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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-08 · Heft 19 (8.5.1914) · p. Seite 223

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 19 (8.5.1914)
Date
1914-05-08
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
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228 Er hält es ebenfalls für wünschenswert, den Simultan gebrauch von Kirchen, *i>er in der Pfalz noch ziemlich, häufig sei, int Interesse beider Teile möglichst durch Ablösung zu bestlüqen, wozu der Staat seine Hilfe leih>en solle. Er gibt se i-ne c Befriedigung darüber Ausdruck, daß das Ministerium nun mit Ernst an eine Ne Vision des Juden edikts Herangehen will, deren Schwierigkeiten nicht zu verkennen seien. Gewiß dürfe man nicht in innerkirchliche Angelegenheiten der Israeliten eingreisen. Es müsse in einem neuen Gesetz ein Rahmen geschaffen werden, in dem sich beide kirchliche Richtungen gleichmäßig betätigen können. Von der Möglichkeit des Austritts und des Anschlusses an eine andere KultusMmein.de envarte man sich Gutes. Unter Umstanden müsse, um jede Gewisseusbedrückung zil vermeiden, die Bewegungsfreiheit aegeberr werden zur Bildung besonderer Gemeinden. Abg. Auer (Soz.) erklärt, der prinzipielle Standpunkt seiner Partei zu den kirchlichen fragen sei bekannt. Tür die kirchlrchen Verhältnisse der Juden erkennt er die Notwendigkeit einer Neuregelung an, unter Vermeidung einer Einmischung in innerkirchliche Ariculeaerlbeitcu Von neuen Rechtsbeschränkungen der Juden in Rußland meldet das „Berliner Tageblatt": Der Minister des Innern M-aklakow hat dem Kabinett einen Gesetzentwurf eingereicht, der neue bedeutende R e ch t s l e s ch r ä n - kn n g e n für die I u de n, Polen und Auslände r Vorsicht. Nach diesenr aus neun Punkten bestehenden Projekt dürfen Juden, Polen und Ausländer in den Westgouvernements und im Ansiedlungsrayon außerhalb der Städte, Mecken und Ansiedelungen! keine I m m o b i l i e n e r w erben., pachte n oder Hypothekar r i s ch beleih e n. Sollten derartige (gegenwärtig häufig vorkommende) Mlle entdeckt werden, so sind Kauf, Pacht oder Hypothek ungültig. Bisher bestehende Hypotheken müssen im Verlaus eines Jahrzehnts getilgt sein. Sie verlieren sonst ihre hypothekarische Kraft und werden zu gewöhnlichen Schuldscheinen. Inden dürfen ihre I m m o b i l i e n nur in direkter D e s z e n d e n z vererben. Jede Uebertretung dieser Bestimmung durch Käufer, Pächter oder Geldgeber soll mit acht Monaten Gefängnis und Konfiskation des Grundstücks geahndet werden, während der Verkäufer mit Ungültigkeit des Vertrages und Geldstrafe bedroht wird. Dem Andenken Sulanna Hubmltems, Dr. phil. Von R e g i n a N e i fi e v. ie bereits kurz gemeldet, ist in Würzlmrg Fräulein j Dr. pliil. Susanna Rubinstein gestorben. Die Verewigte zählte zu den hervorragendsten und idealsten Frauen unserer Zeit. In ihrem zarten Körper wohnte ein Feuergeist, eine eiserne Energie, so daß sie ungeachtet eines seit Jahrzehnten einsamen, zurückgezogenen Lebens, zu dem sie ein ein schweres, schmerzvolles Leben verurteilte, sich einen rastlos forschenden Wissenstrieb, ein warmes Herz für die Menschheit und einen offenen Sinn für alle Weltbegebenheiten bewahrte. Geboren am 20. September 1874 zu Ezernowitz in der Bukowina als die Tochter des Kaiserlichen Rats und Reichsratsmitglieds I. Rubinstein, war das junge Mädchen, das eine sehr sorgfältige Erziehung genoß, frühzeitig von dem Wunsche beseelt, Universitätsstudien zu absolvieren. Nach beendeter Schulzeit erhielt sie von den Professoren des Czernowitzer Gymnasiums Privatunterricht in sämtlichen Ghmnasialfächern, insbesondere in den beiden klassischen Sprachen, in Mathematik, Geschichte und Geographie. Nach glänzend bestandenem Abiturientenexamen bezog sie 1870 die Universität Prag, um dort Geschichte zu studieren. Sie hörte die Vorlesungen des bekannten Historikers Hösler, später machten jedoch die fesselnden Vorträge des Philosophen