubensgenossen schaffen und wirken und an allen Bestrebungen zur - Hebung des Judentums nach innen und außen den regsten Anteil nehmen. An Adolf Ginsberg, der treu in den Fußtapfen feines feinsinnigen Vaters wandelte, hatte sich in vollem Maße das Wort des Psalmisten bewährt: „Dein Weib wie ein fruchttragender Weinstock im Innern deines Hauses, deine Kinder wie Oelbaum-Sprößlinge rings um deinen Tisch. Siehe, also ist der Mann gesegnet, der den Ewigen fürchtet." (Psalm 128.) Das Judentum kennt keinen Unterschied zwischen Gottesfurcht und Gottesliebe; sie find ihm identische Begriffe, die gemeinsam an den Menschen die gleiche Forderung richten: in Adolf Ginsberg.