Volkmann einen so tiefen Eindruck auf sie, daß sie beschloß, sich ganz der Philosophie zu widmen. Volkmann beherrschte meisterhaft das Gebiet der Psychologie, als ein Anhänger der Lehre Herbarts, des Begründers der wissenschaftlichen Psychologie in Deutschland. Mit Begeisterung schloß sich die junge Studentin dieser Richtung an und drang infolge ihres musterhaften Fleißes bald in die schwierigsten Probleme der menschlichen Seele ein. Von Prag ging sie nach Leipzig, wo es ihr vergönnt war, den Vorlesungen der namhaftesten Professoren beizuwohnen. Trotz größter Vertiefung in ihre Studien pflegte sie auch dort die Geselligkeit. Sie verkehrte in den angesehensten Fn- .milien. Ueberall erregten ihre eigenartig interessante Erscheinung, ihre bescheidene Zurückhaltung, die fast an Schüchternheit grenzte, und ihre gediegene Unterhaltung die wohlwollendste Teilnahme. Dabei vermied sie nichts so sehr, als in Gesellschaft mit ihren Kenntnissen zu prunken. Nachdem sie das Rigorosum ebenso glänzend wie einst das Abiturientenexamen bestanden hatte, promovierte sie 1874 in Bern mit einer Inauguraldissertation, die den Titel führte: „Die sensoriellen und sensitiven Sinne." Diese erschien 1878 bei Edelmann in Leipzig. In dieser umfangreichen Abhandlung stellte sie das ganze reiche Leben der Sinnesempsindungen des Menschen dar, unter Berücksichtigung der Resultate der neueren Physiologie. Die selbständige Weise, in der sie hierin anftrat, veranlaßte die günstigste Aufnahme in Fachkreisen. Durch dieses Resultat ermutigt, setzte Susanna aufs eifrigste ihre Studien fort. Im Jahre 1878 veröffentlichte sie ein Werk: „Physiologisch-ästhetische Essays" (Heidelberg), C. Winters Universitätsbuchhandlung, ein Buch, das Aufsehen im Kreise der Fachgelehrten erregte. Ein schweres Leiden unterbrach oft die Arbeit. Nur der zähen Energie und dem rastlosen Fleiße gelang es, 1884 den zweiten Band der Essays dem ersten folgen zu lassen. Die in beiden Bänden enthaltenen Themata sind folgende: Das Leben der Sinne. Die Schicksale der Vorstellungen. Das Gedächtnis. Einbildungskraft und Phantasie. Die Sprache. Zeit und Raum. Die Bewegungsarten. Leidenschaft und Affekt. Naturgeschichte des Witzes. Psychologie der Geschlechter. Charakteristik der jüdischen, griechischen, indischen, der christlich-germanischen Phantasie. Diese Aufsätze sowohl als auch andere in Zeitschriften verstreute sind wahre Kabinettstücke, in denen die Verfasserin ihre Gedankentiefe, ihre Klarheit, den vornehmen, edlen Stil, die seine, weitreichende gediegene Bildung und ihre große Belesenheit bekundete Das Urteil eines scharfen Kritikers über Dr. Susanna Rubinstein lautete: „Diese merkwürdige Frau besitzt eine nicht gewöhnliche synthetische Begabung neben analytischer feinfühlender Kraft, gründlichste Gelehrsamkeit neben künstlerisch vornehmer Darstellungsgabe, erschütterndes sittliches Pathos neben Zügen schalkhaften Humors, lebhaften gegliederten Vortrag neben sprudelnder Unterhaltungsgabe, männlichen Verstand neben weiblicher Anmut und Zartheit." In den letzten Jahrzehnten lebte Fräulein Dr. Susanna Rubinstein abwechselnd in Leipzig, Heidelberg, München, Wien, Berlin, Dresden, alsdann ihres sich immer steigernden Leidens wegen lange in Wiesbaden, später in Wertheim am Neckar und zuletzt in Würzburg, wo sie, von wenigen Freunden umgeben, ein vereinsamtes, stiller Geistesarbeit gewidmetes Leben führte, dankbar für jeden Beweis treuer Gesinnung. Im Gegensatz zu anderen Kranken, die ihr Zustand selbstsüchtig macht, blieb Susanna Rubinstein bis zum Ende von seltener Fürsorge um andere, voll feinen Mitgefühls und unbegrenzter Wohltätigkeit. Nichts bereitete ihr, der Hilfsbedürftigen, mehr Schmerz, als wenn sie selbst nicht zu helfen vermochte. Im Jahre 1888 erschien: „Aus der Innenwelt", psychologische Studien, 1890 „Zur Natur der Bewegungen", 1892 „Aus dunklem Grunde", 1894 „Ein individualistischer Pessimist",

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